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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-19 · Heft 16 (19.4.1901) · p. Seite 187

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 16 (19.4.1901)
Date
1901-04-19
Page
Seite 187 (sequence 9)
Language
German
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187 hören. Ja, mit geringen Ansnahmen scheint der Grad der Vorurtheilslosigkeit, mit welcher Jemand den Juden gegenübertritt, in gleicher Höhe zu stehen mit dem Grade seiner Herzensgröße und seilles Geistesadels, während umgekehrt, Judenhaß fast immer nur mit niedriger Gesinnung verbunden ist. Was Wunder nun, da die Reinen, Vorurtheilslosen auf aller: Gebieten nur selten zu finden, daß die Summe unserer Hasser um soviel größer ist als die unserer Freunde? Zu den edlen, reinen Menschen, die das große Lessing'sche Wort vom „wahren Glauben" an sich selbst erfüllt zeigen, gehört auch der Dichter Heinrich Zeise, der am heutigen Tage in sein achtzigstes Lebensjahr tritt. Geliebt und hochverehrt in seiner engeren Heimath, ist Zeise bei uns nicht so allgemein bekannt, als er selbst und seine prächtigen Dichtungen es verdienen. Besonders hier in Berlin müßte Zeise viel bekannter sein; hat er doch in seiner Jugend, als er sich zum Apotheker ausbildete, seine Lehrzeit, etwa vier Jahre, in der Mark verlebt. An diesen Aufenthalt knüpft auch ein sehr hübsches Gedicht aus seinen späteren Jahren, „Ein Bild aus der Mark", au. Später lebte Zeise Längere Zeit in Dänemark, und bereiste Schweden und Norwegen, um seine „Berufskenntnisse" ')il erweitern. Daß er sich dabei wohl ebensoviel mit seinem 'igentlichen Berufe, der Dichtkunst, beschäftigte, ist natürlich. Wie Zeise mir schreibt, besuchte er im Jahre 1846, während 'eines Aufenthalts in Norwegen, auf dem Friedhose zu Christiania auch das Grab Henrik Wergelands, der damals in Norwegen allgemein gefeiert wurde. Den Lesern dieses Blattes dürfte der Name Henrik Wergeland noch in guter Erinnerung sein. Im Dezember 1897, in Nr. 52. brachte die „Allgem. Ztg. des Judenthums" ein erweisendes Gedicht von Wergetand, betitelt: „Der Weihnachts-! abend." — Wie dort (S. 622) in einer Anmerkung der Redaktion! w'sagt wird, war Wergelaud einer der edelsten Geister Norwegens: „ein ebenso großer Patriot als Menschenfreund, und zugleich der Erste, der für die Gleichberechtigung der Juden m seinem Vaterlande mit großem Eifer eintrat." — Wergeland erreichte nur ein Alter von 37 Jahren: „Doch brach er nicht der Fessel hartes Erz, Er brach es nicht. — dein Dichter brach das Herz!" Im Jahre 1847, nach seiner Rückkehr in die Heimath, schrieb >eise für einen Bekannten, Dr. Eduard Cohn, der zur Zeit u Hamburg ein Blatt, „Der Jude in Deutschlands Gegenwart" herausgab, das mir jüngst durch einen Znfall ekannt gewordene Gedicht „Henrik Wergelands Denkmal". Zies herrliche Gedicht, welches der Verfasser selbst für „verchollen" hielt, ist werth, der Vergessenheit entrissen und weitester Verbreitung übergeben zn werden. Zugleich ist es geeignet, en sympathischen Charakter Zeises, welcher den Juden in ollem Maße Gerechtigkeit widerfahren läßt, zu kennzeichnen; wir theilen daher dies Gedicht hier im Wortlaute mit: Heinrich Wergelands Denkmal. Kennst du das Land, aus Felseil steht sein Thron; Die grünen Tannen bilden seine Kroll'. Sein Szepter sind die wilden Bergesflüsse Und hoher Wasserfälle Regengüsse. Die Krolle birgt den schönsten Edelstein, Das ist der ew'gen Freiheit Widerschein. Dll kennst das Land und seine stolze Pracht, Alls seinen Felsen hält der Adler Wacht; Bis in den Himmel ragt die ernste Fichte, Sie flüstert Sagen, Märchen und Gedichte. Lawinen stürzen donnernd in das Thal Ulld wecken rings der Berge Widerhall. Du kennst das Land, streng saß es zu Gericht; Die Juden nur, die Juden duldet's nicht. Sie dürfen nicht der Freiheit Land betreten. Nicht in den heil'gen Tannenwäldern beten. Du Land der Freiheit werde gänzlich frei, Die letzte Fessel brich der Tyrannei! Es hat dein Dichter Henrik Wergeland Gerüttelt jener Fessel stählern Band. Er hat gekämpft mit seinem Liederschwerte. Die Wahrheit und das Recht war sein Geführte; Doch brach er nicht der Fessel hartes Erz, Er brach es nicht, — dem Dichter brach das Herz. O Henrik Wergeland, du schlummerst kühl. Die harte Erde dienet dir als Pfühl; Auf deinem Hügel sprießen zarte Blüthen, Die milde Frauen still nnd liebreich hüten. Und mit den Blumen spielt die Abendlust — Schlaf süß, du Held, in kühler, dunkler Gruft! Es schwellet eine unnennbare Lust, Gedenk ich deiner, mir die warme Brust; Du wardst verhöhnt, verachtet von den Großen, Sie haben dich verkannt nnd dich verstoßen. Doch hat das Volk dich, edler Wergeland, Den heil'gen Schützer seines Rechts genannt. Es hat das Volk geliebt dich und geehrt; Dein Bildniß hängt an jedes Bauern Herd — Sie beten laut: „Gieb du, o Weltenrichter. Den schönsten Lorbeerkranz dem edlen Dichter! Es hat das Volk dich. Henrik Wergeland, Deil Fels im Meer, den heil'gen Schild genannt. Norwegen flicht dir nicht allein den Kranz — In tausend Augen perlt ein lichter Glanz: Es klagt das Volk, das schon so lang gelitten. Für welches du so ritterlich gestritten. Der Liebe und des Schmerzes Zähren weiht Dir des verstoßnen Volkes Dankbarkeit! Ulld sie, sie wollen dir ein Denkmal ban'n; Doch deine Gruft darf nicht ihr Auge schan'n! Sie dürfen nicht an deinen Hügel treten. Sie dürfen nicht all deinen! Grabe beten. Und dennoch soll das Denkmal Zeuge sein, Daß sie auch dir des Schmerzes Zähre weih'n. Könllt'st, Wergeland, aus deiner Gruft dn gehn, Dein irdisch Auge hier dies Denkmal sehn; Wie würde Wehmnth tief die Brust dir schwellen. Und klare Thränen deinem Aug' entquellen — Doch eher steigst dll ans dem Grabe nicht. Bis jene letzte, letzte Fessel bricht. Und wenn sie bricht, o heil'ge Wounezeit! Dann werden Aller Herzen froh ulld weit. Danil werden Jnbellieder, Frendenzähren Den edlen Dichter noch im Grabe ehren. Dann schauet jauchzend Henrik Wergeland Von ew'geu Hvh'n auf's freie Felsenland! In Bezug auf dies Gedicht theilte mir Zeise noch Folgendes mit: „Da Sie sich für Wergeland interessiren, erlaube ich mir Ihnen mitzutheilen, daß ein sehr gelehrter Altouaer Arzt, Dr. Steinheim, gleichfalls ein Gedicht an Wergeland gerichtet, das in Gutzkows „Telegraph für Deutschland" im Allfang der vierziger Jahre erschien. Dr. Steinheim gab mir damals das Gedicht, das ich sorgfältig anfbewahrte, und beschloß ich nun, Ihnen dasselbe zn übersenden. Ich habe es aber bis jetzt v ergebens unter einer Menge alter Papiere gesucht . . . Vielleicht habe ich es vor einem Jahre mit sämmtlichen

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