Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Oesterreich-Ungar». LI Wien, 15. April. Die „Wiener Zeitung publizirt heute u. a. die Ernennung des bekannten Universitätsprofessors Hofrath Dr. Theodor Gornperz zum Herrenhausmitglied; ein Bruder des Hofraths. Julius Nitter von Gomperz. ist schon seit einigen Jahren Mitglied des Herrenhauses. Wie verlautet, ist Professor Gomperz, obwohl er die für das akademische Lehramt festgesetzte Altersgrenze des vollendeten 70. Lebensjahres noch nicht erreicht hat, beim Unterrichtsministerium vor Kurzem um seine Pensionirung eiugeschritten. Für diesen Entschluß des Gelehrten soll insbesondere der Umstand entscheidend gewesen sein, daß er eine größere wissenschaftliche Arbeit in Ruhe und Muße zu vollenden wünscht. Die Entscheidung des Ministeriums ist bis zur Stunde nicht erflossen. Theodor Gornperz hat sich 1868 an der Universität Wien für klassische Philologie habilitirt und wurde 1869 zum außerordentlichen und am 16. August 1873 zum ordentlichen Professor ernannt. — Der Verwaltungsgerichlshof hat der Beschwerde der Gemeinde Wien gegen die Entscheidung des Ministeriums des Innern, betreffend die Bewilligung zum Baue einer Synagoge in der Neudeggergasse im VIII. Bezirke, Folge gegeben. Die Ministerialentscheidung, welche die Baubewilligung enthielt, wurde wegen mangelhaften Verfahrens aufgehoben. — Vor einigen Tagen ist hier im Alter von 82 Jahren Herr Moritz Graß gestorben, der lange Zeit Eigenthümer des „Wanderer" war. Der Verstorbene war auch einer der Mitbegründer des Journalisten- und Schriftsteller- Vereins „Concordia". L. Budapest, 3. April. DieJüdisch-ungarischeLitterat u rg e se ll s cha st erfreut sich in hohem Maße des Wohlwollens des großen Publikums, das in erster Reihe für die Vorlesungen ein hohes Interesse an den Tag legt. Nun gedenkt die Leitung der Gesellschaft Vorlesungen auch in den Provinzstädten zu veranstalten. Auch in materieller Richtung erstarkt der Verein von Tag zu Tag. Herr- Paul Tenczer, ein warmer Förderer der Bestrebungen der Gesellschaft, hat nun wieder 2500 Kronen gesammelt, um die Edition einer Geschichte der Juden zn ermöglichen. Der vor Kurzem verstorbene M. Knnewalder testirte der Gesellschaft 4000 Kronen, damit auch Editionen für die Jugend veranstaltet werden können. — Im israelitischen Lau d es-T a ubstnmm en i n st it u t genießen nach dem neuesten Berichte uls interne Zöglinge 96 taubstumme Kinder-— darunter 8 Nichtjnden — Erziehung und Unterricht. — Sektionsrath Dr. Isidor Baum garten wurde zum königlichen Kronanwalt- Sttbstituten ernannt. Er gehört zu den hervorragendsten Kriminalisten des Landes. — Mit der Vertretung der ungarischen Akademie der Wissenschaften bei dem Kongresse der europäischen Akademien wurde Prof. Dr. Ignaz Goldzieher betraut. — Der Landesstipendiumverein vertheilte an 75 Hochschüler — darunter drei Damen — 13500 Kronen. In Waizen wurde Rabbiner Philipp Pollak aus T. Beese, in Pest-Abony Dr. N. Blumgrnud zum Rabbiner gewählt. Schweiz. 0. Zürich, 12. April. Vor einiger Zeit gelang es hier den Einflüssen einer christlichen Sekte, die sechzehnjährige Tochter eines Jsra eli te n so sehr für den christlichen Glauben zu gewinnen, daß sie das elterliche Haus verließ, um ihren Glauben zu ändern. Sie war bereits unter der Obhut eines (nicht der Staatskirche angehörenden) Pfarrers, der sogar schon ein Gesuch an das zuständige Waisenamt gerichtet hatte, das junge Mädchen der elterlichen Vormundschaft zu entziehen. Die Justizdirektion machte dem ganzen Gebühren indeß sehr bald ein Ende, indem sie einem Gesuch des Zürcher Rabbinats entsprechend, die Tochter durch die Polizei den Eltern wieder zuführeu ließ. Sie hat die ihr beigebrachten Lehren schnell wieder vergessen. — In Baden in der Schweiz war am 1. Tag Pessach die siebenjährige Tochter eines christlichen Gastwirlhs auf die Straße gegangen, um zu spielen und spurlos verschwunden. Erst zwei Tage darauf wurde sie ermordet vorgefunden. Es muß in unserer Zeit der Nitualrnordlegenden mit Anerkennung hervorgehoben werden, daß von keiner Seite versucht wurde, hier ein derartiges Gerücht aufzubringen. Die Behörden stellten einen Lustmord fest und derlmuthmaßliche und dringend verdächtige Attentäter ist bereits in der Person eines aus dem Solothurn'schen stammenden Arbeiters in Zürich verhaftet worden. Nach den neuesten Mittheilungen hat er nach hartnäckigem Leugnen schließlich ein Geständniß abgelegt. Rumänien. Botosani, 8. April. Am 7. d. M. verschied hier nach kurzem Leiden im Alter von 80 Jahren unser verehrter Glaubensgenosse Herr- Hille l Kaha ne. Direktor der hiesigen israelitischen rumänischen deutschen Knabenschule. Verfasser des bekannten geographischen Werkes Getslath Ha-Arez. Der Verblichene zeichnete sich als gelehrter, frommer wohlthütiger Mann im hohen Maaße ans; die sterblichen Ueberreste dieses edlen Mannes werden morgen zur ewigen Ruhe bestattet werden. Wir behalten uns vor, über das Leben und Wirken dieses vortrefflichen Gelehrten des Näheren zu berichten. Von Mah und Fern. — Anläßlich der Kouitzer Vorgänge sind sowohl von der Polizeiverwaltung in Könitz als auch von der Gerichtsbehörde wie von verschiedenen Polizeibeamten B elei dig n ngsklag en gegen die „Staatsbürgerzeitnng" erhoben worden; die Zahl der einzelnen Anträge beläuft sich, wie uns berichtet wird, auf 27. Die sämmtlichen Verhandlungsgegenstände sind zu einer Strafsache vereinigt worden, die entweder Ende April oder Anfang Mai in Berlin zur Verhandlung kommen soll. — In Barten stein hat die Polizeibehörde die Aufführung der „hervorragenden" Novität „Wer wars?" oder „Das Geheimniß von Könitz" verboten. — Die Stellung als Leiter der Fürsorge- Erziehungsanstalt des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes inRepzin ist durch Herrn Waisenhansdirigenten Siegfried Rosenbaum in Jnowrazlaw besetzt worden. — Der Kaufmann Bernhard Jakob in K ö sl i n blickte am 5. d. M. aus sein 25 jähriges Ehrenamt als Mitglied der Repräsentanten und Vorsitzender des Vorstandes in der Synagogenverwaltung Köslins zurück. Sein Platz in dem Gotteshause war dem Tage entsprechend mit Blumen geschmückt. Von dem Vorstände und den Repräsentanten wurden dem Jubilar Glückwünsche dargebracht und als Beweis der Dankbarkeit eitle kostbar ausgestattete Dora-Bibel als Ehrengabe überreicht. Der Jubilar war s. Z. mit vielen Mühen bestrebt, daß für die Gemeinde ein Gotteshaus gebaut wurde. — Selbstmord hat der Obersekretär der Staatsanwaltschaft irr Kottbus, I. Krüdecke, ein bekannter Antisemitenführer, verübt. Seit Jahren fungirte er als Vorsitzender der deutsch-nationalen Reformpartei in Kottbus. In letzterer Eigenschaft leitete er unter anderen kürzlich die Versammlungen, in welchen Abgeordneter Liebermann v. Sonnenberg über den „Mord in Könitz" sprach. Es war sein letztes öffentliches Hervortreten. In der Nacht zum Donnerstag hat er in Halle a. S„ wohin er zu diesem Zweck gefahren, seinem Leben ein Ziel gesetzt, wie man erzählt, um der Untersuchung über die in seinem Ressort begangenen Unterschlagungen zu entgehen. — Der erste Kantor und Lehrer der Synagogeugemeiude Düsseldorf. Theodor Fraenkel, ist von der Gesammtverwaltung der israelitischen Kultusgemeinde zu Nürnberg in der Sitzung vom 20. März einstimmig zum Nachfolger des verstorbenen Herrn Rosenhaupt gewählt worden. — In Bonn ist der Rechtsanwalt Max Harff, der Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde war, plötzlich im 40. Lebensjahre gestorben. — Nach der letzten Volkszählung hat die Zahl der in der Schweiz lebenden Juden eine ansehnliche Verstärkung erfahren und seit 50 Jahren vervierfacht. Sie beträgt jetzt 12 399 Seelen. — Eine Resolution zu Gunsten der Juden hat am 23. v. M. der in Petersburg tagende Kongreß russischer Mühlenbesitzer gefaßt. In überaus schüchterner Form wurde nämlich die Negierung darauf hingewiesen, daß es „wünschenswerth" wäre, den „Nichtchristeu" zu gestatten, behufs Errichtung von Wassermühlen, kleine Landstreckeu im Umfange von höchstens 11 Hektar zu erwerben. — Dagegen fand am 25. v. M. in Moskan ein allgerneiner Kongreß russischer Bühne ninteres s euten statt, wobei auch die Iudenfrage lebhaft ventilirt wurde. Von liberaler Seite wurde der Antrag gestellt, der Kongreß möchte bei der Regierung dahin vorstellig werden, daß den jüdischen Schauspielern nebst ihren Angehörigen der Aufeil thalt in ga uz Rußland gestattet werde. Der Antrag rief eiue heftige Opposition hervor und wurde schließlich vertagt.— Am 1. Januar 1901 zählte die Stadt Warschau 711 988 Einwohner. Davon waren 400 395 Polen. 36 659 Russen, 20 222 Deutsche und 254 712 ----- 36 Prozent der Gesammtbevölkeruug Juden. —In Algier kam es am 12. d. M. nach dem Schluß einer öffentlichen Versammlung zwischen Juden und Antisemiten zu Streitigkeiten. Die Gendarmerie mußte einjchreiten und nahm sechs Verhaftungen vor. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.