Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. 16. Gerlin, 19. April 1901. Dev Gemeindebote. HSeitage zur „Attgemeinen Zeitung -es IuöentHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. —6. Berlin, 15. April. Im Gotteshause der Reformgemeinde fand am Sonntag die Ein segnungsfeier d er Konfirmand e n statt, zu welcher sich Mitglieder und Freunde der Gemeinde so zahlreich eingesunden hatten, das; der Tempel die Zahl der Andächtigen kaum zu fassen vermochte. Unter Orgelklang wurden die Konfirmanden (23 Knaben, darunter 5 aus dem Mosse'schen Erziehungsinstitut, 19 Mädchen, darunter 1 aus dem Erziehungsinstitut) von Herrn Prediger Dr. Klemperer in das festlich geschmückte Gotteshaus geführt. Nach der von Herrn Dr. Jelski gehaltenen Festliturgie, an die sich die Hymnen „Dies ist mein Bund mit ihnen" und „Der Herr hat unser gedacht" anschlossen, hielt Herr Dr. Klemperer anknüpfend an Psalm 110, 2 eine erhebende Festpredigt, in der er es als eine vorzügliche Leistung der Reformgemeiude pries, das; so viele Eltern, die derselben nicht angehören. doch ihre Kinder den Religionsschulen und Konfirmandenkursen der Nesormgemeinde znführen. Zwei Mädchen sprachen Gebete, ein Konfirmand legte im Namen Aller das Glaubensbekenntnis ab. darin trugen die Kinder einzeln die von ihnen gewählten Bibelsprüche vor. Mit dem Gesang des 150. Psalms schloß die erhebende Feier. §2 Berlin, 15. April. Der Centralverein für dieJnteressen der jüdischen Gemeinde in Berlin, den Manche längst todtgesagt haben, ist wieder auferstauden und hat zu den Feiertagen einen Aufruf au die Gemeindemitglieder verschickt, in dem er seine eigenen Verdienste in sehr ausführlicher und wohlwollenden Weise bespricht. Der Vorstand vindizirt dem Verein das Verdienst, alle Fortschritte in Synagoge, Schule und GeniKnde, die in den letzten Jahren gemacht wurden, provozirt zu haben. Er meint daun aber weiter: „Es besteht die Gefahr, daß der in jahrelanger Arbeit aufgeführte Bau langsam wieder abbröckelt, wenn er nicht voll Denen, die ihn haben errichten Helsen, gestützt lind erweitert wird. Sollte der Geist, der die früheren Zustände überwinden half, jemals wieder aus der Gemeindeverwaltung verschwinden, so wird man gar bald auch seinen Schöpfungen das Lebenslicht ansblasen, und ihr Verfall wird unabwendbar sein. Darum muß aus den Bahnen, die der Centralvereiu geebnet hat. rüstig fortgeschritten werden. Stillstand bedeutet Rückschritt!" Daun kommt wieder die feierliche Versicherung: „Der Cenlralverein tritt für die gleiche Berücksichtigung aller religiösen Anschauungen in den Einrichtungen und der Verwaltung des Gemeindekörpers mit Nachdruck ein. „Gleiches Recht für Alle" hat er ans sein Panier geschrieben und für die Durchführung dieses liberalen Grundsatzes in der Berliner jüdischen Gemeinde immerdar gekämpft." Eine Versicherung, die man mit der Reserve anfnehmen mnß, welche man allen Aufrufen der Partei, von der er ausgeht, gegenüber bewahren muß. Die Absicht weiß man, wenn man den Schluß des Aufrufes liest: „Im engen Zusammenhänge mit der Mißachtung der jüdischen Religion steht die Kränkung der staatsbürgerlichen Rechte, unter der wir Juden zu leiden haben. Das übersieht gar mancher Glaubensgenosse, der den religiösen Einrichtungen des Judenthums gleichgiltig gegenüberstellt. Wer dem Judenthume die Gleichberechtigung in Ltaat und Gesellschaft erkämpfen will, der sorge auch dafür, daß die religiösen Institutionen, ohne die es nach seiner Lehre und Geschichte nicht zu denken ist, keinen Schaden leiden, daß die jüdischen Gemeinden nicht durch Veranstaltungen, die das Ansehen jener Institutionen herabmindern müssen, ans berufenen Pflegestätten der jüdischen Religion zu Zerstörern der jüdischen Religion werden." Daß mau diesen sah auch in das Gegentheil umkehren kann, um den gleichen Effekt zu erreichen, haben die Herren wohl nicht bedacht, die diesen Aufruf in die Welt geschickt. 8. Berlin, 13. April. Am 5. d. M. verstarb Hierselbst KommerzienrathK arl Ber thold Simon im 73. Lebensjahre. Derselbe gehörte von väterlicher und mütterlicher Seite zu den ältesten Familien der jüdischen Gemeinde Berlins. Sein Urgroßvater väterlicher Seite war Anfang des 18. Jahrhunderts Rabbiner in Berlin. Von mütterlicher Seite stammte er aus der Familie Veit, deren Mitglieder in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die noch jetzt bestehende Bankfirma Gebrüder Veit und Comp, begründeten, deren Chef der Verstorbene war. Einer der Gründer der Firma, Salomon Veit, war der erste jüdische Stadtverordnete von Berlin; ein anderer Mitgründer der Firma. Simon Veit, war der Gatte jener Dorothea Mendelssohn, Tochter Moses Mendelssohns, die in zweiter Ehe mit Friedrich von Schlegel verheirathet war, und Vater des Malers Philipp Veit, welcher mit Cornelius und Overbeck im Anfang des vorigen Jahrhunderts die Renaissance der deutschen Kunst begründeten. Ein anderes Mitglied der Familie, Moritz Veit, der bekannte Buchhändler und Abgeordnete, war Vorsitzender des Repräsentantenkollegiums und stellvertretender Vorsitzender der hiesigen Stadtverordnetenversammlung. Der Verstorbene gehörte zu den angesehenster; Mitgliedern unserer Bankwelt und hat durch seine Bescheidenheit, Freundlichkeit und Menschenliebe sich die Achtung und Zuneigung weitester Kreise erworben. Er war Mitglied des Kuratoriums der Reichsbank und bekleidete Ehrenstellungell auf den verschiedensten kaufmännischen Gebieten. Auch den Interessen des Judenthums und den Humanitären Anstalten unserer Gemeinde widmete er einen nicht geringen Theil seiner Thätigkeit. Bis zu seinem Tode war er Mitglied des Vorstandes der Gesellschaft der Freunde, deren Bestrebungen er vielfach förderte; er gehörte zu den Begründern der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" und war bis zuletzt für die Interessen der Anstalt in hervorragendem Maße thätig. Ein Sohn des Entschlafenen ist der bekannte Rechtsanwalt am Kammergericht Dr. Hermann Veit Simon, welcher, den Traditionen seiner Familie folgend, lebhaften Antheil an jüdischen Gemeindeangelegenheiten nimmt und gegenwärtig Mitglied des Repräsentantenkolleginms ist. — Die Trauerseier, bei welcher Rabbiner Dr. Maybaum die Gedächtnißrede hielt, legte Zeugniß ab für die große Liebe und Verehrung, welche die menschenfreundliche Persönlichkeit des Verschiedenen in weitesten Kreisen genoß. Außer den Deputationen der Anstalten. Vereine und Gesellschaften, denen der Verstorbene angehörte, bemerkte man im Trauergefolge die Präsidenten des Reichsbankdirektoriunis Dr. Koch und Gallenkamp, den Präsidenten des Handelstages Frentzel, ferner als Vertreter der Nettesten der Kaufmannschaft Stadtrath Dr. Weigert und Sobernheim, ferner die Herren Generalkonsul Schwabach, Bleichröder, v. Mendelssohn, Steinthal und andere hervorragende Vertreter der Bankwelt, die Professoren Dr. Geiger, Magnus. Wolfs, Poppert u. A. m. Die Leiche des Entschlafenen wurde ans dem alten jüdischen Friedhose in der Schönhauser Allee zur letzten Ruhe bestattet. Ehre seinem Andenken! Berlin, 12. April. Am 7. d. M. fand in der Aula der Knabenschule der jüdischen Gemeinde die diesjährige ordentliche Generalversammlung der Gesellschaft zur Verbreiturig der Handwerke nn d des Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staate statt. Aus dem den Mitgliedern Angegangenen gedruckten Jahresbericht ist nur zu erwähnen, daß am 31. März d. I. 67 Lehrlinge in dauernde.Pflege und Unterstützung der Gesellschaft ausgenommen waren. Diese 67 Lehrlinge sind der Inspektion der Herren Maurermeister Adler, Max Herz. Gustav Levh und Hermann Katz unterstellt, von denen die zwei erstgenannten Herren je 20 Lehrlinge zu beaussichtigen haben. Seitens der Inspektoren wird keine Mühe und keine Geldausgabe gescheut, um die Zöglinge zum fleißigen Besuch der Fortbildungs-, Fach- und Religionsschule allzuspornen und anzuhalten. Wir zweifeln nicht, daß die Herren Inspektoren vorn besten Wollen beseelt sind, glauben aber nicht, daß unter den in Berlin obwaltenden Verhältnissen eine errlst zu nehmende Inspektion durchführbar ist, zumal wenn einem Inspektor 20 Lehrlinge unterstellt sind. Das war ja mit die Veranlassung, daß in der