Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 sordernngcn der Neuzeit zu wenig oder garnicht entsprechen. Nur den empfehlenswert hen Schriften Eingang in die jüdischen Häuser zu verschaffen, sorge man zunächst sür gute Schülerbiblivtheken, die keiner öffenttichell und keiner Neligionsschnle fehlen sollteil. Sache der Lehrer lind Rabbiner ist es. durch Empfehlung den jüdischen Schriften eine größere Verbreitung zu verschaffen, wozu sich bei Varmizwas. zu Geburtstagen rc. Gelegenheit bietet. Im Anschluß an den mit lebhaften. Beifall aufgenonnnenen Bortrag wurde nach längerer Debatte folgende Resolution angenommen: In Anbetracht, daß ein nicht geringer Theil der vorhandenen Jngendschristen das religiöse Gefühl der jüdischen Kinder verletzt, ersucht die „Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" den Verbandsvorstand, der Jngendschriftenfrage seine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, die vorhandenen Jngendschriften nach den angegebenen Gesichtspunkten zu prüfen, das Resultat seiner Thätigkeit der Oeffentlichkeit zugänglich zu machen und insbesondere aus Mittel und Wege zu siuiieu, die Abfassung und Herausgabe solcher Jugendschristen zu fördern, die für die jüdische Jugend geeignet sind. L2 Berlin, 7. April. Am 25. v. M. fand im Saale des Brüdervereins die „Ordentliche Mitgliederversammlung des Vereins „Jüdisches Genesungsheim Berlin" statt. Aus dem von dem Vorsitzenden, Herrn Martin Simon, erstatteten Geschäftsberichte sind besonders die erfreulichen Thalsachen hervorzuheben, daß sich den Humanitären Bestrebungen des Vereins immer mehr Gönner und Freunde zulvenden, so daß die Mitgliederzahl bereits ans über 400 gestiegen, und ferner, daß die bisher erzielten Pflegeerfolge fast durchweg als garte zu bezeichnen seien. Die von den Revisoren beantragte Entlastung pro 1900 wurde von der Versammlung ertheilt. Die durch das Loos ausscheidenden Vorstandsmitglieder: Siegfried Brünn, S. N. Dr. Maretzki, Louis Sachs, Martin Simon und H. Witkowski, sowie Frau Rosa Meher, Frau Sanitälsrath Mühsam. Frau Hernüne Rathenan und Frau Dr. Wiesenthal wurden einstimmig wiedergewählt. Ebenso erfolgte durch Znrns die Wiederwahl der Revisoren: Julius Grünwatd, Oscar Rathenan und Gustav Sachs. Die Wiedereröffnung des Heims wird am 15. April stattsinden. Am 1. Mai 1900 wurde die. von dem Louis Sachs'schen Ehepaare in einer hochherzigen Schenkungsurkunde dem Vorstande überwiesene Anstalt mit 31 Pfleglingen eröffnet, dieselbe während des Sommers allmonatlich mit über 50 Pfleglingen belegt und dann vom 1. Oktober bis Ende des Jahres im beschränkten Betriebe offen gehalten, so daß im Ganzen 281 Frauen und Mädchen im Verlause des Jahres 1900 der Wohlthaten der Aufnahme theilhastig werden konnten. Der Vorstand steht nunmehr vor der schweren Aufgabe, die finanzielle Grundlage des Heims mehr und mehr zu stärken, um dessen Betrieb auch für die Zukunft sicher zu stellen. Möge daher dem jungen Unternehmen auch ferner die bisher bewiesene wohlwollende Theiluahme bewahrt bleiben, und möge die große Ausgabe desselben: „Die Erwerbssähigkeit der Leidenden wieder herznstellen, den Schwachen Kräftigung und den in der Genesung Begriffenen volle Gesundheit zu schaffen" in immer weiteren Kreisen Anerkennung und reiche Unterstützung seitens unser begüterten Glaubensgenossen finden. chsi Grmi-euz, 3. April. Am Freitag Abend fand die feierliche Amtseinführung des Rabbiners Herrn Dr. Loev h, bisherigen grvßh. Landrabbiners in Birkenfeld, statt. Zn dieser Feier waren auch die städtischen Behörden und die Direktoren der städtischen Schulen erschienen. Der neue Seelsorger wurde von den beiden Vorstandsmitgliedern. den Herren Levy und Kiewe, abgeholt und an dem Eingänge des mit Blattpflanzen, Blumen und Guirlanden geschmückten Gotteshauses von den Vorsitzenden des Vorstandes und der Repräsentanz empfangen. Beim Eintritte intonirte der Synagogenchor ein Begrüßungslied. Sodann hielt der Vorsitzende des Syuagogeuvorstandes, Bankier Belgard. eine Ansprache, in der er Herrn Dr. Loevh herzlich begrüßte und anknüpste an die Worte des Propheten Samuel: „Und ich werde mir aufstellen einen bewährten Priester, sowie in meinem Herzen und in meiner Seele ist. wird er thnn!" Sodann hieß auch Herr Stadtrath Victorins als Vorsitzender des Repräsentantenkollegiums den Rabbiner willkommen und ersuchte ihn, in liberaler Weise die moderne Jugend der Religion zu erhalten, bezw. aufs neue znzusnhren. Herr Rabbiner Dr. Loevy bestieg sodann die Kanzel und hielt eine schwungvolle, formvollendete Antrittsrede, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Nach einleitendem Gebete gedachte er seines Heimgegangenen Vorgängers, des Rabbiners Dr. Nosenstein, der 38 Jahre segensreich in der Gemeinde gewirkt und entwickelte dann an der Hand des Prophetentextes Maleachi III 23/24 ein Programm seiner künftigen Thätigkeit im neuen Wirkungskreise, gipfelnd in der Hauptaufgabe „znrückznführen das Herz der Väter zu den Kindern und das der Kinder zu ihren Vätern'. Ein stimmungsvolles Gebet sür die Gemeinde, die Stadt, das deutsche Vaterland nnd sein erlauchtes Herrscherhaus schloß die erhebende Feier. Breslau, 2. April. Das Jubiläum der Industrieschule für israelitische Mädchen gestaltete sich zu einer großen erhebenden Festlichkeit. In aller Stille hat diese Schule während eines Zeitraums voll hundert Jahren überaus segensreich gewirkt, lind so kann sie an ihrer Jubelfeier mit Stolz znrückblicken ans eine ebenso arbeitsreiche als auch erfolgreiche Vergangenheit. Zum ersten Male saild ihre Osteransstellllng in einem Raum statt, in dem die Schülerinnenarbeiten vollkommen zur Geltung kamen. Diese Ausstellung, die sich in dem festlich geschmückten Saale der Gesellschaft der Freunde etablirt hatte, war außerordentlich sehenswerth. Sie bot ein Gescuumtbild aller Arbeiten, die während des Jahrhunderts irr der Schule geleistet worden sind. Fast aus allen Jahrgängen waren Arbeiten ausgestellt, nnd sie boten reichlich Gelegenheit zu fesselnden Studien über den Wechsel der Mode in Breslau sowie über die Entwicklung des Handarbeitsunterrichts. Auch ein Klassenbuch ans dem Anfang des 19. Jahrhunderts war. vorhanden, das über die Fähigkeiten und die Führnng der Schülerinnen Auskunft giebt. Die Gruppirnng war mustergiltig. Merktafeln gaben an. in welchem Jahre die einzelnen Gegenstände fertiggestellt waren. Die Arbeiten der letzten Jahre, sowohl die Handarbeiten als auch die Zeichnungen, bewiesen, daß die Schule den höchsten Ansorderungen entspricht, die heute gestellt werden. Schade, daß diese Ausstellung nur so kurze Zeit währte! Vielleicht ließ es sich ermöglichen, die Ausstellung noch einmal zu veranstalten, damit sie weiteren Kreisen zugänglich würde. Sie war von großem kulturhistorischen Interesse. Am Donnerstag Nachmittag fand im Saal der Gesellschaft der Freunde die eigentliche Festfeier statt. Rabbiner Dr. Guttmann hielt eine herzbewegende Ansprache. Der Redner betonte besonders die Erziehung zur Menschlichkeit, die Hauptaufgabe der Religion sei. Eingeleitet wurde die Feier durch eine Jubelmotette von Lewandowsky. Ein poesievoller Prolog, von einer Lehrerin der Anstalt gedichtet, wurde von einer kleinen Schülerin ausdrucksvoll vorgetragen. Fräulein Marga Alexander sang mit ihrer lieblichen Sopranstimme die Arie ans dem Elias; Frau Bernhardt und Fräulein Mugdan spielten Webers Jubelouvertüre. Ein niedliches Festspiel bildete den Schluß der Jubiläumsfeier. I.. Hannover, 3. April. Das am hiesigen jüdischen Lehrerseminar unter Vorsitz des Herrn Negierungs- und Provinzialschulraths Oeltjen abgehaltene Lehrerexamen bestanden sämmtliche Prüflinge, ebenso das unter Vorsitz des Herrn Direktor Dr. Knoller stattgefimdene Ansnahmeexamen für das Seminar. — Am 24. v. M. fand wie alljährlich in der hiesigen Neligionsschnle, Lützowstraße, eine öffentliche Prüfung statt. Wenn man auch öffentliche Prüfungen für veraltet und als überwunden erklären muß, so haben sie wiederum das Gute für sich, daß bei dieser Gelegenheit Eltern und Lehrer sich näher treten und sich besser verstehen lernen. Den Schulnachrichten entnehmen wir. daß im Lehrkörper keine Veränderungen eingetreten sind, daß 158 Schüler die Schule besuchten, 120 Schüler in anderen jüdischen Schulen Religionsunterricht erhalten, 170 Kinder Privatunterricht gelließen und ca. 100 noch ohne jeglichen Religionsunterricht geblieben sind. Ber der Prüfung zeigten die Kinder durchweg sehr gutes Wissen. Dem Jahresbericht ist eine schätzenswerthe Arbeit des Direktors Dr. Knoller „Die Aufgaben der Neligionsschnle in der Gegenwart" vorgedrnckt. — Der Verein zur Unterstützung israelitischer Armen und zur Beseitigung der Hallsbettelei in der Synagogengemeillde zu Hannover vollendete am 31. Mürz 1901 sein 20. Geschäftsjahr. Dem Rechenschaftsberichte entnehmen wir, daß im letzten Jahre 2276 Mark an 29. größtentheils alte, schwächliche und er werbslmfähige Personen, meistens Frauen, gezahlt wurden. In dieser Position ist auch ein jährlicher Beitrag von 200 Mark an das hiesige Lehrersemillar. welches seit Jahren den Unterricht an arme Mädchen ertheilen läßt, enthalten. An durchreisende Arme wurden 6787,10 Mark verausgabt. Dem Vorstande dieses Vereins gehören die Herren S. Neuberg, Konnnerzienrath G. Herzseld und A. Neuberg an.