Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-19 · Heft 16 (19.4.1901) · p. Seite 189

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 16 (19.4.1901)
Date
1901-04-19
Page
Seite 189 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228436--57474-3293852
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

189 Marhirlka. Aus Böhmens letzten Tagen. Von H. I ork-Steiner. Hl. ines Abends waren sie wieder beisammen; der Mond hatte seine Bahn geändert, er sandte sein verführerisches Licht in andere Welten. Das Laub des großen Birnbaumes deckte die Stelle, an der das Liebespaar stand. Ein heimliches Flüstern drang durch die Stille der Nacht, vermischt mit dem Säuseln der Blätter. „Was soll aus alldem werden?" Diese ängstliche Frage, die so manches Mädchenherz beschwert hat, schlug an Wladislaus Ohr. Er war nicht verlegen und gab die einzig passende Antwort. „Ein Paar — ein liebendes glückliches Ehepaar." „Ader Deine, meine Eltern?" „Sie werden sich drein fügen. Wir müssen alle gemeinschaftlich das alte böse Vorurtheil bekämpfen." Sie war nicht befangen; trotz des Bewußtseins ihrer Schönheit verstand sie sehr gut, welch ein Opfer der Geliebte ihres Herzens bringe. Zn solcher Zeit, wo es in Böhmen als Schimpf galt, Jude zu heiße», wo man alle Angehörigen dieses Stammes mit einem Mörder zusammenkoppeln wollte, da war es viel gewagt von ihm. sich öffentlich mit ihnen zusannnenzuthun. Anka, ihre alte Hüterin, die von allem wußte und sich des Glückes freute, das ihrem Kinde erblühte, hatte es zwar prophezeit: „Er heirathet Dich, mein Liebling, paß' ans, er heirathet Dich! Er ist ja ganz weg vor Liebe." — Aber sie hatte es nicht zu hoffen gewagt. Und nun sagte er es selbst Ihr Herz frohlockte, Thränen traten in ihre sanften Augen. Sie streichelte seine Hände, sein Gesicht, sie erhob sich zu ihm und reichte ihm zum ersten Male im Leben ihren keuschen Mund. Er legte seine Arme um ihren Hals und küßte sie, küßte sie innig und heiß.... In dieser Nacht stieg er über den Zann. H -st A- — — Nun kommen wir den Begebenheiten näher, die es erklären sollen, warum ich diese Geschichte nicht als eine abgeschlossene, auf sich selbst beruhende Erzählung in die Welt schicken konnte. Das hängt mit einem Besuche von Marhulkas Vater im Gasthause „Zur Stadt Prag" zusammen. Wir haben von Herrn Breitmaun bisher noch, wenig gesprochen. Das wäre ganz nach seinem Eeschmacke, wenn er Gelegenheit gehabt hätte, darüber seine Meinung abzugeben. Er liebte es nicht, bemerkt zu werden. Er hatte nur einen Ehrgeiz: die schönsten und billigsten Stoffe immer direkt vom Fabrikanten „zu führen", und eine Neigung: die zu seiner kugelrunden, fleißigen, klugen, sparsameil und geschäftstüchtigen Frau und zu seiner blühenden Tochter, und nur eine Hoffnung: einst sein Kind in eine große Stadt zu verheirathen, um dann im Alter mit ihr und neben ihr ruhig von einer bescheidenen Rente leben zu können. Sein fleischiges Gesicht war immer glattrasirt, der blonde Schnurrbart sorgfältig gepflegt, die kleinen Augen halbversteckt zwischen den dicken Backen, wenn er lachte, und er lächelte immer. Er war nie böser Laune, und er hatte auch keinen Grund dazu. Das Geschäft gedieh, sein Kredit war größer als seine Fähigkeit, Waare zu konsuiniren. Die Frau jugendlich, das Mädchen hübsch und gebildet . . . Die Redereien wegen des ermordeten Christenmädchens? — Bah! daß er nicht zu den Mördern gehöre, das hätte Jeder im Orts beschworen; so kleine Neckereien hörte er garuicht. Und so ging er nach wie vor gegen ein Uhr Mittags in die „Stadt Prag", wo er täglich eine Nuß Schwarzen nahm und die Zeitungen las. Um zwei Uhr kam er fröhlich heim, erzählte seiner kleinen Frau die Anekdoten, die er beim Kaffee gehört hatte, manchmal auch eiil wenig Tratsch, bei welcher Gelegenheit das Kind hinausgeschickt wurde. Heute aber verlangte er das Mädchen und zwar in einem entschiedenen Ton, der seinem Wesen widersprach. Auch sein fröhliches Gesicht war verändert, die kleinen Augen hervortretend, die Züge verstört, das Gesicht nervös anfzuckend, die Unterlippe zwischen den Zähnen. „Was ist geschehen?" srug die kleine Frau ängstlich. Er schwieg. — „Wo ist das Kind," herrschte er sie an. Sie hatte Anka in den Garten geschickt, sie zu holen; sie war jetzt viel unten. „Warum ist sie so oft im Garten?" „Aber ich bitt' Dich, laß' ihr doch die einzige Freude, die sie noch hat. Sie liest unten und manchmal Plauscht sie mit Nachbars Wlade." „So? Und da denkst Du Dir gar nichts dabei?" „Was soll denn dabei sein?" Er schwieg eine Weile; er überlegte. Nein, das konnte er nicht sagen, denn wenn es gesagt war, dann hatte er den Frieden, das ruhige unbefangene Glück seines Hauses verjagt. Es war eine Verleumdung, es mußte eine sein! Aber eine solche, gegen die man sich gar nicht wehren kann. Das Mädchen kam aus dem Garten. Sie sah bleich ans und verändert. Warum hatte er das nicht früher bemerkt? Ihr Blick war unsicher, sie zitterte am ganzen Leibe. Gegen Mittag hatte Wladislav sie immer im Garten erwartet. Man begrüßte sich höflich und that gleichgiltig, der Nachbarn wegen, aber man sah sich. Und heute, heute hatte er zum erstell Male auf sich warten lassen. Und gerade heute durfte er nicht fehlen, heute nicht, nach dem, was sie ihm gestern gesagt hatte. Und doch, er war nicht gekommen, er blieb iveg ohne Erklärung, ohne Entschuldigung. Es war so trist im Garten, so todestraurig, die Blätter gilbten, der Wind wehte sie voll den Bäumen, die Blumen beugten sich zur Erde ein kühler Hauch zog durch die Zweige. Es dnrchschauerte sie voll banger Furcht - es regte sich etwas in ihrem Herzen — und schreckvoll stieg die zitternde Furcht in ihr empor. Null stand sie ihrem Vater gegenüber. Er mußte alles wissen, er blickte so strenge. Die Thränen drängten ihr ins Auge. Hatte Wlado sein Wort eingelöst, hatte er gesprochen? Dann konnte, dann mußte noch alles gut werden! Wenn nur die Eltern erst verziehen haben.. . . Und sie werden verzeihen, sie können ihr Kind nicht verstoßen! Doch der Vater, ivie schrecklich er aussah, die Augen wild, blutunterlaufen, das Gesicht geröthet, der Athem schwer —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.