Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- Seite 190 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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190 jetzt ballt er die Faust, er hebt sie zum Schlag — da fällt sie aus die Knie und —- Doch sie kommt nicht dazu, ein Wort zu sagen, es tönt dumpf au ihr Ohr — Wladislav ist heute Früh nach Prag gereist. Gestern Abend — sie hatten so eine Art Abschiedskneipe, die Studenten — da hatte er laut erzählt, wie er das ermordete Christenmädchen gerächt hat.er!!! Da fiel sie glatt hin auf den Boden, bleich, die Augen starr - sie hörte nichts, z« ihrem Glücke. Der Vater erzählte weiter unter Thränen, er weinte zusammen mit seinem Weibe, Anka war niedergesnnken zu dein ohnmächtigen Mädchen; dabei schluchzte sie und klagte sich an und küßte Marhulka — alles durcheinander. Der Vater erzählte weiter. Die Wirthin hatte es ihm mitgetheilt, wie sie gelacht und gejohlt haben, wie sie ihm zugetrunken hatten, weil ihm diese Heldenthat gelungen war. Und er hatte es für Klatsch gehalten, er mochte es nicht glauben — nicht glauben, daß sein reines, so wohl behütetes Kind gefallen sei, zerstört an Leib und Seele. Und gar, daß ein Mann so schlecht, so bodenlos gemein sei, ein unerfahrenes Mädchen zu verderben, nm sie dem Gespött der Menge zu übergeben, das konnte er nicht fassen. — — — Nun war es geschehen — er mußte es glauben — alles, alles, was er im Leben gehofft, war verloren, alles, was er aufgebaut hatte, war zerstört. Es war geschehen — — es war! * * * Wenn ich diese wahre Begebenheit als künstlerisch durch gearbeitete Erzählung in die Welt senden wollte, dann müßte ich den Verführer des Mädchens glaubhaft gestalten, ich müßte ihn aus dem tiefsten Judenhaß heraus erklären, der, mit namenloser Verachtung gepaart, in den Massen gar manchen Volkes schlummert. Ich wäre gezwungen, in dunkle Tiefen einer vergifteten Volksseele hineinzuleuchteu — und ich würde Jene aufschrecken, die nie aufhören werden, mit ihrer Liebe die ganze Menschheit z» umfassen. Ich müßte aber auch diesen böhmischen Studenten als eine allgemeine Möglichkeit darstellen — und ich will ihn für eine Ausnahme halten; ich mag selbst dem kleinen Tschechenvolke nicht die Schmach anthuu, den Verbrecher aus ihrem Wesen heraus zu erklären.-Aber diese wahre Geschichte, sie gehört in die Chronik unserer Zeit. — ->O<- Me Ksnigsbraut. Historische Erzählung von Carola Buchheim. XVI. Abend verstrich den Liebenden in zärtlichem Gekose und in süßen, sich immer wieder erneuernden Versicherungen ihrer unwandelbaren Liebe und unverbrüchlichen Treue, und dann wieder ward es stille, und das Geflüster der beiden Glücklichen hörte für eine Weile auf, ihre Lippen fanden sich, und ihre Blicke hingen aneinander, wonnetrunken, glückberauscht. Seit einer Weile aber ivar Necha plötzlich in Nachdenken versunken, aus dem sie ein zärtliches Wort des Königs weckte. Was ist meinem süßen Mädchen? Weshalb blickst Du plötzlich so düster und warst doch vorhin voll Frohsinn und Laune?" „Ach. Geliebter, ich weiß nicht," gab das Mädchen zur Antwort, „mir wird's mit einem Male so schwer ums Herz, und eine namenlose Angst schnürt mir die Kehle zu . . „Angst? Und was wäre es, das meiner kleinen Recha Furcht einflößen könnte? Bin ich nicht Dein Beschützer, und hat mir nicht auch ein glückliches Geschick die Macht gegeben. Dich, mein Lieb, gegen jede Unbill zu schirmen?" „Ich iveiß nicht," flüsterte Necha, und ihr Auge richtete sich traumverloren in die Ferne, „ich könnt's nicht erklären, was mich drückt — und doch, mich Überlaufs mit einem Male, und ein schneidend Weh fuhr mir durch's Herz . . ." „Recha, süße kleine Recha!" flehte Boleslav, indem er sie fest an sich drückte. „Was könnte es denn sein, und welche Unbill könnte Dich treffen, so lange ich bei Dir bin?" „Ich weiß nicht," wiederholte das Mädchen, wie abwesend vor sich hinstarreud. „Aber es ist etwas Unnennbares, etwas Geheimnißvolles, das mir plötzlich den Sinn bedrückte und wovor mir graut." Und sie barg ihren Kopf an seiner Brust und schmiegte sich an ihn mit ängstlichem Bangen. Plötzlich fuhr sie auf. „Weißt Du, mein Geliebter, daß die Tage unseres Glückes gezählt sind?" „Recha!" rief der König erschreckt, „Du willst mich verlaßen?" „Dich verlassen, mein Geliebter? O nimmermehr. Ich liebe Dich ja mehr als mein Leben, aber ich fürchte den Vater, dessen Ankunft, mein geliebter König, — und was dann?" „Dann," rief Boleslav, indem er seinen Ton scherzhaft zu machen versuchte, „dann werden wir wohl auch noch Mittel und Wege finden, uns zu seheil . . ." „Ja — aber nicht alle Tage," unterbrach das Mädchen. „Auch an jedem Tage," gab der König mit ernster Betonung zur Antwort. „Du wirst es sehen, — und Du könntest ivohl gar einen Tag Vorbeigehen lassen, ohne von mir gehört zu haben, daß ich Dich abgöttisch liebe?" „Ich fürchte, daß es dennoch so sein wird," seufzte das! Mädchen, und ihn mit heißer Zärtlichkeit umschlingend, fuhr sie fort: „Aber ich ertrüg es nie! Ich muß Dich sehen, sonst sterbe ich vor Bangen." Des Kölligs Antlitz strahlte in seligem Entzücken. Er hatte ihr die Wolken von der Stirne geküßt, und nun waren sie wieder heiter und lachten und scherzten wie zwei glückliche Kinder. Und er war wirklich glücklich, denn er vergaß bei dem Mädchen alles, was ihn sonst bedrückte, vergaß bei ihrem sorglos heiteren Geplauder die ganze schwere Bürde, die auf seinen Schultern ruhte, nichts gemahnte ihn an die Lasten und Sorgen der Regierung, er war heiter und sorglos wie ein großes Kind. Es war dunkel geworden, als Boleslav sich auf den Heimweg begab; in den Straßen der Stadt hatte das geschäftige Treiben aufgehört, und nur ganz vereinzelt begegnete Jemand dem in Gedanken dahinschreitenden König. * * -r- Am nächsten Tage, um die Stunde, in welcher der König den Rath der Edlen bei sich empfing, hatten sich im großen Berathungssaale die Ritter zahlreicher als sonst versammelt und harrten der Ankunft des Königs, der denn auch gleich