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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-12 · Heft 15 (12.4.1901) · p. Seite 179

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
Seite 179 (sequence 13)
Language
German
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179 unzertrennliche Freundin ich an dir besitze, und hier, das habe ich bereits wegbekvmmen — hier kann ich dir manches Interessante zustecken — hier drängen sich die Ereignisse nur so, und von allem sollst du in Zukunft Profitiren. Heute allerdings — heute will ich über anderes mit dir plaudern — aber was ich hier schon alles in diesen wenigen Monaten gehört und gesehen habe, das muß ich dir nun in aller Geschwindigkeit doch mittheilen. — Also gesehen habe ich — den großen neuesten Glaspalast, den sie Kaufhaus nennen, und einige dunkle, schmutzige Gäßchen, wie solche in meinem seitherigen Wohnort, dem stillen, reinlichen Landstüdtchen, nicht vorhanden sind, den Rosenmontag und Orpheus in der Unterwelt, ein Kindergartenfest und ein Altersasyl, eine Chanuka- und eine Weihnachtsbescheerung. Gehört habe ich - den Pastor Keller aus Düsseldorf und einen trefflichen Vortrag von Professor Philippsott, eine freireligiöse Predigt und in einer Massenversammlung den jungen „Buren Dewet", eine bedeutende Frauenrechtlerin und einen begeisterten Zionisten — und ich will dir's nur gestehen, liebe „Allgemeine", letzterer hat auch mich für seine Idee gewonnen. Ja, schimpfe nur, ich weiß, du bist nicht für Zion, aber sage doch nur, was in aller Welt soll denn noch aus den Millionen vogelfreier Brüder und Schwestern werde», die man in der ganzen weiten bewohnten Welt nicht haben und dulden will? Du meinst, das wäre auch nichts, und im Handumdrehen könnte man auch keine Heimath schaffen und dann — der Sultan. Ja, das ist schon richtig aber glaubst du denn, der einstige Auszug aus Mizrajim hätte sich an einem Tage, einer Woche, die Eroberung und Ansässigmachung Palästinas in einem Jahre vollzogen? O, auch du weißt recht gut, daß jedenfalls Jahrzehnte und noch länger vorübergingen, bis alle Juden, ober wenigstens diejenigen, für die auch in der damaligen Heimath kein Bleiben mehr war, sich zu einem Volke geeint und einen Staat gegründet hatten. Und der Sultan? Nun wer weiß, ob er die Zionspropaganda mit so ungünstigem Auge ansieht, wie du es immer behauptest, mein Zionist versicherte das Gegentheil und noch vieles Weitere für die Sache sprechende, was ich auf diesem kurzen Raum hier nicht alles mittheilen kann. Also kurz und gut, und darum keine Feindschaft nicht — ich bin Zionistin geworden — aber deshalb doch eine gute deutsche Staatsbürgerin, eine patriotisch gesinnte Frau geblieben. — Ja, und nnn will ich weiter erzählen von meiner Großstadt. Doch, da fällt mir erst jetzt ein, du bist ja auch in einer solchen geboren und „groß" geworden, du weißt es ja schon länger und besser, was man in derselben nicht alles hat und bekommt, — ein wahrer Wnnderborn an Gutem und Schönem ist sie. Nur eines besitzt sie nicht und wird sie nie besitzen, etwas, das ich in meinem stillen Heimathstädtchen haben konnte, so oft und so viel ich davon begehrte, und das mir deshalb so zum Bedürfniß wurde, daß ich es jetzt schmerzlich vermisse — und dieses eine ist „Ruhe und Sammlung". Glaubst du, liebe „Allgemeine", ich hätte dich so lange vernachlässigt, wenn die letzten beiden mir nicht so sehr gefehlt hätten? Denn vbschon du mich hierher begleitetest, so weißt du doch, wie wenig ich mich mit dir beschästigen konnte, und von dem vieleil Wissenswerthen, das^dn birgst, will ich nun, da ich auch diesmal Eile habe (denn hier eilt es immer — es ist immer 11 und 12 Uhr Morgens und Abends), nur einiges Wenige mit dir besprechen. Also der deutsche Jndentag. Glaubst du wirklich, wir werden es zu eitler solchen thatkräftigen Einheit, zu einem solch mnthigen geschlossenen Eintreten für unsere arg mißhandelte Ehre, für unfern besudelten Glauben bringen? O, wie jnbelte mein Herz schon bei dem ersten Vorschläge in deinen Spalten. Wie hätte ich dem Dr. Philippson dankbar die Hände küssen mögen für diesen erlösenden Gedanken — erlösend und befreiend wirkt schon die Hoffnung auf das Zustandekommen desselben. Wird man bei seiner Einberufung auch an die deutschen Jüdinnen denken? Ich glaube kaum — und doch würde der angeborene Takt und die Feinfühligkeit der Frau sich in manchen Momenten vielleicht gut mit den oft allzu starken Impulsen des Mannes decken. Doch sei dem wie ihm wolle, die Hauptsache ist, daß er ins Leben gerufen wird; so kann und darf es ja mit uns nicht weiter gehen, es krümmt sich ja der Wurm, wenn er getreten wird, und wenn die Wogen des Hohns, des Hasses über uns zusammenschlageu, wenn die Eitelkeit der anderen Rassen, welche eben auch die Massen sind, in ihrer hochmüthigen Ueberhebung fortfahren, uns zurückzudrängen und zu beschimpfen — ivie schützen wir da unsere Kinder vor dem, was noch kommen wird? Etwa in der Weise, wie sie Benediktus Lavita vorschlägt? Ach, da komme ich nun auf den Kernpunkt deiner letztgeführten Kämpfe, liebe „Allgemeine", „Benediktus Levita", der neue „Messias", der neue „Erlöser" der Inden! Unsere Kinder sind ja durch ihn gerettet — ihnen soll zu Theil werden, was anznnehmen für ihn unmöglich ist, sie sollen Christen werden und als solche gleichberechtigt mit den christlichen Nationen „die Güter dieser Erde" mit ihnen genießen — aber nicht nur dieser irdischen Vortheile, auch der besseren ethischen, der christlichen Sittengesetze und endlich der christlichen Barmherzigkeit sollen sie theilhastig werde» — die armen Kinder, was würden sie dabei gewinnen und was verlieren? — Diese Frage richtig zu erörtern, dazu reicht der beschränkte Raum eines Aufsatzes nicht aus. Aber voll der christlichen Barmherzigkeit könnte ich ein Liedchen singen, ich wohnte über dreißig Jahre mitten unter Christen, lauter braven und, wie überall wo es Menschen giebt, mit etlichen Ausnahmen, auch ehrenhaften Leuten; wir stellten uns als vorzügliche Nachbarn, gaben und empfingen Gefälligkeiten, kurz wir lebten ein wahres und wirkliches Freundesleben, nnd ich denke stets in froher Erinnerung daran zurück. Aber liebe „Allgemeine" — ihre werkthütige Liebe unter einander — davon könnte ich dir erzählen. — Ich könnte dir erzählen, wie einmal einen langen, bitterkalten Winter hindurch eine arme alte, schwerkranke Frau bis zu ihrem Tode von keinem Christenmenschen besucht wurde außer dem Pfarrer und der Krankenschwester, ja daß eine mir gut bekannte Jüdin sich dem Hohn nnd Spott der ebenfalls christlichen Hausleute aussetzte, weil sie der Unglücklichen jeden Tag etwas brachte, — ich könnte dir aber auch weiter erzählen, wie ein Jahr später dieselbe Hausfrau nach mehrwöchentlichem Krankenlager allein in den Armen dieser Jüdin gestorben wäre, wenn letztere nicht noch schnell Hütte die Schwester rufen lassen. Ferner könnte ich dir berichten, von einem alten armen Manne, der in einem Sommer schwer zu leiden hatte nnd welcher, vbschon er an demselben Platze noch Familie hatte, beinahe einzig von der Schwester und genannter Judenfran gepflegt werden mußte, so daß letztere ihn eines Morgens, seinen zehnjährigen in später zweiter Ehe geborenen Knaben ruhig an seiner Seite schlummernd, todt im Bette fand. Dann allerdings steckte sich die Familie in die tiefsten Trauergewänder, wand Kränze und sorgte auch für die Beerdigung — aber wie oft

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