Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- Seite 183 (sequence 5)
- Language
- German
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183 Nun gut, vielleicht kommt die Staatsanwaltschaft Ihnen entgegen und setzt alle irgendwie auch nur einigermaßen der Theilnahiue verdächtige Leute in Untersuchungshaft, Alle — Juden und Christen, natürlich Alle, die irgend etwas „verwirrt" haben, von dem Ersten, der in Kouitz durch das Märchen vom „Nitnalmord" die Leute von der Verfolgung des wirklichen Mörders abgelenkt und die Gemüther „verwirrt" hat, bis auf den Letzten, der etwaheute oder morgen „Verdunkelung" dadurch herbeiführt, daß er schlankweg behauptet, der Mörder muß ein Jude sei», eine größere Anzahl von Konitzern (d. h. Juden!) muß um den Mord wissen und wer weiß was noch!" Uebrigens wurde, wie das genannte Blatt niittheilt. bereits am Ostersonnabend die Petition in Restaurants und Schnapskneipen von zahlreichen — auch auswärtigen! — Leuten, die die Petition nicht erst lasen, flott unterschrieben. Die Anwesenheit des Präsidenten der französischen Republik in Nizza gab mich Veranlassung zu einer echt humanen Kundgebung desselben anläßlich der Vorstellung des israelitischen Konsistoriums. Der Großrabbiner Me iß hielt folgende Ansprache: „Aus kindlicher Dankbarkeit für die göttliche» Tugenden, die in so rührender Weise Ihr hohes Amt vergolden, schließt sich die israelitische Gemeinde in tiefer Bewegung der allgemeinen Freude bei Ihrem Empfange an. Sie. Herr Präsident, haben das wunderbare Programm von Dijon nicht vergessen, in dem Sie angesichts der Welt ausriefen, daß die französische Demokratie groß, tolerant und alt genug sei, um alle Glaubensbekenntnisse zu umfassen. Es ist mir eine angenehme Pflicht, hinziiznfügen, daß das französische Judenthum in der Morgenröthe der neuen Zeit feierlich als sein Dogma erklärte, daß es für jeden Israeliten Pflicht sei, sei» Vaterland wie eine Mutter zu lieben, das heißt, bis in den Tod. Wir hegen die süße Hoffnung, alle Franzosen in demselben Gefühl der Weisheit und der Aufopferung vereinigt zu sehen, um der Republik zu ermöglichen, ruhig und friedlich ihre glorreiche Bestimmung zu verfolgen." Präsident Loubet erwiderte: „Ich habe seit meiner Rede von Dijon meine Ansicht nicht geändert. Wir sind in der Demokratie genug tolerant und genug großherzig, uni alle Meinungen, jeden Glauben zu achten, wen» sie ausrichtig sind und von ehrenhaften Menschen ausgehen. Die Religion, welcher Sie angehöreu, verlangt nichts als Freiheit. In unserm herrlichen Frankreich, welches Sie wie eine Mutter lieben, wird Ihnen diese Freiheit, so lange unsere Demokratie besteht, immer gesichert sein, und sie haben nicht jenen Rückschritt zu besorgen, welchen Einige von Jhnen mit Unrecht befürchten." Diese Worte werden sicher einen Widerhall finden nicht nur in Frankreich. 4. Im englischen Unterhause hat es eine Debatte über die Fremdeneinwanderung gegeben, bei der der unseren Lesern bereits bekannte komische Herr, Sir Howard Vincent, sein Steckenpferd ritt. Mr. Dewaz bat den Minister des Innern um Auskunft über 1. die Zahl der Fremden, welche vom l. Januar bis 28. Februar d. I. den Hafen von London betreten haben; 2. die Zahl der Fremden, welche sich in London während dieser Zeit niedergelassen habe» und 3. die entsprechenden Zahlen in den beiden vorhergegangenen Jahren. Mr. Gerald Balfour erwiderte als Präsident des Board vf Trades, daß die Zahl der Auswanderer, welche in den ersten drei Mvnateu dieses Jahres den Londoner Hafen betreten haben, 3410 gegen 3140 und 2596 der beiden Vorjahre betrage. Bon diesen Einwanderern haben 1229 London wieder verlassen, so daß vermuthlich 2181 Fremde gegen 2362 resp. 1780 der korrespondirenden Zeit der Vorjahre sich in East London niedergelassen haben. Diese Gelegenheit konnte Sir Howard Vincent nicht vorübergehen lassen, ohne das Ministerium anzurempeln und Mr. Balfour zu fragen, wann die Regierung ihr Versprechen erfüllen und ein neues Fremden ge setz vorlegen will. Mr. Balfour: Ich habe schon einmal erklärt, daß in diesem Jahre die Vorlegung eines solchen Gesetzes kaum erfolgen dürfte. Mr. Vincent versprach darauf, die Aufmerksamkeit immer wieder ans diesen Gegenstand lenken zu »vollen. Gleichzeitig theilte er der Negierung die gewiß von ihm erfundene Thatsache mit, daß die „Fremden" in St. Georges in the East die einheimische Bevölkerung aus zahlreichen Häusern ausgemiethet haben und sragte die Regierung an, ob und was sie dagegen zu unternehmen gedenke. Mr. Ritchie erwiderte, daß, falls irgendwo in London eine Wohnungsnoth entstehen sollte, die bestehenden Gesetze ansreichen, um wirksame Abhilfe zu schassen. Durch das Eingreifendes russischen Senats ist der willkürlichen Behandlung der Juden in Sibirien ein Riegel vorgeschoben worden. Sibirien war von jeher das Eldorado des russischen Tschinownikthums. Hier, wo der Zar so weit ist, fühlen sich die Beamten vor dem Arm derGerechtigkeit völligsicher und dürfen ungescheut jeden Wehrlosen und Schwachen nach Gutdünken verfolgen. Was Wunder also, daß die in Rußland vielgeplagten und fast völlig wehrlosen Juden unter der Willkür der sibirischen Beamten schwer zu leiden hatten! Allmälig bildeten die Tschinowniks aus Sibirien einen eigenen Rayon, das von keinem Juden betreten werden durfte. Die nach Sibirien verschickten jüdischen Verbrecher wurden nach Verbüßung ihrer Strafe wider Gesetz und Recht in einer Stadt internirt, welche sie ohne spezielle Erlaubnis; nicht einmal ans wenige Tage verlassen durften. Die Nachkommen der einst nach Sibirien verbannten Juden dursten selbst im zehnten Geschlecht sich nicht in Sibirien frei bewegen. Schließlich nahm die Beaniteiiwillkür in Sibirien derartige Dimensionen an, daß das Land für die Juden lle kaoto ein verbotenes Paradies ward, wo der Eintritt selbst den Privilegirtesten aller russischen Juden, den Nachkommen der alten Nikolausschen Soldaten, der Eintritt verboten war. So wurde eines Tages der jüdischen Svldatensohn Meierowitsch vom Generalgouvsrneur von Transbaikalien aus Missowska am Baikalsee ausgewiesen. Aber Meierowitsch verklagte den Generalgouverneur beim Senat, und dieser belehrte den kleinen sibirischen Tyrannen, daß alle Juden, welche das Recht haben, außerhalb des Ansiedelungsrayons zu wohnen, sich auch in Sibirien niederlassen dürfen. Auf Grund dieser Senatsentscheidung werden jetzt auch die jüdischen Handwerker aus dem überfüllten großen Ghetto in Westrußlaud nach Sibirien sowie Russisch-China auswandern können und so den Ansiedelnngsrayon ein wenig entlaste». * Wie dem „Jewish Chronicle" aus Johannesburg gemeldet wird, haben sich die Zustände daselbst seit der erfolgten Besetzung der Stadt durch die Engländer noch wesentlich verschlimmert. Die Aussichten aus eine endlicheWiederkehr geordneter Zustände sind jetzt geringer noch als vor einem Jahre, da die Schlacht bei Paardeberg geschlagen ward. Die Frauen und Kinder haben die Stadt verlassen müssen und leben jetzt fern von ihren Gatten und Vätern in den Hafenstädten. In