Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 Herr Kaufmann L o u is Bieberf eld. Derselbe ist seit einer Reihe voll Jahren auch Stadtverordneter und war früher ein halbes Jahrhundert hindurch Obermeister der seiner sehr Zeit bedeutenden Lissaer Kürschnerinnung. Durch die Aufopferung und Pflichttreue, welche der Jubilar in seinen Aemtern stets an den Tag gelegt hat (die jüdische Gemeinde ist ihm für seine ökonomische Verwaltung besonders verpflichtet), sowie auch durch seine persönliche Liebenswürdigkeit hat sich derselbe in weiten Kreisen viele Freunde erworben, wofür die große Zahl der eingegangenen Glückwünsche ein sprechender Beweis war. Der Magistrat hatte unter Führung des Herrn Oberbürgermeisters Hermann eine Deputation entsandt, welche dem Jubelpaar im Namen der Stadt gratulirte. Voll dem Kaiser und Köllig ist dem letzteren die Ehejubilän msmedaille verliehen worden. Die jüdische Gemeinde, welche ebenfalls durch eine Deputation vertreten war, widmete dem Jubelpaar einen kostbaren Tafelaufsatz. Von dem Rath und der Handelskammer der alten Meßstadt Leipzig wurden die Verdienste des Herrn Bieberfeld ebenfalls schon vor Jahren durch eine Glückwunschadresse anerkannt. Möge dem Jubilar ein frohes Lebensabend beschieden sein! X Warmvrmrrr, im April. Am 10. v. M. entschlief nach schwerem, hoffnungslosem Leiden im Alter von nur 46 Jahren der Kaufmann Julius Reich. Galt seine nach außen wenig hervortretende Thätigkeit auch in erster Linie dem Badeort Warmbrunn, für welchen er 25 Jahre hindurch in Wort und Schrift unermüdlich wirkte, so verdankt doch auch der gelammte Kreis ihm zahlreiche, fruchtbringende Allregungen. Vielen seiner Mitbürger und unzähligen Fremden war er ein treuer, zuverlässiger Berather und Helfer, wozu ihn neben seinem scharfen, rasch erfassenden Verstände und stillen umfassenden Kenntnissen eine in der Welt leider sehr selten a„- zutreffeude völlige Selbstlosigkeit ganz besonders befähigte. Alles Scheiuwesen war ihm verhaßt, und gern und neidlos überließ er jede äußere Anerkennung Anderen. Nur seine nächsten vertrautesten Freunde vermochten Einblick zu gewinnen in die geistige Atmosphäre, in welcher der Entschlafene, ein Mann von lauterster Gesinnung und ungewöhnlicher Begabung, lebte und unermüdlich wirkte. Weder körperliche noch seelische Leiden — letztere nicht selten durch sein schwer zu beherrschendes, leidenschaftliches Temperament gesteigert — raubten ihm jemals die Freude an selbstlosem, nützlichem Schaffen; für mich war Julius Reich eine — leider so selten anzutreffende und noch seltener voll der Mitwelt begriffene Verkörperung dessen, was am zutreffendsten mit dem Ausdruck „Arbeitsglück" bezeichnet wird. In dankbarer Anerkennung erwiesen mehrere Vereine in Warmbrunn durch sinnige Schmückung des Sarges ihrem einstigen Vorstandsmitglieds die letzte Ehre. Reich ist auf dem jüdischen Friedhofe in Hirschberg beerdigt worden. 6. Essen, 3. April. Der Jahresbericht der Unterstützuugskasse des Vereins israelitischer Elernentarlehrer für Rheinland undWestfalen macht folgende sehr erfreuliche Mittheilnugen: Der Verein zählt z. Z. 142 Mitglieder. Er ist demnach der stärkste im Verbände der jüdischen Lehrervereine. Von diesen gehören 110 dem Vereine und der Unterstützuugskasse an und nur 32 dem Vereitle allein. Erfreuliches kann auch über die Fortschritte der Unterstützungskasse berichtet werde,!. Sie bildet die werbende Kraft des Vereins. Die Einnahmen von 15 396.65 Mark überstiegen noch die des Vorjahres und waren sonnt die höchsten seit dem 44jährigen Bestehen des Vereins. Es konnten deshalb ca. 9300 Mark zu Unterstützungen festgesetzt werden, eine Höhe, wie bisher nicht gekannt war. Dagegen überstiegen auch die nach den Statuten berechtigten Ansprüche alle bisher geltend gemachten. Im vorjährigen Bericht finden wir nicht weniger als 172 Quoten, welche im Lanf des Jahres auf 177 stiegen und zu Beginn dieses Jahres sogar auf 189 angewachsen sind. Und diese Zahl wird im nächsten Jahre noch steigen. Trotz dieser ganz ungewöhnlichen Zunahme der Unterstütznngsberechtigten konnte dank den Einnahmen die Quote auf der ungefähr gleichen Höhe des Vorjahres bleiben (49 statt 50 Mark des Vorjahres). Eine Schmälerung der Pensionen und Unterstützungen aber muß sicher eintreten, wenn die Kollegen nicht mit aller Kraft für die Vermehrung der Einnahme!, wirken. — Daß die Einnahmen dieses Jahres jene Höhe erreichten, verdankt die Kasse besonders Herrn Rabbiner Dr. Frank in Köln. — Ehrenmitglieder des Vereins sind: Geheimer Regier,nrgsrath Professor Dr. Lazarus in Meran, Sanitätsrath Dr. Kronenberg in Höhscheid-Solingen, Professor Dr. Lefmann in Heidelberg, Kaufmann A. Feldheirn in Bielefeld. Kaufmann D. M. Ganz in Herford, Fabrikant Jacob Lippmann in Aachen, Kommerzienrath M. Beer, Stadtrath in Essen, Kaufmann Julius Weiß in Bielefeld, Frau Stadtrat Dr. Weigert in Berlin, Rabbiner Dr. Frank in Köln. — Die Gesammteinnahme betrug Mark 15 396,95. — Für 1901 kommen zur Vertheilung 9 315.04 Mark. Das Gejammtvermögen beträgt Mark 113862,32. Unterstützungsberechtigt sind 36 Familien mit zusammen 189 Antheilen. Es ist daher der Unterstützungsantheil nach § 12 d. Stat. aus 49 Mark festgesetzt. Der Vorstand besteht ans den emeritirten Lehrern: Blumenau-Hcmnover, Blnmenfeld-Esseu, Treu- Essen, die Ehrenvorsitzende sind, ans Herrn Steinweg-Nheda, das Ehrenmitglied des Vorstandes, und aus den Herren Lehrern Graf- Essen, Vorsitzender, Liepmannssohn-Miuden. stellvertr. Vorsitzender, Levi-Neuß. Banm-Nheine, Kaufmann-Gelsenkirchen. Die nächste Jahreskonferenz des Vereins findet am 27. nnd 28. Mai in Bonn statt. Darmsta-t, 14. April. Am 27. v. M. starb hier Kommerziellrath H e i n ri ch B l n m en th a l. Der Name dieses Mannes ist seit Jahrzehnten mit der Geschichte unserer Stadt und unserer Religionsgemeiude unauflöslich verknüpft. Eil, ganzer Stadttheil, der wesentlich seine Spöpfnng ist. heißt in, Volksinunde „das Blnmeuthalviertel", lvie ja auch daselbst eine Straße seinen Namen führt. Diesem Werke, dem er Jahrzehnte lang in der uneigennützigste!, Weise seine reiche Arbeitskraft und seine Mittel widmete, verdankt unsere Stadt die Möglichkeit ihres Wachsthums und den Aufschwung, den sie in letzter Zeit genommen hat. Aber auch schon früher hat er sich durch seinen Maschinenbetrieb um die Hebung unserer Landwirthschast große Verdienste erworben nnd erhielt in Anerkennung derselben bereits von Großherzog Ludwig III. den Titel eines Kommerzienraths. Ebenso bedeutend und allgemein anerkannt ist, was er in den Jahren 1870 71 sür die Verpflegung unserer Truppen und später für den hiesigen Kriegervereiu geleistet. Der Letztere ernannte ihn zum Ehrenmitglied, und neben anderen Orden erhielt er den Ludwigsorden 2. Klasse und den preußischen Kronenorden 3. Klasse. Ueber ein Vierteljahrhundert gehörte er dem Stadtverordnetenkolleginm und 35 Jahre lang unserm Gemeindevorstande, dessen erster Vorsitzender er auch über zwei Jahrzehnte war, an. Die Hochachtung, die ihm in allen Kreisen gezollt wurde' kam bei seinem Hinscheiden ans erhebende Weise zum Ausdruck. Wie unsere Lokalpresse, so widmete ihm auch unser Oberbürgermeister in der Stadtverordnetensitzttng einen warmen Nachruf. Der Großherzog ließ durch das Hosmarschallamt an die Hinterbliebenen ein Kondolenzschreiben richten. Ans Aufforderung des Vorstandes des Krieger- Vereins haben dessen Mitglieder, an ihrer Spitze Oberstleutnant a. D. Cramolini. sich in großer Zahl zum Leichengesolge eingefunden. Unter Vorantritt der Kapelle des 25. Artillerieregiments und unter Vorantragnng der Fahne sowie der zahlreichen Orden des Heimgegangenen eröffneten sie den Zug. Aus dem Friedhof entwarf Rabbiner Dr. Selver ein tief ergreifendes Bild von der Persönlichkeit und dem Wirken des Verstorbenen. Anknüpsend an einen Psalm schilderte e^ seinen Lebensgang als ein Fortschreiten von Kraft zu Kraft, von Stufe zu Stnse. Die innerste Triebkraft dieses so reich gesegneten Lebens und Wirkens aber war das Prophetenwort: „Und suchet das Heil der Stadt, wo Ihr wohnet." In den, Herzen des Verstorbenen waren Religion nnd Vaterlandsliebe aufs innigste verwachsen. Nicht minder treffend und ergreifend waren die Worte, die Herr Ludwig Trier als gegenwärtiger erster Vorsitzender unseres Gemeindevorstandes sowie als langjähriger Kollege und Freund des Verstorbenen am offenen Grabe sprach. Er schildere seine persönlichen Eigenschaften, die ihm die Herzen und Liebe Aller gewannen. In sehr nachdrucksvoller Weise kennzeichnete alsdann Hanptinann a. D. Waldecker als Vorsitzender des Kriegervereins die Verdienste des Heimgegangenen um die Pflege unserer Truppen in den Jahren des großen deutschen Krieges. Alle haben sie im Felde seine Wohlthaten verspürt, und später hat er dem Kriegervereil, dazu verholfen. daß er Fürsorge für die Wittwen und Weisen der Gefallenen üben konnte. Der Kriegervereiu war stets sehr stolz auf dieses fein Ehrenmitglied und werde sein Andenken in hohen Ehren halten. — In unserer raschlebigen Zeit dürfte es wohl nicht allzu oft Vorkommen, daß die Verdienste eines Mannes in solcher Weise in der Erinnerung weiter Kreise sortleben. Möge diese Erinnerung nach einem bekannten Spruch von Segen bleiben.