Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1901)
- Date
- 1901-04-26
- Page
- Seite 197 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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197 ändern, zu deren Zusammensetzung man sich nicht von gestern zu heute entschlossen habe, und welche als den Bedürfnissen der Berliner Jugend entsprechend erklärt worden sei. Es sei bisher ohne Dr. Eichel - bacher gegangen und der Gottesdienst werde, so bedauerlich es sei, mit der bisherigen Agende weiter gehalten werden. Die neue Agende unterscheide sich im Uebrigen gar nicht so sehr von der, welche die Konservativen wünschten. Für die Fortlassung des Gebetes Uwo lezijon sei vielleicht der Grund der Fortlassung gewesen, daß es mit aramäischem Idiom durchsetzt sei, vielleicht auch, wie es ein konservativer Prager Siddur angebe, weil es nur eine Wiederholung der Kedduscha enthalte und für die in die Synagoge zu spät Kommenden berechnet sei. Die Frage, um die es sich handle, sei jedenfalls noch nicht genügend geklärt und man dürfe zu einer Aendernng der Agende nur schreiten nach sorgfältiger Berathung mit den sachverständigen Rabbinern. Er beantrage deshalb, die Vorlage einer gemischteil Deputation zu überweisen. Nach Professor Lewins Ansicht läßt der Antrag die Unbilligkeit in jedem seiner Theile so durchblicken, wie es ihm noch niemals vorgekommen sei. Die Idee eines konservativen Jugendgottesdienstes habe nicht im Schoße des Vorstandes geschlummert, sie rühre von den konservativen Mitgliedern der Versammlung her. Alles, was jetzt zur Ausführung käme, rühre auS langen Kämpfen her. die die Konservativen eingeleitet unddurchgefochten hätten. Im Gemeindevorstand, so ruft der Redner mit gewohnter Emphase aus, herrsche der wahre „JacobinismuS". der auf Abschaffung der Religionsübung Hinziele, Herr Jacoby sei der treibende Faktor in der Negation. Als unparteiisch könne er das Vorgehen des Vorstandes nicht bezeichnen, an der Stelle, wo ein Sachs gepredigt habe, den konservativen Jugendgottesdienst nicht einzuführen. Unter unparteiisch verstehe er, daß vor allen Dingen nicht dieses Abschaffungsgelüst im Gemeindevorstand herrsche. Das Wort Zion halte man für bedenklich, die historischen Erinnerungen sollen ausgelöscht werden. Man brauche jedoch nicht Zionist zu sein, um sagen zu können, daß alle Gründe in der That absolut unzulänglich seien gegenüber diesem einen Grunde, der den Vorstand veranlaßt habe, die neue Agende iu der bestehenden Form einznrichten. Wenn nur ein einziges Mitglied der Gemeinde an der Agende Anstoß nehme, habe der Vorstand die Verpflichtung sie abzuändern. Die Agende sei den Konservativen in einer gewaltsamen Weise aufgedrängt worden. Es handle sich betreffs der Aenderung nicht allein um das Gebet Uwo lezijon, sondern es seien in der jetzigen Agende Dinge von grundlegender Bedeutung fortgelassen, mit denen das Judenthum stehe und falle. Vorsteher Jacoby weist in scharfen Worten die Behauptungen Lewins zurück und bezeichnet die Anspielung auf seinen Namen als billiges Wortspiel, auf das er keinen Werth lege. Er führt aus, daß lange bevor an Professor Lewin zu denken gewesen sei, bereits mit dem Ministerium Verhandlungen betreffs der Einführung des jüdischen Religionsunterrichts gepflogen worden seien. Lewin sei nur der Vertreter seiner Anschauung, während der Gemeindevorstand die^Ansicht sämmtlicher Mitglieder der Gemeinde zu vertreten habe. Dem Wunsche eines Theiles der Gemeinde habe man durch die Berufung Eschelbachers Rechnung getragen. Es sei aber ein Sprung ins Dunkle, etwas wieder zu schaffen, was bereits beseitigt gewesen sei. Der Jugendgottesdienst solle versuchsweise in der Kaiserstraße eingerichtet werden, doch sei der Vorstand nicht abgeneigt, ihn auch später iu der Heidereutergasse einzuführen. Prof. Blaschke weist zunächst an der Hand von Thatsachen die Behauptung Lewins zurück, daß den konservativen Mitgliedern die Einführung des jüdischen Religionsunterrichtes an den höheren Schulen zu danken sei. Das Wort Zion habe bei keiner Schaltirung im Judenthum Anstoß erregt, wohl aber die Sehnsucht nach Zion, welche die Ausführung der Pläne enthalte, welche der Zionismus aus seine Fahne geschrieben hätte. Den Gedanken, den der betreffende Satz ausdrücke. würden die geschmähten Liberalen zu allen Zeilen im Wort, im Leben und in der Lehre hoch halten. Was in grauer Vorzeit von den Juden geübt worden sei, werde auch in der neuen Agende geübt. Die Vorlesung aus der Thora werde vom Rabbiner ins Deutsche übertragen und gegen das Beten des Olenugebetes in deutscher Sprache könne wohl auch nichts eingewendet werden. Dr. Eschelbacher verwerfe überhaupt den Jugendgottesdienst und erkenne nur denjenigen als bedeutungsvoll an, der von den Eltern mit ihren Kindern besucht werde. Der Gottesdienst in der Kaiserstraße werde zweifellos gut besticht werden, aber es müßte erst bewiesen werden, daß er wegen des alten Ritus so gut besucht sei. Die Bedenken des Vorstandes seien wohl zu würdigen, weil Gotteshaus und Lehrhaus identisch sein müsseu. Er werde in erster Reihe für den Antrag Löwe stimmen. Herr Leonhard Sachs giebt an, daß allerdings bei der Einführung der neuen Agende eine allgemeine Empörung unter den konservativen Gemeindemitgliedern geherrscht habe, daß Alles über einen Kamm geschoren sei. und tritt in lebhafter Weise dasür ein, daß der Beschluß in erster Linie in der alten Synagoge zur Ausführung gelangen sollte. Nachdem Landgerichtsrath Löwe nochmals für seinen Antrag plaidirt, schlägt Professor Baginsk.y einen Kompromißantrag dahin vor, die Vorlage einer gemischten Deputation zu überweisen, aber in der Zwischenzeit den Jugendgottesdienst in der alten Synagoge einzurichten. Der Referent der Vorlage, Geheimrath Blumenthal, befürwortet eindringlich den Kommissionsantrag, den Jugendgottesdienst in beiden Synagogen einzuführen. Vorsteher Rechtsanwalt Lilienthal gesteht zu, daß der Vorstand nachholen wolle, was er bisher gefehlt hätte, bittet aber, sich vorläufig mit der Einführung des Gottesdienstes in der Kaiserstraße zufrieden geben zu wollen. Damit schließt die Debatte, es folgen noch mehrere persönliche Bemerkungen. Es liegen für die Abstimmung drei verschiedene Anträge vor, unter denen der weitestgehende der auf Ueberweisung an eine gemischte Kommission ist. Und das Resultat der Debatte — es ist schwer, darüber* keine Satire zu schreiben! Nachdem sich die Konservativen in fast zweistündiger Debatte gemüht hatten, ihrem Rechte sofort zum Siege zu verhelfen, wurde in der Abstimmung durch die Stimme des konservativen Mitgliedes Herrn Neufeld zu Gunsten der Ueberweisung des Antrages in eine Kommission der Ausschlag gegeben. Der Antrag auf Kommissionsüberweisnug fand mit neun gegen acht Stimmen Annahme. Unter stürmischer Heiterkeit wurde die öffentliche Sitzung geschlossen, nachdem noch die Vorlage betreffs des Schulgelds in den Religionsschulen von der Tagesordnung abgeseht war. — In ,der darauf folgenden geheimen Sitzung wurden von Herrn Löwen thal die Endzahlen des Gemeindehaushaltsetats gegeben, in welchem die Spezialetats nur mit ihren Salden je nach dem Ueberschuß, den sie bringen, oder dem Zuschuß, den sie erfordern, enthalten sind. Der Etat schließt rund mit 1490000 Mark ab, wovon rund 1200000 Mark durch Beiträge von Gemeindemitgliedern anszubringen sind. — Zn unserem Bedauern ist in dem vorigen Repräsentantenbericht die bemerkenswerthe Allgabe des Herrn Loewenberg fortgebliebeu, daß denKoscherfleischhändlern auch nicht die geringsten Kosten durch die Aussicht des Rabbinats entstehen. Die Schlachtkosten sind sehr geringe und werden überdies den Detailhändlern von den Engrosschlächtern zurückerstattet; die Beiträge zur Pensionskasse werden den Schlächtern bereits seit mehreren Jahren erlassen, weil der Fonds in der glücklichen Lage ist. keine Zuschüsse zu brauchen. Es ist mithin durchaus unverständlich, daß so viele Schlächter sich weigern, unter die Aufsicht des Rabbinats zu treten. Vollkommen unberechtigt sind aber auch, und das erscheint uns außerordentlich wichtig, die hohen Fleischpreise, welche die Detailhändler unter Berufung ans die Kosten der Aufsicht den Konsumenten abfordern. Herr Loewenberg hat sich unzweifelhaft ein Verdienst erworben, diese Thatsachen vor der Oeffentlichkeit klar gestellt zu haben. — Wie uns von zuverlässiger Seite noch mitgetheilt wird, sind die vakanten Dirigentenstellen unserer Religionsschulen besetzt worden. Zum Dirigenten der ersten Religionsschule ist Seminarlehrer Maren se, für die vierte Religionsschule Rabbiner Dr. K e l l e r m a n n-Könitz gewählt worden. Zum Kapitel der Wohlthatigkeit. „ Von A. Stern. Lehrer in Ascherslebe».^ zu den regelmäßigen Lesern jüdischer Zeitungen gehört, der weiß, daß das Thema, dem die nach- - folgenden Ausführungen gelten, gewiß nicht zu den selten besprochenen gehört. Die Sorge für unsere Armen, die Pflege der Kranken war und ist ein Gegenstand, der namentlich in jüdischen Kreisen in erster Linie Beachtung findet, dem die Besten und Edelsten ihre Kraft geweiht haben. Kranken-