Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- Seite 188 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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188 anderen Schriften des Verfassers dem hiesigen Realgymnasium übergeben, für das ein Herr Pius Marburg ein „Steinheim- Stipendium" gestiftet." Ueber den uns ja wohlbekannten Religionsphilosophen S. L. Steinheim schreibt Zeise noch: „Dr. Steinheim ist Verfasser vieler medizinischer, naturwissenschaftlicher und belletristischer Werke; aber wer kennt ihn jetzt noch? Er war Arzt in meinem väterlichen Hause, und in seiner Wohnung fanden an bestimmten Abenden Vorlesungen dramatischer Werke mit vertheilten Rollen statt; hier wurden u. a. Gutzkows erste Dramen mitgetheilt. Zu diesen Abenden lud Dr. Steinheim mich im Jahre 1842 zu verschiedenen Malen ein. Ich sah dort u. A. Gutzkow und Frau, Dr. Assing sowie dessen Töchter Ludmilla und Ottilie, ferner Dr. Gabriel Rießer, Dr. L. Wienbarg u, s. >v. Dr. Steinheim gab mir auch, als ich mich im Herbst 1842 nach Kopenhagen begab, einen Brief an Thorivaldsen mit, den ich dort besuchte." In seinem sehr lesenswerthen Buche „Aus dem Leben und den Erinnerungen eines norddeutschen Poeten" (Altona 1888) giebt Zeise noch an, daß Dr. Steinheim sich 1814 ganz besonders auszeichnete, indem er den von Davoust Vertriebenen, unter welchen ein Pestartiges Fieber ausbrach, die aufopferndste Hilfe leistete. Aber Steinheim ist in jüdischen Kreisen nicht so ganz vergessen. als Zeise glaubt. Ich füge daher auch noch hier Folgendes hinzu, was Zeise über Steinheim berichtet: ,,Jm Jahre 1865 sah ich Dr. Steinheim zuletzt, er hatte Kopenhagen besucht und berührte auf seiner Rückkehr Altona. Er war lebhaft und mittheilsam; sein weißes Haar wallte ihm auf die Schultern hernieder und, Abschied nehmend, äußerte ich: daß wir uns jetzt wohl zum letzten Male gesehen hätten (er begab sich wiederum nach der Schweiz), worauf er lachend erwiderte: das könne Keiner wissen! Meine Ahnung aber hatte mich nicht getäuscht; im nächsten Jahre traf die Nachricht ein, daß er am 18. Mai in Zürich verstorben sei. Dr. Steinheim ruht auf dem israelitischen Friedhofe in Altona; der Grabstein, aus Marmor, trägt auf der Vorderseite in hebräischer Sprache die Inschrift: „Höre Israel, der Ewige, dein Gott, ist ein einiges Wesen." Ueber dieser Zeile ist in dem Grabstein eine Kanne, das Levitenzeichen, ausgehauen. Auf der Rückseite des Steines befindet sich folgende Inschrift: Hier ruhet der Arzt, Or. msäieio. Solomon Levy Steinheim, Ein Denker und Dichter, geb. zu Bruchhansen 14. Ab 5549 gest. zu Zürich 4. Sivan 5626. „Sein Pilger hier, und dort Sein Bürger einst." So wandelt' er still in Demuth, Seinen Namen lehrend überall. — In der Gedichtsammlung, welche Zeise im Alter von 70 Jahren herausgab: „Natur- und Lebensbilder, ein Spätherbststrauß," Hamburg 1892, befindet sich eine Menge schöner Gedichte. Ich nenne davon hier nur, außer dem schon erwähnten „Bild aus der Mark": „Waldmeister blüht", „Die kleine Welt"; ferner „Erinnerung an Norwegen" und „Der Rjukanfoß in Norwegen" (der Rjukanfoß hat besonders durch Fr. Vischers „Auch Einer" eine Berühmtheit erlangt); außerdem das tiefsinnige „Der Geist, der unfaßbare", und eine ganze Anzahl kleiner sehr sangbarer Lieder unter dem Titel „Kleine Lieder". Für uns besonders interessant ist auch Zeises Gedicht „Ein Jude", mit den Worten beginnend: „Ich ward verhöhnt, ich ward verstoßen, Ich ward getrieben her und hin," dessen Strophen mit dem Refrain schließen: „Du Gott der Liebe du, errette. Erlöse mich von meiner Qual!" Was in diesen Worten ganz besonders angenehm berührt, ist, daß Zeise den armen Juden beten läßt „Du Gott der Liebe" — eine Anschauung, die man selbst bei sehr freisinnigen Nichtjuden leider nur selten antrifft. Obgleich wir in unserm täglichen Gebete den Ewigen nur als „unsern Vater" und als „Gott des Erbarmens" anrnfen, ist noch immer bei den Meisten, die nicht unseres Glaubens sind — freilich auch bei vielen unwissenden Juden — die Ansicht verbreitet, der Jude kenne nur einen „Gott der Rache!" Als ob der „Gott der Liebe", den jede Religion, Buddhismus ebensowohl als Christenthum, für sich ausschließlich in Pacht nehmen möchte, nicht auch schon den alten Hebräern ein feststehender Begriff gewesen wäre; als ob Jefaia nicht schon mehr als 700 Jahre früher seine Lehren verkündet hätte, ehe das junge Christen - thum auf den Plan trat. Und als ob der weise Hillel nicht fast hundert Jahre vorJesus gelehrt hätte: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, dies ist das erste Gebot..." Aber man läßt doch lieber jeder andern Religion, nur nicht dem Judenthum Gerechtigkeit widerfahren. Man lernt — wie mir direkt bekannt — sogar Sanskrit, um die heiligen Vedas zu verstehen; doch unparteiische Schriftsteller über Geschichte und Ethik des Judenthums zu studiren .. . dazu findet man keine Zeit! Der Buddhismus ist Mode geworden, wenn nicht vielleicht der noch modernere „Monismus" auch diese Mode bereits abgelöst hat. — Nein, der Gott, den wir Juden verehren, ist kein Gott der Rache, und wir sind überaus dankbar, wenn wir dieser Ueberzeugung auch endlich einnia! bei Nichtjuden begegnen. Freilich ist uns Gott viel, viel mehr als nur ein Gott der Liebe. Was die eigentliche, werkthätige Liebe betrifft, so haben vor etwa 2000 Jahren unsere Talmudweisen — ungeachtet der auch heutigen Tages noch unverändert bestehenden Heiligkeit unserer Thora, unserer- Gesetzes — es ausgesprochen: „Liebe und Barmherzigkeit wiegen das ganze Gesetz ans." Der Gottesbegriff, der in jedem Zeitalter bei jedem Menschen sich ändert, ist jedoch im Judenthum für alle Zeiten geltend ausgedrückt in der Be Zeichnung „Einig-Einziger". Denn: Gott ist nicht Rache, ist nicht Liebe — Er ist der Räthsel Lösungswort. Wenn Welt und Lebensall zerstiebe. Von all den Räthseln keines bliebe: Er war, er ist, er dauert fort! Dem Dichter Heinrich Zeise aber, der in seiner Heimatb in Großflottbek bei Altona, still und zurückgezogen, doch in unverminderter Geistes- und Schaffensfrische lebt, lei he»t zum Eintritt ins „Achtzigste" zugerufen: Noch eine „Stiege" — dann kehr' heimathwärts. Du treues, goldenes Poetenherz!