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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-12 · Heft 15 (12.4.1901) · p. Seite 180

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
Seite 180 (sequence 14)
Language
German
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180 mußte ich an ein Gedicht den Ada Christen, betitelt „Der alte Judenfriedhos in Prag" denken. Du und deine Leser werden es ja wohl kennen und wissen, das; es die uralte Sitte der Juden, Steine aus die Gräber ihrer Hingeschiedenen, wenn sie dieselben besuchen, zu legen, besingt und sagt: Vo» solch' heidnischem Gebrauch Sind wir Christen längst gereinigt. Wir bekränzen stets die Gräber derer, Die im Leben wir gesteinigt. O mein liebes theures Blatt, wie viele ähnliche Episoden könnte ich dir noch mittheilen, aber ich beschränke mich nur noch ans eine einzige. — Wieder war es Winter und wieder bitterkalt, und abermals war es ein alleinwohnender alter Mann, den genannte Jüdin zu Pflegen freiwillig übernommen hatte. Da die Krankenschwester mit Pflegen schwer belastet war, brachte ihm erstere gewöhnlich den Morgenkaffee und zündete dabei zugleich das eiserne Oefchen an; wie erstaunt war sie aber, als sie eines Samstags früh das armselige Mansardenstübchen schon hübsch erwärmt vorfand. Ja, ja, Frau Nachbarin, sagte der Alte, als er das verwunderte Aussehen der, Frau bemerkte, da rathen Sie nun einmal, wer mir heute schon so einheizte. Sie können nicht? Ich glaub's schon — denn es war der Herr Stadtpfarrer; da er heute verreisen muß, ist er so früh gekommen, und da ich noch so kalt hatte und ihm einfiel, daß Sie am Sonnabend Ihre rituellen Satzungen brechen, wenn Sie es thun, (freilich sagte ich ihm, daß es nicht das erste Mal wäre), so schürte er rasch das Feuer au, — ach, wenn Sie Frau G. und der Herr Stadtpsarrer nicht wären, was wollte ich beginnen, schloß er seine Rede. Von diesem katholischen Geistlicheil nun, liebe „Allgemeine", möchte ich dir noch einiges berichten und dann schließen. Er war wirklich und wahrhaftig ein Gottesmann in des Wortes erhabenster Bedeutung, sein Leben hat er für seine Mitmenschen gelebt, er hat lieber selbst entbehrt, um mit reichen, offenen Händen geben zu können, er hat seines Amtes gewaltet in selbstloser Liebe, vielleicht im Sinne des Stisters seiner Religion — nach meinem Empfinden aber ein Christ mit einem jüdischen Herzen — einem Herzen voll Nachmonns, wie dieser Stifter selbst eines hatte. Er hat nicht nur die ihm als Seelsorger anvertrauten Katholiken geliebt, sondern alle Menschen ohne Glaubens- und Rassenunterschied. So gab er ohne jedes Bedenken einer älteren, alleinstehenden Wittwe jüdischen Glaubens seine fünfzehnjährige Nichte als Stütze in die nahe Residenz, und Beide, die streng orthodoxe Jüdin und die fromme katholische Pfarrersnichte, führen nun schon achtzehn Jahre ein so idyllisches Zusammenleben, daß sie von Uneingeweihten vielfältig für Mutter und Tochter gehalten werden. Der Pfarrer selbst verfehlte nie, so oft er in die Residenz kam, die beiden Frauen zu besuchen, und die alte Judenfran war ein alljährlicher mehrtägiger Gast im katholischen Pfarehause, woselbst der geistliche Herr stets für rituelle Kost sorgte, welche sie jedoch immer an der Tafel selbst, und zwar sehr häufig in Gesellschaft*emiger Geistlichen der Umgegend, welche ebenfalls als Besuch zu Tische geladen waren, verspeisen mußte. Leider ist dieser^treffliche Mann viel zu früh (er starb als hoher Fünfziger) seiner Gemeinde und allen denen, die ihn kannten, entrissen worden, wird aber bis auf den heutigen Tag tief und innig von ihnen, auch von den dort lebenden Juden, betrauert. Die alte Judensrau aber besucht alljährlich mit besagter Nichte das Grab des Geschiedenen und läßt es sich nicht nehmen, einen Kranz auf dasselbe zu legen. Sichst du, liebe „Allgemeine", so habe ich unter den vielen Christen meiner Bekanntschaft einen kennen gelernt, der von wahrhafter Nächstenliebe erfüllt war, aber sein Andenken sei gesegnet. L. 6. Sprerhfaat. Geehrter Herr Redakteur! ^ln ihrer Nummer vom 6. März hat die „Staatsbürger-Zeitung" ein voll Leopold Landau iu Pforzheim verfaßtes, den „Deutscheu Rabbinern" gewidmetes Gedicht veröffentlicht uud darall die Bemerkung geknüpft, daß eine solche Anklage, öffentlich von jüdischer Seite erhoben, nicht unbeachtet bleiben dürfe. Dies hat den „Rabbiner-Verband ia Deutschland" veranlaßt, der „Staatsbürger-Zeitung" nachstehende Berichtigung zugehen zu lassen: Es ist unwahr, daß den deutschen Nabbillern eine starke Sekte bekannt ist, die noch im rohesten Aberglauben verharrt. Wahr ist, daß die deutschen Rabbiner überzeugt sind, daß eine solche jüdische Sekte überhaupt nicht existirt. Es ist unwahr, daß ganz Israel voll dem Bestehen einer Blutsekte weiß, daß die Rabbiner daher auch um die Blutmorde wissen. Wahr ist, daß weder ganz Israel noch die deutschen Rabbiner das Vorkommen von jüdischen Blutmorden für möglich halten. Es ist unwahr, daß die Rabbiner die Thäter der Strafe zu entziehen und den Verdacht auf unschuldige Christel: zu lenken suchen. Wahr ist, daß die Rabbiner die Ermittelung der Urheber jeder Mordthat dringend wünschen, und daß der Verdacht, der gegen unschuldige Christen in Könitz erhoben wurde, nicht durch Rabbiner, sondern durch christliche Zeitungsberichterstatter hervorgernsen worden ist, die selbst eingestandenermaßen zeitweise im Solde der Judengegner standen. Es ist unwahr, daß die Anklage, welche den deutschen Rabbinern ins Stammbuch geschrieben wurde, von jüdischer Seite öffentlich erhoben wurde. Wahr ist. daß jene gereimte Anklage von einem unzurechnungsfähigen Pforzheimer Goldwaarenhäudler herrührt, der bereits dreimal in der badischen Heilanstalt Jllenan untergebracht gewesen ist. Da die „Staatsbürger-Zeitung" diese Berichtigung nicht ausgenommen hat, und wir es mit unserer Würde für unvereinbar halten die Aufnahme durch Anrufung des Staatsanwalts zu erzwingen begnügen wir uns damit, diese Sache der Oeffentlichkeit zu übergeben und darauf hinzuweisen, daß die „Staatsbürger-Zeitung" erst eine Aenßerung der Rabbiner auf die voll einem wiederholt in einer Heilanstalt ulltergebrachten jüdischen Helfer der Antisemiten erhobene Allklage Herausforderte, uud als dieselbe erfolgte, sie ihrer: Lesern vorenthalten Heck. Rabbiner-Verband in Deutschland: Dr. S. Mahbaum, Vorsitzender. 4. Geehrte Redaktion! l dem letzten Artikel in Ihrem geschätzten Blatte über die c^Zs Seelsorge der jüdischen Soldaten gestatte ich mir folgende Bemerkung. Bei Einstellung der Rekruten wird jedes Jahr der Vorstand von der hiesigen Militärbehörde ersucht, vor der Vereidigung durch den Rabbiner in der Shnagvge die Rekruten ermahnen zu lassen, was auch in feierlicher Weise geschieht. Die Rekruten werden durch Offiziere und Unteroffiziere nach der Synagoge geführt. Ferner zeigt der Vorstand dem Gouvernement Beginn nnd Ende unserer Festtage an. Die Soldaten werden in der Regel vom Dienst dispensirt und besuchen zürn größten Theil den Gottesdienst in der Synagoge. Thorn, 26. März. Hochachtend M. L. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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