Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- Seite 192 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228436--57477-3293855- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
192 Litterarische MittheUungen. — „Aus fünf Jahrhunderten." Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinden im Rieß, von Professor Dr. L. Müller, kaiserlicher Ober-j bibliothekar in Straßburg. Nördlingen 1900. C. H. Beck. 2 Hefte. Der Verfasser vorstehend genannten, äußerst interessanten Werkes, das eine 20 jährige Sammelarbeit repräsentirl aus der beträchtlichen Anzahl von Urkunden, die das Archiv der Stadt Nördlingen für die Geschichte ihrer Judengemeinden bewahrt, aus den Bürger-, Steuer- und Rechnungs bnchern und den Rathsprotokollen, die aus die jüdischen Einwohner bezügl. Einträge enthalten, — aus dem fürstlich Oettingischen Archiv in Wallerstein, — hat es verstanden, ein Stück ungenütztes Material an das Licht zu stellen, das von höchstem Werthe zum Ausbau der Geschichte der deutschen Judenschast und von hervorragender Bedeutung ist. Wenn auch, wie das in der Natur der Sache liegt, nicht zu vermeiden war, Altbekanntes mit hereinzubezieheu, so ist die ganze Zusammenstellung des dokumentarisch sestgelegten geschichtlichen Materials, das zu dieser Arbeit Vorgelegen hat und verwendet worden ist. recht leserlich und interessant ausgeführt, so daß Jeder, welcher auch nur einen Blick in dies Buch thut, dasselbe nicht ungelesen zur Seite legen wird. Die Arbeit erschien zunächst in der „Zeitschrift der historischen Vereinigung für Schwaben und Nenbnrg." Nachdem ich aber den großen Werth derselben für die allgemeine Geschichte der Inden in Deutschland erkannte, bewog ich den Herrn Verfasser, die Arbeit in einen Sonderabdruck erscheinen zu lassen, welchem Ansinnen in liebellswürdigster Weise entsprochen wurde. Ich glaube auch, Allen für jüdische Geschichte sich Jnteressirenden hiermit einer! besonderen Dienst geleistet zu haben. Der Inhalt des Merkchens ist in sechs Hauptabschnitte eingetheilt: 1. Jüdische Ansiedelungen im Rieß bis 1400. 2. Die vierte Jndeugemeinde in Nördlingen 1401—1507. 3. Die Vertreibung der Juden aus Nördlingen und der Prozeß des Nördlinger Raths gegen Graf Martin zu Oettingeu 1507- 1549. 4. Die Beziehungen der Reichsstadt Nördlingen zu ihren jüdischen Umwohnern. 1507—1802. 5. Die Juden im Rieß in ihrem Verhältniß zum Hause Oettingeu und zu Kaiser und Reich. 1400—1806. 6. Topographisches und Statistisches. Das Buch ist durchaus objektiv und nur vom kulturhistorischwissenschaftlichen Standpunkte aus abgesaßt. Man merkt dem Ganzen an, daß Liebe zur Sache dem Verfasser die Feder in die Hand gegeben. Recht bezeichnend ist dessen Urtheil über die grundlosen Anschuldigungen. welche zu allen Zeiten und leider auch in unserer gegen Juden erhoben worden sind. Seite 66 schreibt er: „In dieser allgemeinen Verbreitung der unsinnigsten Märchen von Brunnenvergiftung, Ermordung von Christenkinderu und Schändung von Hostien durch die Juden lag ein besonderer Brandstoff, der jeden Augenblick in lichte Flammen auflodern konnte." Seite 165 „Kriminalprozesse. Weit bedenklicher war der schon im 12. Jahrhundert ausgetretene und auf den Bekennern des mosaischen Glaubens als solchen haftende Wahnglaube, sie tödteten Christenkinder, um beim Passahfest ihr Herz zu genießen und ihr Blut zu verwenden. Aus Grund des mosaischen Gesetzes untersagt auch der Talmud absolut den Blutgeuuß, selbst des geringsten Quantums. Nicht einmal der Bissen Brod darf gegessen werden, der sich mit blutendem Zahnfleisch berührt hat. Vergeblich hatte Papst Jnnocenz IV. in einer Bulle (1247) ans das Unsinnige einer solchen rituellen Vorschrift hingewieseu, der alttest am eutliche Verbote geradezu e n t g eg e u ste Heu." Von ganz besonderer Wichtigkeit ist der Absatz über Rabbiner, welcher die meisten Rabbiner Wallersteins, Oettingens. Harburgs rc. benennt, von deren einem Gabriel Nießer herstammt, und deren Befugnisse. Einkommens- und Diätenverhältnisse beschreibt. In gleicher Weise bedeutungsvoll ist die auf Seite 205 u. ff. angefügte Liste der Glieder der jüdischen Gemeinden Nördliugens, deren der Verfasser für die fünf Jahrhunderte süns zählt, sowie die Aufzählung und Benennung der jüdischen Siedelungen in und am Rieß, ans dem Härtefeld und um den Oeselberg unter Namensangabe bis znm Ende des 16. Jahrhunderts. Es sind deren 60, von denen jedoch heute nur mehr zehn als Judengenleinden bestehen. Nördliugens fünfte Gemeinde besteht als solche seit dem 28. März 1870. Die erste Erlanbniß zur Ansässigmachung wurde dem Lederhändler Eduard Hochstädter von Deggingen am 16. August 1860 ertheilt. Das vorliegende Werk bietet des Interessanten so viel, daß es schwer fällt, aus demselben auch nur eine kleine Blumenlese zu bieten; es ist eben alles darin werthvoll, Wissenswerth und für den Freund jüdischer Geschichte aus ältester Vergangenheit, aus einer Zeit von 500 Jahren, würdig, gelesen zu werden. A. Weiler. Sprechfaul, Geehrter Herr Redakteur! .anz im Gegensatz zu den Erfahrungen des Verfassers des Artikels „Jüdische Apotheker" in Nr. 10 dieses Blattes habe ich in meiner 23 jährigen Berussthätigkeit als Apotheker stets ein kollegiales und freundschaftliches Verhältniß zwischen Juden und Christen bei den Apothekern konstatiren können. Obwohl ich zugebe, daß circa 10—15 Prozellt Apothekenbesitzer christliche Assistenten suchen, finde ich darin keinen Antisemitismus der betreffenden Apotheker, denn dieselben sind häufig gezwungen, bei der Answahl ihrer Assistenten gewisse örtliche und persönliche Verhältnisse zn berücksichtigen. Ans denselben Gründen ist mir bekannt, daß häufig jüdische Apothekenbesiher keine Glaubensgenossen anstellen. Der Fall, betreffend einen dreisten und ungezogenen jüngeren Fachgenvssen in einer Düsseldorfer Apotheke, ist ganz vereinzelt und ernster Beachtung nicht Werth. Ich bedaure ferner, widerlegen zu müssen, daß es keine Apotheke mit staatlicher Anstellung giebt. In der Provinz Posen ist seit 20 Jahren ein jüdischer Apotheker als Medizinalassessor bei der Negierung thätig, auch ist mir seit sechs Jahren ein jüdischer Apothekenrevisor gleichzeitig als Mitglied der königlichen Prüfungskommission für Apothekergehilfen in der Provinz Ostpreußen bekannt. Daß es keine jüdischen Corpsstabsapotheker und Konzessionäre giebt, ist bei der Mehrzahl gleichberechtigter christlicher Apotheker leicht erklärlich. Bei aller Achtung vor den Erfahrungen des Herrn Verfassers qn. Artikels bedauere ich ganz besonders die Aeußerung, daß „wir jüdischen Apotheker" schon so viel haben erdulden müssen, daß wir Zeitungen damit füllen könnten. Gerade bei der selbst ausgesprochenen idealen Auffassung vom Judenthum möchte ich dem Herren Kollegen doch empfehlen, nicht so ungerechtfertigte Klage zu erheben, denn in eingeweihten Kreisen kann man mit derartigen Artikeln leicht Antisemitismus machen, obwohl man ihn gerade zu bekämpfen bestrebt ist. G. Königsberg, 29. März. Sehr geehrter Herr Redakteur! <Mn Nr. 10 Ihrer geschätzten Zeitung giebt Herr Max Nußbaum- Paderborn einen Bericht über „Die jüdischen Apotheken". Der ganze Bericht ist klar und fach- und zeitgemäß gehalten. Leider ist auf unabsehbare Zeiten an der Sache nichts zu ändern. In der Entwickelung seines Berichts kommt Herr N. zu der heiklen Frage: „Hat schon einmal Jemand gehört, daß einem jüdischen Apotheker eine Konzession zur Errichtung einen neuen Apotheke erhalten hat? Ich glaube, dieser Fall ist noch nie vorgekommen und er wird auch nie Vorkommen." — Herr N. hat in dem Eifer seines Gefechts eine sehr kühne Behauptung ausgestellt. Denn gerade hier ist dieser Fall vorgekommen. Bis zum Jahre 1873 oder 1874 war hierorts nur eine Apotheke, die „Adlerapotheke" genannt, diese lag in den Händen eines Deutschen. Im Jahre 1876 brach hier die Cholera aus. Die eine Apotheke war von Medizinbegehrenden bei Tag und Nacht wie belagert. Dadurch entstand ein Sturmlanf bei der Regierung um die Erlaubniß zur Errichtung einer zweiten Apotheke hierorts. Nach vielen Verhandlungen hat die Regierung von der Notwendigkeit sich überzeugt, die Erlaubniß dazu ertheilt. Viele Bewerber wurden bei der Regierung in Bromberg um die Erteilung der Konzession zur Errichtung der zweiten Apotheke vorstellig, und Sieger blieb der jüdische Apotheker Herr Pulvermacher. Er erhielt die Konzession und errichtete die zweite Apotheke, die „Löwenapotheke" hier. Später erbaute sich Herr P. ein sehr schönes Grundstück in der Friedrichstraße, wohin er seine Apotheke verlegte. Nach mehreren Jahren verkaufte er diese Apotheke wieder an einen jüdischen Apotheker, Herrn Saft, dieser wieder au den jetzigen jüdischen Apotheker, Herrn Reichmann. Jetzt bestehen hier drei Apotheken. Die drei Inhaber gehören Jeder einer anderen Konfession an. Wir sehen also, daß Ben Akiba Recht hat: Es ist alles schon dagewesen. Jnowrazlaw. 12. März. M. Elias, em. Lehrer. Druck und Verlag von Rudolf Mossern Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.