Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- Seite 186 (sequence 8)
- Language
- German
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186 der Armen zu suchen, denn diese sind theils Berufsbettler, theils Handwerker und Kleinhändler, die sich nie einer besseren materiellen Lage erfreuten. Jedenfalls versteht jetzt diese Klasse erfreulicherweise für ihre Kinder zu sorgen, indem sie dieselben entweder einem Berufe hier zu Lande zuführen oder sie ins Ausland ihr Glück zu suchen schicken. Die heutigen wenigen gutsituirten Juden in Galizien sowie die zahlreichen wohlhabenden Juden galizischer Herkunft in Wien, Ungarn, England, Amerika rc. sind denn auch ausschließlich Kinder armer Eltern, oft aus den tiefsten Schichten der Bevölkerung. Nicht unbedeutende Geldsummen fließen jährlich den in Galizien zurückgebliebenen Angehörigen reicher Emigranten zu. Viel bedauernswerther als diese sind die zahlreichen achtbaren, hierfür vornehm gehaltenen, herabgekommenen, aber sich würdig auf den Füßen haltenden und dadurch dem Mittelstände angehörigen Familien. Als Kinder reicher orthodoxer Eltern wurden sie mit den heute so nöthigen Waffen für den Lebenskampf nicht allsgerüstet; verweichlicht und in einem sehr beschränkten Gesichtskreise erzogen, sind sie nicht fähig, unter den hellte obwaltenden Verhältnissen gegenüber den ihnen über den Kopf gewachsenen neueil Nivaleu aus anderen Lagern standznhalten. Sie gehen daher unaufhaltsam zu Grunde und stellen eine eigenthümliche Art von Proletariat dar. Und wenn von irgend einer Seite die anscheinend berechtigte Anklage gegen die galizischen Juden erhoben wird, daß dieselben eine Scheu gegen schwere physische Arbeit an den Tag legen, so ist sie nur von diesem Standpunkte aus zu rechtfertigen. Von Familien, die sich für den Volksadel halten, kann man doch nicht erwarten, daß sie gleich in der zweiten Generation nach ihrer Herrlichkeit sich zu Tagelöhnern und Straßenkehrern herabwürdigen werden. Nachdem diese zweite Generation sich als Kleinhändler oder Geheimbettler durchvegetirt hat, stellt die dritte Generation das Kontingent zu öffentlichen Wanderbettlern. nlid die Nachkommen der letztere» erst sind fähig, sich zu nützlichen Menschen heranbilden zu lassen. Das geschieht auch ohne Hilfe von auswärts. Soll nun eine Hilfsaktion für die Nothleidenden in Galizien nicht wie die ehemalige, von Baron Hirsch ins Leben gerufene ihr Ziel verfehlen, so muß sie vor allein nicht in materieller, sondern in intellektueller Beziehung ihre Thätigkeit entfalten und sich die orthodoxen Patrizierfamilien zu ihrem hauptsächlichsten Wirkungskreis aussuchen, da diese sozusagen die Ersatzquelle der galizischen Bettler bilden. Nicht als ob wiederum Schulgründungen zu empfehlen wären; Schulen haben wir genug. Ich meine eine zweckmäßige Massenbelehrung großer Kinder, eine radikale Befreiung von dem schädlichen Einfluß der nichtjüdischen Bevölkerung einerseits und der traditionell-sozialen Verirrungen anderseits, welchen Zweck man durch Verbreitung von sozialökonomischen Schriften und geilen Zeitungen erreichen könnte. Diese Schriften müßten populäre, von Fachmännern verfaßte und in den jüdisch-deutschen Dialekt übertragene Aufsätze enthalten und den Kultusgemeinden sowie verschiedenen Privatpersonen gratis zngesandt werden, da ein galizischer Jude kein Bedürsniß für „profane" Lektüre spürt. Es soll den noch wohlhabenden, aber sicher dem Ruin zueilenden Familien durch statistische Daten dargelegt werden, daß das Gelingen oder Mißlingen ihrer mit Vorliebe gepflegten Gewerbe nicht vom Zufall, sondern von ökonomischen, berechenbaren Naturgesetzen bestimmt sei. Sie müssen dazu angehalten werden, ihre eventuellen Kapitalien nicht in Wucher und in nutzlosen Bauten, in denen sie rückhaltslos zu Grunde gehen niüssen, anzulegen, sondern dieselben nützlichen, möglichst industriellen Unternehmungen zuzuführen, von welchen sowohl sie selbst als auch arme Arbeiter Nutzen ziehen könnten. Auch die fortgeschrittenen Familien bedürfen einer Belehrung und Leitung von außen. Es giebt bereits in den größereil Städten in Galizien eine beträchtliche Schaar Jutelligenzproletarier, denn ein fortgeschrittener Jude in Galizien vermag für seine Söhne keinen anderen Beruf ausfindig zu machen als Jus und Medizin. Stipendien für Schüler der Technik und der Agronomie wären zu empfehlen. Die in den Statuten des Wiener Hilfsvereins enthaltene These von der Zuführung der Juden zur Landwirthschaft zeigt ebenfalls Mangel an Kenntniß der galizischen Verhältnisse seitens verleitenden Kreise. Die Juden auf dem Lande und in den Marktflecken befassen sich, statistischen Tabellen gemäß, in genügendem Maße mit Landwirthschaft, so daß dies bereits vielfach in verschiedenen, auch in nicht ausgesprochen antisemitischen Kreisen Besvrgniß und Neid hervorgerufen hat. Den armen Juden Lohnarbeit bei den Großgrundbesitzern zu empfehlen, wäre ein gefährlicher Schritt, denn da diese die einzige Erwerbsquelle der hungernden Bauern ist, könnte eine Konkurrenz seitens der Juden zu dauernden Reibungen, ja zu Ausschreitungen führen. Das einzig Mögliche und auch Ersprießliche, das mau auf diesem Gebiete thun kann, ist: denjenigen jüdischen Kleingrundbesitzern, welche mit eigenen Händen ihren Acker bestellen, Unterstützungen zu gewähren, ihr Besitzthum oder ihr Inventar zu vergrößern, damit sie Brod von ihrer Hände Arbeit essen sollen, was in den meisten Fällen nicht der Fall ist. Schließlich hängt das Gelingen und Gedeihen dieser großartigen Wohlthätigkeitsaktivn einzig und allein von der Wahl eines tüchtigen, unparteiischen und bewährten Beamten zur Leitung derselben ab. Der leitende Beamte muß mit der galizisch - jüdischen Bevölkerung, ihrem Leben, ihrer Sprache, ihren Sitten und dem Wesen ihrer Noth durchaus vertraut sein. Bei einer verfehlten Wahl dieser exekutiven Kraft muß das edle Unternehmen wie ähnliche Versuche mißlingen. Von dem Beamten, welcher mit diescr schwierigen Sache betraut wird, muß man im Voraus überzeugt sein, daß er sich seiner Aufgabe nicht wie einer Pflicht, sondern mit innerer Neigung, mit Leib und Seele widmen wird, daß er die Hoffnungen, die man auf ihn setzt, durch seine Vergangenheit rechtfertigt. Heinrich Jeise. (Geb. 19. April 1812.) Von Henriette Hirschberg. ^^l?^'an muß die Stimmen wägen und nicht zählen." Klingt dies bekannte Wort nicht, als wäre es besonders gemünzt auf unsere Freunde und unsere Gegner? Wohl ist sie groß, die Menge unserer Feinde, und nur klein die Zahl unserer Vertheidiger. Aber mit berechtigtem Stolz dürfen wir uns rühmen, daß die edelsten nud erleuchtetsten Geister aller Nationen zu unseren Freunden ge-