Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- Seite 178 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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178 Von da ab war der Russe vorsichtiger geworden und hütete sich wohl, irgend Einem, in dem er einen treuen Freund des Königs witterte, mit seinen Hetzreden und Schmähungen zu kommen. Trotzdem aber unterließ er es nicht, bei Anderen, minder Gutgesinnten, seine lügnerischen Worte anzubringen, und dies gelang ihm denn auch oft genug. * * * Mittlerweile hatte sich in der Stadt die Kunde von dem glänzenden Siege verbreitet, den Boleslav über die Russell erfochten, und daß der König jetzt mit seinem Heere auf der Heimkehr begriffen sei. Kaum war die Kunde davon in das Haus des Juden Salomon gekommen, als auch wieder die Rosen auf Rechas Wangen zurückkehrten, die bleich geworden waren vor Angst und Sehnen nach dem geliebten Köllig. Sie bewohnte jetzt das Hänschen allein mit der alten Dienerin, da ihr Vater sich hatte in Geschäften nach Krakau begeben müssen, voll wo er aber baldigst wieder zurückzukehren hoffte, denn der Jude fürchtete die Rückkehr des Königs, und wäre dieser nicht fern von Kiew gewesen, so hätte er auch seine Tochter nicht allein zurückgelassen; er hatte gar wohl gemerkt, daß des Königs Besuch nicht seinen Kostbarkeiten und Waffen allein gelte, und daß des jungen Fürsten Augen stets bewundernd an Recha Hillgen und ihr folgten ans Schritt und Tritt. Nun aber, da der König mit seinem Heere auswärts weilte, könnte er sich getrost von seinem Hanse entfernen und Recha unter der Obhut der treuen Magd znrücklassen. Boleslav war in die Stadt eingezogen, und lauter Jubel begrüßte ihn und sein siegreiches Heer. Recha hatte sich nicht hinausgewagt beim Einzüge, so heiß es sie auch verlangte, den Geliebten wieder zu sehen, denn der Vater hatte ihr auf das Strengste untersagt, während seiner Abwesellheit das Haus zu verlassen, und so mußte sie das glühende Verlangen Niederkämpfen, ihren geliebten Köllig zu sehen, umjnbelt und rmrjauchzt vom ganzen Volke. Träumerisch und in Gedanken versunken saß sie da, als sich die Thüre öffnete und — Boleslav eintrat. Mit einem Aufschrei höchsten Entzückens flogen sie sich in die Arme, sahen einander ins glückliche Antlitz und hielten sich umfangen irr seliger Lust. Die Zeit, die bis zur Ankunft des alten Salomon verstrich, war für die beiden Liebenden eine glückliche gewesen, denn sie konnten sich ungestört sehen und stundenlang bei einander bleiben und sich ihrer Liebe weihen. Die alte Magd hätte es nicht gewagt, Einsprache zu erheben gegen die häufigen Besuche des Königs. Wohl hatte sie anfangs schüchtern Recha daran zu erinnern versucht, das; der Vater vor seiner Abreise es aufs Strengste untersagt hatte, Jemanden einzulassen und nun schon gar einen jungen Ritter. Wenn aber dieser junge Ritter der König selber war, da konnte auch kein noch so strenges Verbot mehr nützen, so dachte die Magd in ihrem Innern, und da hätte selbst der strenge Alte nichts dagegen einzuwenden gehabt. Aber dem wäre es ja auch gar nicht in den Sinn gekommen, das; ein König so oft und so zwanglos sein bescheidenes Haus, das Halls eines Juden, besuchen werde — sonst hätte ihm dies wohl selbst sehr geschmeichelt; aber sie wollte es ihm schon berichten, wenn er wiederkäme, und da würde er dann recht stolz sein über eine solche seinem Hause wiederfahrene Ehre. Sie selbst aber konnte sich gar nicht genug verwundern über dieses Königs Freundlichkeit. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch »ie einen König gesehen, es sei denn in der Ferne. Und nun kam der mächtige König in ihr Haus, und sie war stolz ans ihre Recha und ihre Geistesgaben die es ihr möglich machten, sich mit einein Könige zu unterhalteil, und daß diese nebst ihrer außergewöhnlichen Schönheit auch so trefflich die Gabe der Rede inne hatte; denn gar oft erscholl aus dem Gemache, in dem Recha den König empfing, heiteres Lachen und fröhliches Geplauder. Zuweilen rührte das Mädchen auch die Laute und begleitete ihr Spiel mit ihrer melodischen Stimme, und die alte Magd hielt inne in ihren häuslichen Arbeiten und horchte ans die zauberhaften Klänge gleich dem junge Könige, den die Spielende mit ihren leisen, schivermüthigen Tönen umwob wie mit einem mächtigen Zauber. Jetzt hatte Recha die Laute aus der Hand gelegt, die märchenhafte Musik erfüllte noch den Raum, und der Reiz, den sie verbreitet, inalte sich auf den Zügen der beiden Liebenden. Der König hatte zu Füßen der Spielenden geruht, jetzt, als sie geendet, ergriff er ihre herabhängende Hand und zog sie an die Lippen. „Du bist eine kleine Zauberin, meine kleine Recha," sagte er, „und Du entführst mich mit Deinem Spiele iir ein märchenhaftes Land voll Glück und Wonne." „Und Ihr seid ein loser Schmeichler," erwiderte in gleichem Tone das junge Mädchen, „was hätte denn mein einfach kunstloses Spiel mit einem Märchenlande zu schaffen?" „In dem Du selbst die Märchenprinzessin bist, die den armen Sterblichen zu sich emporhebt in ihr Feenreich und ihn zum Glücklichsten macht unter den Sterblichen." „Und wenn dieser Sterbliche ein König ist und seine Prinzessin nur ein niederes Mädchen," scherzte Recha, „was dann, mein Herr König?" „Dann verließe wohl der König sein Königreich und zöge in das Reich der Fee, die ihn bezaubert, und die seinem Herzen mehr gilt denn alle Königinnen und Prinzessinnen . . . ." „Wie selig macht mich Deine Liebe, mein Angebeteter", ries Recha aus, indem sie ihre Arme fest um den ,Hals, des vor ihr Ruhenden schlang, der trunkenen Blickes zu ihr ausschaute und ihre zarte Gestalt mit seinen Händen umfaßte. (Forts, folgt., Plaudereien aus Baden. ^R^^enn Jemand eine Reise thut, so kann er was erzählen, sagt ein altes Sprichwort, — ob aber auch 0 ein Wahrwort? — Ich habe nun eine solche, und zwar eine halbhundertjährige durch das Leben hinter mir und weiß doch wenig genug zu berichten; erlebt habe ich ja manches und miterlebt vieles, aber da überall, wo etwas vorgeht, Berichterstatter und Korrespondenten der Tagesvlätter alles auf- und wegschnappen, was bleibt da für so seinen armen Laien übrig? Doch nimm sie nicht übel, liebe „Allgemeine", nämlich meine Unwissenheit; für dich, mein „Lieblingsblatt", habe ich mir besondere Mühe.'gegeben, denn du mußt wissen, ich bin nun auf Unreine alten Tage noch in die „Großstadt" gezogen, aber erschrick nicht, du bist mitgezogen, ich konnte und kann nicht von dir lassen, du weißt, welch langjährige,