Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1901)
- Date
- 1901-04-26
- Page
- Seite 198 (sequence 8)
- Language
- German
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198 Altersversorgung- und Siechenhäuser sind da und dort — vorwiegend in größeren Städten — erstanden, und man sollte glauben, das Menschenmögliche sei auf diesem Gebiete geschehen. Sehen wir aber genau zu, so werden wir erkennen, daß noch Zu thun übrig geblieben ist, namentlich wenn das Unglück sich dort einstellt, wo es an entsprechenden Anstalten und Mitteln fehlt, aus dein Lande. Da können Fälle eintreten, in denen man bei dem besten Willen nicht ein noch aus weiß. Der folgende Falt möge das illnftriren: er betrifft einen alleinstehenden, blinden und zugleich tauben Mann in hiesiger Gemeinde. Durch den vor einem halben Jahre erfolgten Tod seiner einzigen — in Deutschland lebenden — Schwester, welche den unglücklichen Bruder in treuer Hingebung Pflegte, ist derselbe vollständig verlassen, wenn nicht edeldenkende Menschen sich seiner annehmen. Der Vorstand der hiesigen Synagogengemeinde trat selbstredend sofort in die Bresche, indem er die vorläufige Aufnahme des Armen in das hiesige städtische Krankenhaus erwirkte. Indes; hier konnte und sollte Letzterer nur so lange bleiben, bis eine entsprechende jüdische Anstalt sich gefunden, die dem vom Schicksal so hart betroffenen Manne ein dauerndes Heim gewähren würde. Der genannte Vorstand wie auch Schreiber dieses wandten sich nun an die Verwaltungen von Siechen- und Altersversorgungshüusern verschiedener Städte wie Berlin, Hannover, Frankfurt a. M., mit der Bitte um Aufnahme des betreffenden Armen. Nicht nur, daß das einige Tausend Mark betragende Vermögen Desselben jener ihn ausnehmenden Anstalt als Entschädigung zufallen sollte, auch die hiesige Gemeinde erklärte sich durch ihren Vorstand bereit, eine jährliche Subvention Zu den Koster: des Unterhalts Zu Zahlen. Doch alle Bitten, Vorstellungen und Bemühungen waren vergebens. Ueberalt waren es die böser: Statuten, welche es verhinderten, daß ein armer, unglücklicher Jude seinen trüber: Lebensabend in einer jüdischen Anstalt unter seiner: Glnubensbrüdern hätte verbringen können. In Berlin nimmt mar: nur solche Kranke auf, die daselbst längere Zeit ansässig sind, in Hannover muß der Aufzunehmende mindestens 60 Jahre alt sein, und dazu fehler: unserem Klienten noch 6—7 Jahre, während Frankfurt a. M. die Aufnahme außer auf die Stadt selbst nur noch auf die nähere Umgebung beschränkt. Es liegt mir nur: fern, die Berechtigung solcher Paragraphen in den Statute:: der hier in Betracht kommenden Anstalten in Frage zu stellen, ja dieselben mögen mit Rücksicht auf die vorhandene!: oder nicht vorhandenen Mittel sogar unumgänglich nothwendig sein, allein angesichts des hier vorliegender: sehr traurigen Falles, des jeder: nur einigermaßen mitfühlenden Menschen tiefergreifenden Elends, drängte sich nur wiederholt die Frage auf, o bnichteirre d er erwäHuterr Anstalten eine Ans nah me hätte gelter: lasser: können und müssen! Wie ost kommt es nicht vor, daß selbst Gesetze modifizirt werden, und hier sollte es nicht möglich sein, eine Ausnahmebestimmung gelten zu lasser:? Wo bleibt da die vielgerühmte jüdische Wohlthütigkeit? Man hät hier getharr, was zu thun war, indes; der Erfolg blieb ans. Ter unglückliche Glaubensbruder wurde dieser Tage seitens der Stadt in ein Armenhaus gebracht. Mir blutet das Herz, wenn ich an den Jammer denke, rrrit dem er sich von mir trennte. Als letztes versuche ich das Mittel der Veröffentlichung dieses Falles mit dem Rufe: „Wer bringt hier Hilfe?" Möge die Gesarnrntheit auch mit diesen: Kapitel der Wvhlthätigkeit sich bald und erfolgreich beschäftige!:! Bogumil Goltz. g Von Na hi da Ruth Lazarus. "W^m Anschluß an den Artikel von Dr. A.Kohut über „Bogumil Goltz und die Juden" möchte ich auf Bogumil Goltz' Beziehung zu Lazarus Hinweisen, eine Beziehung, die so liebenswürdige Charakterzüge enthält, daß sie wohl auch Ihre Leser iuteressirer: dürste. Die erste Anknüpfung war folgende: Bogumil Goltz, der Lazarus persönlich ganz unbekannt war, hatte, wie man vorn Verfasser des Bnches der „Kindheit" nicht anders erwarten kann, das lebhafteste Interesse auch für die wissenschaftliche Erkenntnis; der erster: Entwicklungsstufen des Menschen. Goltz hat deshalb auch das „Leben der Seele" von Lazarus mit dankbaren: Eifer studirt, insbesondere den zweiten Band, welcher das Thema: Geist und Sprache behandelt, und in diesem wiederum besonders das dritte Kapitel über das Erleruer: der Sprache und das wachsende Verständniß der Kinder mit Vorliebe gelesen. Zu Weihnachten 1858 oder 59 erhielt Lazarus von Goltz einer: sehr ausführlichen Brief und eine umfangreiche Kiste; der Brief schilderte in echt Goltzscher Art, mit sprühenden Funker: und lohenden Flammen, seine unbändige Freude darüber, daß auch Lazarus sich ir: die Seele des Kindes vertieft habe. Seinem Dank aber habe er auch einen reellen Ausdruck geben wollen und bäte Lazarus deshalb, der: Inhalt der beifolgender: Kiste mit kindlicher Einfalt anzunehmeu und — zu Verzehrer:. In dem genannten Kapitel hatte Lazarus an die Scherzfrage der Kinder: Warum heißt Thorr: Thorr:? und die Antwort: Weil vor: dort die Thorner Lebkuchen kommen! eine sehr eindringliche und ausführliche psychologische Reflexion angeknüpst?) Und nun enthielt die vorgenannte Kiste zur Belohnung einen etwa dreiviertel Meter laugen und einen halben Meter breiten, zugleich sehr dicker: und reich mit Mandeln gespickten — Thorner Lebkuchen!-) Das Zweite, was mir Lazarus rnittheilte, entbehrt noch weniger des humoristischen Beigeschinacks, durch welchen der Antor und der Mensch Goltz immer auf gleiche Weise kontrastisch aber wohlthuend wirkte. „Etwa ein Jahr nach jenen: Weihnachten kam Boguinil Goltz zum erster: Mal nach Berlin," erzählt Lazarus, „und suchte mich natürlich sehr bald ans. Kohut hat an: Schluß seines Aufsatzes bemerkt, daß „des Ferdinand Lassalle geniales, stürmisches und vulkanisches Temperament Goltz kongenial und sehr sympathisch war". Dieses vulkanische Weser: machte sich auch äußerlich geltend und sollte meiner Frau einer: großen Schreck eiujageu. Unsere Dienerin hatte nur einer: Herrn, natürlich mit verstümmeltem Namen, gemeldet, worauf sich meine Frau sofort ms Nebenzimmer zurückzog. Bogumil Goltz hatte, wie viele Slaveu, die Gewohnheit, sehr sauft und y Ich lasse sie hier weg; wenn der Leser sich aber dafür iateressirt. findet er sie im zweiten Baad des „Leben der Seele", Seite 194 s. 0 Daß Goltz damals in Thora lebte, ist aus Kohuts Skizze schon bekannt.