Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- Seite 185 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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l8ö ' Ein Seitenstück zn dein oben erwähnten Satz des spanischen Rabbi liegt in dem Wort, das ich aus dem Munde des in der militärisch Welt sehr geschätzten General z. D. von Viebahn, der in seiner vornehmen Schlichtheit mich ein wenig an den Oberstleutnant von Egidy seligen Andenkens erinnert, Horen durfte. Als ich mir einst die Freiheit nahm, dem von echter Frömiuigkeit erfüllten Herrn gegenüber auf die auffallende Thatsache der „Lauheit" so vieler christlicher Geistlichen gegen die Antisemiten, ja auf einen bekannten früheren Hofprediger, den Vater des Antisemitismus, hinzuweisen, suchte der vortreffliche Mann zwar mein Urtheil einzuschränken und die „angeschnittene Judenfrage" leise abzuwehren, fügte aber in entschiedenem und freundlichem Tone, der ihm eigen, hinzu: „Und doch ist das Wort der heiligen Schrift richtig: „Wer Israel verflucht, ist verflucht, wer Israel segnet, gesegnet!" (1, Moses 27, 29). Von einer Verwandten des Herrn von Viebahn hörte ich kürzlich noch ein Wort, das in heutiger Zeit, wo „man" uns Inden als Juden oft bis aufs Blut haßt und mit der Blutlüge kränkt, merkwürdig genug klingt und mich wundersam berührte. Dieselbe sprach von einer ihrer Töchter das große Wort gelassen aus: „Meine Tochter ist eine so große Judenfreundin, daß sie sich glücklich schätzen würde, wenn sie nur einen Tropfen jüdischen Blutes in ihren Adern hätte." Wie ward mir! War ich da noch in Poniniern, in Stettin an der Oder? Und doch ertönten die liebenswürdigen Worte hier in derselben Straße, wo unser allverehrter Rabbiner Dr. Vogelstein wohnt! Doppelt beschämend für die jüdischen Tröpfe, die ohne Glauben, aber voll Weltsin», mit ein paar Tropfen Taufwasfer ihr ganzes Blut „kaltblütig" wegwifchen, die alte Firma auslöjchen möchten: sie wissen ja garnicht, den Rothschilds ähnlich, wie reich sie sind! Soweit die Stettiner Epistel. Wollte Gott, daß manchem Verzagten unter uns ein Schimmer von Hoffnung durch die Seele ziehe, daß auch noch so lange Trübsal endlich einmal zu Ende geht, dann aber, und je länger sie angedauert, desto tiefere und fruchtbarere Segensspuren zurückläßt. Größeren Segen darum als etwa eine Einberufung eines deutschen Judentages würde uns zunächst die Einsetzung eines israelitischen Bet- und Bußtages bringen; nicht etwa analog dem neunten Ab, sondern mehr entsprechend dem Fasten Esthers. Haben unsere Väter so oft in der Bedrängnis; zu Gott um Hilfe geschrien und Rettung im einmnthigen Gebet gesunden — wann wären unsere äußeren und inneren Schwierigkeiten stärker, wann ein Bittgebet dringend nöthiger gewesen als in unserer kritischen Zeit? Oru et tabora! Erst Beter, dann Thäter. Doch nicht einer imposanten Versammlung, der Vertretung aller Gemeinden bedarf es, um uns Raum zu schaffen vor unseren Feinden, nur wenige organisatorisch begabte, Willensstärke, vom Gottesgeist glühende Männer des Rathes und der Einsicht, echte Israeliten und Patrioten (vgl. Richter 7, 2) mögen zu vertraulichen Berathungen zusammentreteu und die Ergebnisse derselben zu rechter Zeit — interim tit rcliguick — bekannt geben. Zur Hilfsaktion für die nothleidenden Inden in Galizien. Von S. M. Lazar in Krakcm. (Ä^?^nn ist sie konstituirt, die lang ersehnte Hilfsaktion. Tausende von materiell verkommenen jüdischen Familien gehen, ohne daß sie es ahnen, einer besseren Zukunft entgegen. Tausende von müßigen Händen werden bald für nützliche, einträgliche Arbeit gewonnen werden. Tausende von den» Müßiggänge und in letzter Konsequenz dein Laster geweihten Mädchen werden zum Fleiße und zu gewerblicher Thätigkeit angehalten werden. In Tausenden von sogenannten Wohnrüumen, in welchen man kein anderes Geräusch zu hören Pflegt als die Demonstrationen der arbeitslosen Magen, wird das freundlichere Geräusch von Handmaschinen vernommen werden. In manchem Städtchen wird die Friedhofsstille, die nur ab und zu von der Kirchenglocke und dem Synagogenhannner unterbrochen wird, einem regeren Verkehr weichen. Manche Bahnstation, die nur dazu bestimmt zu sein schien, um Passagiere zur Residenz eines Wuuderrabbis zu befördern, wird sich vielleicht bald einer großen Waarenexpedition erfreuen. Die Hilfsaktion ist unstreitig ein segensreiches Unternehmen. Und doch muß ein Kenner der Verhältnisse konstatiren, daß die Statuten des zu diesem Zwecke gegründeteil Vereins nicht mit gelingender Lokal- und Sachkenntnis; verfaßt wurden. Um ein Uebel zn bekämpfen, muß man dessen Grund- und Nährquelie genau keiinen, und dieser in erster Reihe, nicht den daraus mit Nvthiveudigkeit folgenden Resultate», soll die Aufmerksamkeit einer Hilfsaktion zngewendet werden. Di« Arunith dergalizisehen Inden haftet nicht an ihnen ursprünglich; sind sie doch von derselben Rasse und mit denselben Fähigkeiten ausgestattet wie ihre Glaubeusbrüder in anderen Ländern. Das Elend und die Noth der galizischen Judenschaft haben vielmehr ihren Grund in äußeren Umständen. Das ist eine allgemein bekannte Thatsache, und doch kann nicht genug darauf hingewiesen werden. Jedes Land hat die Juden aufzuweiseu, die es eben verdient. In ihrer dank Jahrtausende langer Abhängigkeit ausgeprägten Anpassuugs- und Nachahmungssucht haben die Juden sich überall die Eigenschaften ihrer Mitmenschen angeeignet, und so gewöhnten sie sich auch in Galizien die Eigenthümlichkeiten dieses Landes an, welche für Wohlstand und Fortschritt nicht sehr zusagend sind. Mangel an Unternehmungslust, in den Tag hiueinleben, Beharren auf kleinlichen, aber für das Leben weittragenden, einmal angenommenen Sitten und übertriebene, immer vertröstende, halb abergläubische und halb selbstfchmeichelnde Zuversicht auf eine bessere Zukunft, die allen sich hauptsächlich mit Ackerbau befassenden Völkern und besonders den «Polen uud Rnthenen eigen, sind auch auf die Juden übergangen, welche dieselben allerdings für wahres biblisches Gottesvertrauen in selbstzufriedener Weise zu halten sich gewöhnt haben. Festhalten an den traditionellen Gewerben trotz des fortwährenden Zusannnenschrumpfeus derselben, sorgenloses, apathisches Vertrauen auf den Zufall in Bezug auf;die Erziehung der Jugend und Selbstverrath sind die Folgen dieser erbärmlicher; Erbthorheit. Der Schwerpunkt des galizischen Elends ist nicht, wie oberflächliche Beobachter es thun würden, bei den Aermsten