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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-19 · Heft 16 (19.4.1901) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 16 (19.4.1901)
Date
1901-04-19
Page
Seite 191 (sequence 13)
Language
German
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191 darauf eintrat, strahlend und mit heiterem Lächeln auf den Lippen. Er war auf mehrere von den Edlen zugetreten, und ihnen freundlich zunickend, wechselte er einige Worte mit dem ihm zunächst Stehenden. Aber war es, daß der König in seiner sonnigen Laune nicht genug freudige Gesichter um sich sehen konnte oder war dem wirkich so: auf den Mienen der Anwesenden lag düsterer Ernst und starre Entschlossenheit. Boleslav ließ seinen Blick erst eine Weile prüfend über die Versammlung Hingleiten, dann aber schritt er rasch zu seinem Sitze hin, nm zu erledigen, was dringend war, denn er hatte Eile, es drängte ihn heute ganz besonders zu Recha hin. Darum wollte er die Versammlung schnell zu Ende führen, und ohne sich weiter um die mürrischen Mienen der Edlen zu bekümmern, winkte er den Kanzler zu sich heran. „Nun, Gras Spitichnev, bin ich bereit. Euren Bericht anzuhören. Was soll der Gegenstand unserer heutigen Berathnng sein? Doch, vergebt, wenn ich Euch, edler Graf, um etwas Eile bitte — ich habe gerade heute Dringendes zu thun." Der Kanzler wollte sprechen, doch da vertrat ihm Einer ans der Versammlung den Weg, und sich vor den König hinstellend, sagte er kurz und bestimmt: „Es ist nicht viel, Boleslav, was wir heute zu beratheu haben und mit kurzen Worten ists auch gesagt: Wir Alle, die Ihr hier um Euch seht, haben uns entschlossen, Kiew zu verlassen, und wieder in die Heimath znrückzukehren." „Ja, so Gott will," unterbrach ihn Boleslav, „führt uns unser Weg bald nach Polen zurück." „Nicht erst, so Gott will," entgegnete mit trotzigem Muthe ein Zweiter, „mein Herr König, wenn wir wollen — und wir wollen — gleich, so schnell als möglich, uns brennt der Boden hier unter den Füßen." „Was ficht Euch an?" rief heftig erregt der König, „weshalb wollt Ihr..." „Wir «vollen nicht, Herr König," trat da Graf Jaromir von Rodec an den König heran. „Nein, wir müssen! Daheim bei uns, da haben sich schreckliche Dinge zugetragen, und ich weiß, wenn Jhr's hört, v König, dann lasset Ihr uns gerne ziehen, auf daß wir wieder znm Rechten schauen können zu Hause. Ihr wißt es ja auch," fuhr er fort, „und habt es auch vernommen^ daß unserem Lande Unerhörtes widerfahren.. ." „Hat ein Feind uns neuerdings bedroht?" frug Boleslav und über sein Gesicht zuckte es. „Kein Feind, Herr König," fuhr Graf Jaromir fort, „den Feind hat ja Euer tapferes Schwert stets anfs Haupt geschlagen. Nein, ein ärgerer Feind ist uns erstanden an den Sklaven, die sich empört gegen die Herren und die im Vereine mit den Bauern die größten Greuel verüben: sie brandschatzen und plündern, morden und sengen daheim auf unseren Burgen, ans denen sie sich als Herren geberden, da ja die Herren so lange mit der Rückkehr säumen, und was das Aergste ist und uns die Schamröthe ins Gesicht treibt, das mich erschauern läßt, wenn ich daran denke, daß diese Hunde sich unserer edlen Frauen und Mädchen bemächtigt haben, und, weiß Gott!" er bedeckte in namenlosem Schmerze die Augen, „wenn ich zurück käme und meinen Töchtern wäre solche Schmach widerfahren, mit diesen meinen Händen wollte ich sie erdrosseln! Darum, Herr König, kommt, verlasset Kiew und kehrt mit uns heim, in unser schönes Polenland." „Was fällt Euch ein, Herr Gras, jetzt Kiew verlassen, jetzt, wo wir uns der Herrschaft über die verhaßten Russen freuen, und wo uns noch so manch' ruhmreiches Treffen winkt?" „Das Ihr allein ausfechten möget, Herr Boleslav," sagte mit höhnischem Ansdrncke ein Ritter, „wir aber gehen zurück und retten unser Eigenthnm." „Ihr wollt's? Jst's Euer Ernst — Ihr wollt Euren König verlassen?" „Der König kann mit uns gehen!" riefen Mehrere dazwischen, „was hält ihn hier zurück in fremden Landen?" „Der Schlachten sind nun genug geliefert," riesen Andere, „genug edlen Polenblutes habt Ihr vergossen in Euren ruhmreichen Schlachten" — „Ja, und wenn's Euch gefällt in Kiew," warf kühn ein Anderer dazwischen, „dann bleibt, Herr König, nur getrost hier, wir aber kehren heim zu Weib und Kind . . ," Einen Augenblick verharrte der König in dusterem Schweige»; dann aber, seinen königlichen Stolz bezwingend, bat und flehte er sie an, ihn nicht zu verlassen. „Seht," sagte er, indem er seinen Blick in die Runde scheifen ließ, „ich will ja nur Euer Wohl, und wenn ich hier zurückbleibe, so thn' tch's nur, weil ich es für Polens Vortheil halte, und weil ich den Russen zwingen will, uns noch weitere Zugeständnisse zu machen, die Euch wahrlich nicht zum Schaden gereicheil würden, Hab ich's um Euch etwa verdient, daß ihr mich verlassen wollt, jetzt verlasse», wo ich noch so Großes, so Kühnes geplant? Habe ich Euch nicht stets zum Siege geführt, und nennt man Polens Namen jetzt nicht unter den ersten? War ich Euch nicht stets ein gnädiger König, ja, mehr ein Freund, denn König? Und wie! Wollt ihr Euch nicht schämen vor anderen Länder»!, wenn es hieße: Seht die braven Polen, sie lassen ihren König in der fremden Stadt und laufen heim zu ihren Weibern! Wahrt Ihr so Polens Ehre? Ist es für Polens Größe, daß Ihr dies thut, oder vielmehr für Polens Schmach? Denn Schmach, unerhörte, unglaubliche Schmach wälzt Ihr damit auf Euer Land und auf Euer» König!" Seine Augen füllten sich mit Thränen, und bitteres Weh malte sich in seinen Zügen. Flehend hatte der stolze König seine Hände gefaltet, und hinzu schreitend zu den Versammelten, vergaß er seine königliche Würde und erniedrigte sich mit dehmüthigen Bitten. „Znm Teufel mit dem hündischen Sklavenpack!" rief mit lauter Stimme Ritter Wladiivoy. „Mögen sie verrecken! Ich bleibe bei meinem Könige, und Ihr bleibt auch, Szhmon," wandte er sich an seinen Nachbar, „und Ihr auch, Freund Wassilko? Wir werden doch unseren König nicht vergebens bitten lassen. Erniedrigt Euch nicht, Herr König, wer Euch verläßt, ist ein Verräther!" „Brav, mein tapferer Wladiivoy," rief der König, „wer uns verläßt ist ein Verräther, ein Verräther!" „Ein Feind des Landes!" rief Szhmon dazwischen, „und ein Verräther an seinem Könige!" „Ja, ein Verräther an seinem Könige!" nickte Dieser, und sich an die Edlen wendend, fügte er hinzu: „Ich hoffe, daß Euch die Ueberlegung eiues Besseren belehren wird, und daß ich Euch Alle wieder versammelt finde bei unserem nächste» morgigen Rathe." — Und dann wandte er sich und schritt zur Thür hinaus, begleitet von den beifälligen Rusen der Einen und dem trotzigen Murren der Anderen. <Forts. folgt,)

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