Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1901)
- Date
- 1901-04-26
- Page
- Seite 195 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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195 legung seiner Thesen erwartet er wohl selbst nicht. Das war ja gar nicht der Zweck derselben. Zur Jllustrirung russischer Zustände mag der folgende Bericht dienen, der uns von unserem Korrespondenten in Kiew zugeht: Die Leibeigenschaft der Juden, die cke Zuio nie existirt hat, scheint äe facto das Privilegium der herabgekommenen südrnssischen Gutsbesitzer zu sein, welche keine Gelegenheit unterlassen, um ihr Müthcheu an den Juden zu kühlen. Ein angesehener, dem hohen Adel angehörender Gutsbesitzer Namens Masloff (sollte das ein Verwandter des braven Masloff aus Könitz sein?), übt unter dem Schutze einflußreicher Beziehungen derartige Grausamkeiten an Inden, daß die Durchfahrt durch sein Gut von den in der Umgebung wohnenden Juden wie ein verpestetes Gebiet gemieden wird, aus Furcht in die Hände seiner Henker zu fallen, die unbarmherzig prügeln und malträtiren, ohne von ihrem Herrn oder von der Behörde geahndet zu werden. Ein armes jüdisches zwölfjähriges Bübchen, welches die maßlose Verwegenheit hatte, an einem heißen Sonnnertage im Schatten eines dem Herrn Masloff gehörenden Fichtenbaumes Erholung zu suchen, wurde auf Befehl des gestrengen Herrn derart durchgeprngelt. daß es kaum noch athmend ins Elternhaus gebracht wurde. Derartige Fälle kommen in der Maslofflschen Besitzung so häufig vor, daß man sich nicht mehr wundert, wenn die Zeitungen von einer neuen bei M. veranstalteten Prügelszene erzählen. Ein anderer Gutsbesitzer Namens Hurkowski, dem der Nus des Herrn Masloff Neid einzuflößen scheint, bewies vor Kurzem, daß er in der Judenprügelei seinem bewährten Kollegen nicht nachsteht- Allein diesmal war die Szene so grausam, so unerhört, daß die Behörde nicht mehr die Augeu schließen konnte, und der Staatsanwalt, an den sich der mißhandelte Jude mit einer Klage wendete, sich veranlaßt sah, der Sache weiteren Lauf zu geben. In der Klageschrift, die in sämmtlichen Zeitungen der Südprovinzen veröffentlicht und viel besprochen wird, heißt es: „Am Freitag den 2. (14.) März fuhr ich von Uskarest na l Radomysl. Es war 2 Uhr Nachmittags als ich mich dem Gute des Herrn Ludwig Hurkowski näherte. Plötzlich sprangen aus dem Dickicht des Waldes zwei Männer heraus, die nachher als die Diener des Herrn Hurkowski eruirt wurden, überfielen uns und begannen uns mit Stöcken zu bearbeiten. Meine Frau und ein Herr Josef Gräbermann, die mit mir im Wagen saßen, sprangen aus dem Wagen und flüchteten sich ins nahe gelegene Dorf. Ich hatte leider keine Zeit mehr, ihrem Beispiele zu folgen. Ich fing an zu bitteil und zu flehen, man möge mich loslassen, da der Sabbath heraunaht, überdies möge man mir sagen, was für ein Verbrechen ich begangen habe. „Still. Judenhnnd, und folge uns!" war die kurze Antwort. In einigen Minuten befand ich mich in der Gutsverwaltnngs-Kanzlei. wo der Bevollmächtigte des Gutsherrn mich erwartete. Herr Hurkowski selbst war nicht zu Hause. Ohne ein Wort fallen zu lassen, befahl der Gntsv'erwaUer einem Diener, mir eine Ohrfeige zu versetzen, was dieser aufs Gewissenhafteste erfüllte. Ich wurde von dem heftigen Hiebe betäubt, und als ich nach einigen Minuten zu mir kam. begann ich wiederum zu flehen. Um Gotteswillen, wosür mißhandelt Ihr mich? Schweig. Jude, antwortete mein Peiniger kalt, das ist nur die Einleitung; das Wichtigste -kommt noch. Man legte mich auf eine Bank nieder und begann mich mit Ruthen zu hauen. Ich schrie, bat um Mitleid, allein meine Henker achteteil nicht darauf. Gieb Geld! hörte ich endlich die heisere Stimme des Gutsverwalters. Ich habe kein Geld, antwortete ich. Gieb Geld, sollst schieße ich Dich todt! bekam ich zur Antwort, und bald darauf krachte es fünfmal aus einem Revolver an mir vorüber. Ich siel auf die Kllie uild flehte weinerlich um Erbarmen. Da wurden zwei große Hunde hereingeführt, man füllte meine Taschen mit Brod, und die Hunde, die den Leckerbissen rochen, faßten mich bei den Kleidern und bissen und rissen mich. Nachdem auch diese Folter zu Ende war, begann eine neue. Ein Strick wurde mir über den Hals geworfen, mit der Absicht, mich zu würgen, wenn ich kein Lösegeld gebe. Herr! schrie ich, bedenken Sie. daß Sie vor Gericht gezogen werden! So? antwortete mein Peiniger, bist Du auch geßtzkundig? Hast Du vielleicht Militärdienst geleistet? Ich bin ja gewesener Offizier. Wollen wir eiil wenig Militärnbungen machen. Also, Eilschritt! Ich zögerte ein wenig. Da bekam ich eitlen Hieb auf den Kopf, daß ich einige Zeit bewußtlos blieb. Ich mußte mich endlich fügen. Ich mußte allerlei gymnastische Hebungen ansführen, schwimmen, über eine Ofenkrücke springen, schließlich zwang man mich. Schweinefleisch zu essen. Man durchsuchte meine Taschen, nahm das Geld und den Reisepaß weg. und ich wurde endlich geistig und körperlich gebrochen fortgeschickt. Gegen 12 llhr Nachts kam ich halbtodt nach Nadomhsl." Die Blätter, welche diese Martergeschichte erzählen, sägen hinzu, daß in der Bittschrift vieles noch verschwiegen wurde. Das Strafgericht wird hoffentlich die Schuldigen der verdienten Strafe nicht entgehen lassen, worüber wir rechtzeitig berichten werden. r Das Passahfest ist natürlich nicht vorübergegangen, ohne daß hier und da das unselige Blutmärchen auftauchte. Am gefährlichsten waren früher solche Dinge im Orient; heute weiß nian sie auch dort auf ihren Ursprung zurückzuführen, wie uns der folgende Bericht aus Smyrna zeigt: „Am 26. v. M. verbreitete sich hier das Gerücht, daß ein 16 jähriger Grieche, der im Hcmdelshanse Tenophas L Eonip. eingestellt und bereits seit mehreren Tagen abgängig war, von den Juden zu rituellen Zwecken gemordet worden sei. Tags darauf begannen überall Massenansaunnlungen, und von mehreren Seiten wurden an armen Inden verübte Tätlichkeiten gemeldet. Dank dem energischen Eingreifen des Geireralgonoernellrs Kiamil Pascha mW des Polizeipräsidenten wurde ein Ileberfatl des Jndenviertels seitens der griechischen Elemente verhindert. Das griechische und das Jndenviertel wurden militärisch besetzt. starke Militärpatrouillen unter Ansührnng von Polizeikonnnissären, durchstreiften alle Straßen der Stadt, und alle Geschäfte mußten schon Nachmittags geschlossen werden. Am 28. stieg die Aufregung, und die Griechen erstürmten die griechische St. Photinee-Kirche, erkletterten den Glockenthurm und begannen Sturm zu läuten. Infolge dessen strömte von allen Seiten bewaffnetes Volk zusammen, und das türkische Militär, welches die ganze Zeit hindurch eine musterhafteHaltuug eingenommen hatte, schritt mit anfgepflanztem Vajounett ein, bei welcher Gelegenheit 15 Griechen verwundet wurden, von denen einer gestorben ist. Die erregte Menge begann gegen den griechischen Erzbischof Drohungen und Schimpfworts auszustoßen, weil er nicht genng energisch gegen die Juden vorgegangeu sei. und zwangen ihn, den jungen Mann beim Generalgonverneur zu reklamiren. Bei vielen jüdischen Notabeln. welche im Frankenviertel und am Quai wohnen, wurden die Fenster eingeschlagen. Die Polizei hat viele Verhaftungen vorgenommen, zumeist Fleischhanergesellen und sonst verdächtige Burschen. Da gelang es Mittags der Polizei, den Jungen in Gesellschaft eines seiner Freunde in einem Vororte ausfindig zu machen. Er gab an. nach einem Streite mit seinem Bruder den Entschluß gefaßt zu haben, sich einige vergnügte Tage zn bereiten. Die Mutter, die davon Kenntlich hatte, verschwieg dies und streute das Gerücht aus, die Inden hätten ihr Kind umgebracht. Man schätzte die Zahl der angefammelt gewesenen Menge, welche beschlossen hatte, das Indenviertel zu stürmen, auf 10 600." - Aus der Berliner Gemeinde. 8. Berlin, 21. April. heutige beinahe vier Stunden währende Repräsentanten- Versammlung, welcher der zweite stellvertretende Vorsitzende Herr L o e wen berg präsidirte. bot in der Vorlage betreffend die Beteiligung der jüdischen Schüler am Religionsunterricht und in der Vorlage betreffend den Jugendgottesdieust nach altem Ritus recht viel Interessantes. Die erstgenannte Vorlage nehmen wir zum Gegenstand eines Sonderartikels, den unsere Leser in der nächsten Nummer finden werden. An dieser Stelle.fügen wir nur hinzu, daß nach Schluß des -sehr eingehenden Referates von den Herren B ln mell thal, Senato.r