Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-12 · Heft 15 (12.4.1901) · p. Seite 177

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
Seite 177 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228435--57453-3293830
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

177 Er sprach ausführlich von dem großen Judendrama Vrchlizkys. er aualysirte die herben Charaktere der alttestamentarischen Helden; es war, als wellte er offen darlegen: In mir ist kein Funken vvn Vorurtheil gegen Euch! Als die Mittagsglocke vom Kirchthurm tönte, da schieden sie als gute Freunde. — In die Dürre ihres Herzens war'erfrischender Thau gefallen. Nun, wo der Nachbarssohn so herzlich, so vertraulich mit ihr gesprochen hatte, nun empfand sie erst recht, wie tief die Vereinsamung sie getroffen hatte. Sie gedachte seiner Worte und sah sein Angesicht vor sich, seine schlanke und doch kraftvolle Gestalt. Wie er ihr voll Bewunderung und doch mit gehöriger Achtung ins Gesicht geschaut hatte. Wenn Boleslawa sie so gesehen hätte oder gar Ludmilla, die ihn noch vvn seiner Gyinnasiastenzeit her anschwärinte! — — — Warum konnte sie nichts anderes denken als an ihn, gerade an ihn? Warum freute sie sich, das; er in der Abendkühle an de» Zaun gelehnt ihrer harrte? Sie hatte ihn doch stets gemieden, er war stets zu schlechten Streichen geneigt gewesen. Wie war das alles vergessen, in eine tiefe, tiefe Schlucht gefallen! Da drin lag noch anderes. Alles, was sie bisher gefühlt, gedacht, es war — verschwunden. Sie lebte ein neues Leben, ein verändertes, und immer wieder schöneres, je öfter sie ihn sah. Und täglich ward er mehr für sie, er ersetzte die Freundinnen, das ganze Städtchen, die ganze Welt. Sie sahen sich Tag um Tag. Es zog sie fast gewaltsam in den Garten, sie wollte, sie muhte ihn sehen. Sie war überwältigt von jenen zagen Gefühlen, die langsam aus der kindlichen Brust lösen und über Tag aus dem ruhigen, pflanzengleichen Mädchen ein lebenbegehrendes Menschenkind schaffen. Er war so feurig und zurückhaltend, so liebevoll und klug. Ihr ganzes Wesen jauchzte ihm entgegen, ihr letzter Gedanke erschloß sich ihm. Sie lebte in einer süßen Traumwelt. Jeder Pulsschlag war freudige Erwartung, jeder Athemzng wonniges Leben. Wie doch ganz anders die Früchte glänzten und leuchteten und die Rosen dufteten in der zweiten Blüthe. Und seine Küsse brannten ans ihren Händen, und das zog sich so leise und doch berauschend gegen das Pochende Herz. Der leuchtende Mond verklärte jede Pflanze, er wob seinen Zauber um Baum und Strauch. Und er — er sah aus wie eine Gestalt aus der Märchenwelt so im bleichen Mondlicht! Sie flüsterten glühende Worte und das Licht leuchtete ihnen; der Zaun trennte sie, auf daß die Leuchte nicht zum verheerenden Brande werde. <Schluß folgt.) Me Königs kraut. Historische Erzählung von Carola Buchheim. XV. ''ach Kiew waren dis Nachrichten von Bvleslavs Siegen noch nicht gedrungen, und die Großsürsten hofften noch immer, daß ihr Freund Wseslav den verhaßten Polenköuig besiegen und seinem Uebermnthe dadurch ein Ende bereiten werde, und daraufhin machten sie insgeheim Pläne, wie sie sich wieder die Macht in Kiew verschaffen, des lästigen Oberhcrrn wieder ledig sein würden, und dann ihre frühere Macht und Stärke zu gewinnen. In solchen Hoffnungen wiegten sie sich, ehe sie Kunde von der Niederlage ihrer Landsleute erhielten; dabei ließen sie nichts unversucht, auch auf die in Kiew zurückgebliebenen Polen in bösem Sinne einznwirken. Mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln, durch Lüge und böswillige Verleumdung sowie durch die Wahrheit entstellende Berichte suchten sie die Polen gegen ihren abwesenden Fürsten gehässig zu stimmen; nichts ließen sie unversucht, und nicht die geringste That in BoleslavS Leben entging dem giftigen Stachel ihrer Verleumdung. Alles, der jugendliche Sinn des Königs ebenso wie sein lebensfrohes, zu heiterem Genüsse sich hinneigendes Naturell, alles diente ihre», Zwecke, und sie wußten mit scheinheiligen Mienen und mit heuchlerischen Redensarten sich derart in das Vertrauen der Polen einzudrängen. Freilich erfuhren sie auch oft derbe Zurückweisung, wie dies bei dem Kanzler, dem Grafen Spitichnev, der Fall gewesen. Auch bei diesem hatten die beiden Russen ihr Verleumdungswerk beginnen »vollen, hatten aber schon bei dem ersten Versuche eine solch derbe Zurückweisung erfahren, daß sie es auch bei diesem ersten Male bewenden ließen. So war es auch bei Graf Jaromir von Roda geweseu, der, als ihm der Großfürst Jseslav einmal bei einem Spaziergange um die Stadt zu berichten begann, wie der König im tollen Genüsse sein Lben verbringe nnd seine königlichen Pflichten vernachlässige — seine klaren, offenen Augen in des Russen Antlitz bohrend ihn — kurz und streng absertigte: „Ihr aber, Ihr sitzt fein zu Hanse nnd inästet Eurer» Leib nnd laßt Erichs gut sein in der Stadt, in die Euch mein wackerer Herr wieder eingesetzt hat, mit Eurem Sohne, dem „guten" Mstislav, während Boleslav hinauszieht in den Kampf nnd sein Leben wagt für sein Volk! Wo wärt Ihr denn, Herr Großfürst, wenn sich mein edler König nicht Eurer erbarmt nnd Euch in Euer Recht eingesetzt hätte!. .." „Ja," unterbrach ihn der Großfürst, „ja, und sich die Oberherrschaft angeeignet in meiner Stadt, wo ja kein Wille mehr gilt als der seine. . ." »Ihr stid aber doch wieder Herr von Kiew," siel ihm der Graf ins Wort, „und Undank ist's, schnöder Undank, wenn Ihr des Königs anders denn in Liebe nnd Verehrung gedenkt, der Euch geholfen hat in Errrer und Eures Sohnes Bedrängnis;! Wo irrtet Ihr denn jetzo noch umher, Herr Jseslav, rvv betteltet Ihr denn noch um Hilfe? An wie vielen Höfen pochtet Ihr denn jetzt noch vergebens, »venu Euch mein Herr nnd König nicht wieder eingesetzt hätte in Eure Rechte? Und hat er etwa für seine Hilfeleistung einen Lohn von Erich begehrt? Hat er nicht all' das. was er gethan, in edler Uneigennützigkeit gethan, sich nicht stets als ritterlicher Fürst erwiesen? Schweigt, schweigt," wehrte er dem Großfürsten und fuhr fort in glühender Begeisterung, „denn was Ihr sagen wollt, trifft nicht zu, es sei denn, Ihr wollt sagen, daß unser Boleslav ein edler König sei, ein wahrer Führer nnd Berather seines Volkes, ein treuer Freund der Edlen seines Reiches. Und was ihr vorhin von des Königs Lebenswandel sprächet, nun, er ist eben jung und srent sich seines Lebens - nnd blickt zurück, Herr Jseslav, wart Ihr denn anders? Wer von uns ist's denn nnd verschmäht der Liebe Freuden, ehe der Schnee des Alters sein Haupt bedeckt? Und einer unwürdigen Handlung wird sich mein König niemals zu schämen haben, denn stets gilt ihm die Ehre und der königliche Sinn gar hoch! Darum rath ich Euch noch einmal, Herr Großfürst, sprecht nicht schlecht von meinem Herrn nnd König, denn er ist gut nnd edel und verdient's nicht, daß man ihn schmähe."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.