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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-19 · Heft 16 (19.4.1901) · p. Seite 184

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 16 (19.4.1901)
Date
1901-04-19
Page
Seite 184 (sequence 6)
Language
German
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184 Johannesburg sind die Lebensmittel ebenso unerschwinglich theuer wie schlecht und dürfen überdies nur auf ausdrückliche Erlaubniß der englischen Behörden, welche diese Erlaubniß nur mürrisch und sehr ungern ertheilen, gekauft werden. Aus diesen Gründen dauert die Auswanderung aus Johannesburg, welche mit dem Ausbruch des Krieges ihren Anfang nahm, auch jetzt noch fort, und die Regierung sucht dieselbe noch zu ermuntern, indem sie für jeden Auswanderer die ganze Reise nach Europa bezahlt. Unter solchen Umständen ist die jüdische Gemeinde in Johannesburg sehr zusammengeschmolzen. Dennoch sind die zurückgebliebenen Juden bemüht, den alten Ruf, den die jüdische Gemeinde von Johannesburg sich erworben hat, nach Möglichkeit zu erhalten. Das Loarck ok Onaräisns hat die armen Juden des Landes mit Mazzoth versehen, und die Chewrah Kadischa, welche trotz der schlechten Zeiten es sich nicht nehmen ließ, den siebenten Adar in alter Weise zu feiern, hat 260 Pfund Sterling zur Unterstützung der jüdischen Flüchtlinge aus dem Land nach Kapstadt und Durban geschickt. Diese armen Leute, welche vor zwei Jahren in Johannesburg in glänzenden Verhältnissen gelebt haben, werden jetzt in den Hafenstädten Kapstadt, Durban und Port Elisabeth als Sündenböcke angesehen, aus welche die ganze Schuld an diesem für England so unglückseligen Krieg gewälzt wird. Leider wird das allgemeine Vvrurtheil gegen die Johannesburger auch von den Juden getheilt und auf ihre aus dem Lande geflüchteten eigenen Glaubensgenossen Überträgen. Stettiner Brief. - Von Hermann Leszczhnski. Freuden „ergreife ich die Feder", um Ihnen einige ^iÄysU. selbsterlebte, des allgemeinen Interesses nicht entkehrende Begebenheiten als gewissenhafter Chronist zu melden. Aber Sie fragen gewiß: was kann Gutes ans Pominern kommen, der Hochburg des Antisemitenthnms, und was Erfreuliches aus Stettin, wo die v. Mosch und Foerster, die Dauerredner, so viel Zulauf finden? Ich füge noch hinzu, daß hier kürzlich Israeliten, auch Schreiber dieses, von dem „süßen Pöbel" mit der aus dem Narrenhaus kommenden und thatsächlich der „moral iussnitx" ungehörigen Wortbildung „Konitzer Mvrdkollege" angeödet wurden. „Lump. Du kannst Dir die 20 000 Mark an mir verdienen," war meine den Umständen angemessene und dem Znruser wohl gebührende Abfertigung. Friedrich Wilhelm I.. der Soldatenkönig, der in seiner Art viel auf das Christenthum hielt, fragte einst einen Rekruten, der, ein Analphabet, auch im Katechismus unterrichtet wurde: „Mein Sohn, was sollst Du hier werden?" — „Ich soll a Christ werden." — „Bist Dn's denn nicht?" — „Nein, Majestät." — „Was bist Du denn?" — „A Pommer," war die ganz ehrliche und folgerichtige Antwort des Mannes. Dieser Pommer war sich also seines doch angeborenen Christenthums gar nicht bewußt, er heuchelte dieses auch nicht, sondern ließ sich in ihm einfach und einfältig unterweisen. Unsere antisemitischen Pommern bilden sich zunächst aus ihr Christenthum gar viel ein und halten sich eo ipso für bessere Menschen und Deutsche als uns Juden; aber gilt es im Ernst die Erfüllung der Gebote der Nächsten- und Bruderliebe auch gegen jüdische Menschenkinder — da wollen sie von ihrem Christenthum nichts wissen, ja sie suchen es als „eine jüdische Gründung" zu diskreditiren und zunächst das Alte Testament, das Buch des alten Bundesvolkes, zu verunglimpfen. (Siehe das erste Flug- (lies Fluch--) Blatt des antisemitischen Volksbundes.) Doch giebt es hierorts in den höchsten Kreisen der guten Gesellschaft natürlich auch gute Christen und Christinnen, und von diesen will ich Ihnen einige schöne Kundgebungen mittheilen. Noch schicke ich voraus, daß die Kundgebungen nicht unmittelbar entstanden, sondern durch gelegentliche Bemerkungen meinerseits hervorgerufen sind. Und wollte man einwenden: das sind ja nur vereinzelte freundliche Stimmen gegenüber dem vielstimmigeil feindseligen Chorus, so läßt sich wohl erwiedern, daß sich ähnliche entschiedene Sympathiekundgebungen überall und jederzeit leicht Hervorrufen lassen: wie man in den deutschen Wald hineinruft, so schallt es zurück. So sind die Stimmen, die ich nun anführen will, nicht als vereinzelte, sondern eher als typische und charakteristische zn betrachten und als solche gerade vo» prinzipieller und symptomatischer Bedeutung. In der Erwartung, aus berufenem Munde etwas über Israel zu hören, wohnte ich der Ansprache des hiesigen Herrn Generalsuperintendenten 1). Poetter bei. Obwohl daS Thema anders lautete, bot der Vortrag mir doch Gelegenheit, dem hochwürdigen Manne meine eigenen Gedanken sowie eine kleine Druckschrift von mir am Krönungsgedenktage, an de», ich durch eine ergreifende Feier in der Synagoge gestärkt worden, zugehen zu lassen. Nach einigen Tagen wurde ich durch folgendes Antwortschreiben erfreut: Sehr geehrter Herr! Erst heute finde ich ein Stündchen Zeit, nni Ihnen für die Zusendung von „Deutsch-Israel" herzlich zu danken und das freundliche Begleitschreiben zu beantworten. Als mir das.Programm der Gebets Woche vorgelegt und die letzte Andacht in ihr zugemuthet wurde, erklärteich sofort, daß ich mich aus den Antisemitismus nichi ei »lassen würde. Jesus und sein Evangelium sind keinem Menschen gegenüber anti, sondern nur pro, und zwar um so intensiver pro. je weniger das Objekt solches verdient. Es kommt hinzu, daß der Antisemitismus eine sozialpolitische Erscheinung ist. Wie unser Herr Jesus Christus durch die sozialpolitischen Zustände seiner Zeit in göttlicher Majestät hindnrchschritt, die von ihm geforderten Urtheile und Eingriffe kurz abweisend, wie seine Apostel ihm auf diesem Wege getreulich nachgesolgt sind, so bemühe ich mich, desselben Geistes Kind zu sein. - Was insonderheit Israel «»betrifft, so wird's wohl dabei bleiben, was einst ein spanischer Rabbi dem Könige Philipp sagte: „Majestät, wir sind ein unter dem Fluche liegendes Volk, darum werden Verfolgungen über uns kommen; wir sind und bleiben aber auch ein ge segnetes Volk, darum werden ivir uns aus allen Ver folgunge» siegreich erheben." Dieser Ausspruch hat die Bibel für sich. Die Stunde Israels als eines Volkes hat nocl nicht geschlagen, denn das Evangelium hat seine Wanderung durch die Völker noch nicht abgeschlossen-, das Volk hal seine weltgeschichtliche Mission zn erfüllen, und wenn cs dabei dem alten deutschen Michel zuweilen unbequem wird, so mag er sich selbst an die Nase greisen. Das Reich Gottes ist Gerechtigkeit, Friede nnd Freude im heiligen Geist. In diesem Reiche, für welches es keine politischen, sozialen und Parteibarrieren giebt, habe ich meinen Standort und das Maß für die Beurtheilung der Weltereignisse. Das Ende der ganzen Knltnrentwickelung ist ein großes Grab, darum imponirt mir nichts zu sehr, wenn ich auch das „alles ist euer" nicht vergesse. Mit dem Wunsche des Friedens bin ich, sehr geehrter Herr, Ihr ergebenster 24. Januar 1901. Poetter.

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