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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-12 · Heft 15 (12.4.1901) · p. Seite 176

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
Seite 176 (sequence 10)
Language
German
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176 fühlte doch, das; die Mutter u»r für sie lebte, der Vater für sie Beide — nur schade, daß man sich so wenig darüber aussprach! Es war eine überguellende Fülle von Liebe, von Sehnsucht nach Zärtlichkeit in dem Kinde, genährt, gesteigert durch wahllose Lektüre, Das alles fand nur bei Ankajederzeit volle Würdigung, volles Verständnis;. Vater und Mutter rechneten viel zusammen, schrieben Ziffer» und Zahlen ein, oder sie besprachen mit ihr, welche Stoffe man bestellen solle. Anka erzählte alte Sagen und schauerlich schöne Märchen vom „Wassermann", von der Mittagshexe, von der weißen Dame im Schloß Franenberg, von Libnssa und anderen Helden oder Heldinnen des Volkes. Das rauschte auf und drängte sich in ihr und erfüllte sie mit seltsamem Leben, Bücher und Zeitschristen flogen ins Hans, was gelesen war, wurde getauscht die Altersgenvssinnen boten wieder Romane und Erzählungen, es gab zum Schluß kaum ein unterhaltendes Buch im Orte, dessen Inhalt sie nicht in sich ausgenommen hätte. Das schuf eine Fülle des Gesprächsstoffes sür sie und die anderen Mädchen des Ortes, mit denen sie in herzlichem Einvernehmen lebte. Das war um die Zeit, wo die Tschechen es gerne sahen, wenn die Inden sich ihnen zu nähern versuchten. Man freute sich der kleinen Breitmann, man nahm sie gern in jede Gesellschaft auf, so daß sie kaum daran dachte, anderer Abstammung zu sein als die klebrigen. Sie fühlte sich als Ortskind, als Tochter des tschechischen Volkes; sie liebte ihre Umgebung und lebte mit ihr, ohne es anders zu wissen. Die Eltern waren dessen froh, sie sahen ihr Geschäft cmporblnheu, ihr Kind glücklich, von aller Welt geliebt — und schließlich, was wollten sie sonst? Sie lebten doch nur sür die Zukunft ihrer Tochter. Es kam aber eine Zeit, da sich Manches wandelte. Die Ermordung zweier Ehristenmädchen hatte den alten Irrwahn vom Blutritnal der Inden aus dem Moder der Jahrtausende ans Tageslicht geschleppt. Die alte Scheidelinie zwischen Inden und Christen wurde sichtbar. Das war ganz plötzlich gekommen, mit einem Ruck; fast könnte man sagen über Nacht. Eines Tages stand Marhutka allein da im Orte. Die Freundinnen erwiderten ihre Besuche nicht; sie hatten keine Zeit, wenn sie zn ihnen kam, auch Bücher gab es keine für sie, man wich ihr aus. Wieder war es Anka, der sie ihren ganzen Schmerz anvertrauen konnte; die Mutter sagte immer wieder: „Wart' nur, mein Kind, wir werden in eine große Gemeinde ziehen oder nach Prag, dort wirst Du genug Freundinnen finden." Anka verstand sie besser. Ihr klagte sie das tiefste Weh ihres jungen Herzens. „Ich habe sie doch Alle so gern, sogar die Julka, die so arrogant ist, und die Ludmilla hat immer gesagt, ich bin ihr lieber als alle Freundinnen, und die Boleslawa ist mir nachgelaufen. Wir sind zusammen in die Schule gegangen, ruid Alle, Alle waren wir so gut zusammen! Wie dürfen sie so garstig sein? Ich habe doch keinem Christeumenschen was Uebles gethan." Sie konnte cs nicht verstehen, daß man sie jetzt Plötzlich hasse, sie, die sich so gar nicht geändert hatte. Es kam das bittere Gefühl des Geächtetseins über sie — geächtet ohne Verschulden — verurlheilt, ohne gehört zu werden. Da ging sie zu ihrem alten Lehrer, dessen Liebling sie gewesen war. Dem klagte sie ihr Leid. Er horte sie ruhig an. Er suchte nach Worten, er, der so klar dachte und so sicher sprach. „Was willst D», mein Kind? Kann sein — kann sein auch nicht. Jedenfalls ist der Mörder rechtsgültig verurlheilt und alle Leute glauben daran. Es ist vielleicht ein altes Vorurtheil," — er zuckte mit den Achseln, schob die Falten auf der Stirne hin und her, schwieg eine Weile. „Es ist so eine Scheu, denn — die Leute denken sich allerlei, kurz, in so einer unruhigen Zeit will man sich auf nichts einlassen. Besser so; Dn hörst sonst was, wirst leicht beleidigt." „Liebster Herr Lehrer, glauben Sie daran? Ich bitte, sagen Sie, ob Sie, mein Lehrer, Sie, von dem ich so viel Gutes und Schönes gelernt habe, ob Sie daran glauben!" Sie sah ihm ängstlich ins Gesicht. Es dauerte lange, ehe er antwortete. „Je nun, Du, Deine Eltern, Ihr seid brave Leute, das weiß ich, ich glaube auch nicht, daß der Verurtheilte es eigentlich gethan hat, er hat es vielleicht nur geduldet. Aber weißt Du, hinten in der Polackei — was kannst Du sagen? — solche fanatische Sekten kann es doch geben, und sie haben vielleicht Eeheimlehren in ihren hebräischchaldäischen Büchern, aus denen kein Mensch klug wird." Sie ging Heini, wirr, wehen Herzens, voll Zweifel an ihrem Glauben, au die Menschen. Jetzt hatte sie alle Hoffnung verloren. Er, ihr alter Lehrer, glaubte daran! Was wollte sie dann von den dummen Mädeln?. .. Ihre Unbefangenheit, das sichere Glück der ersten Jugend war in ihr erstorben. Die Mutter sah voll Kummer die Aenderung im Wesen ihres Lieblings; Marhnlka verließ kaum das Haus, sie vergrub sich immer tiefer in ihre Bücher. So schmachtete sie einsam und hungernden Herzens im Hanse und im Garten, der sich hinter dem Hause langgestreckt hinzog. Denn man lebte im Sommer, die Aprikosen waren längst von den dichtblättrigen Bäumen genommen worden die ersten Pflaumen reiften, bleiche Pfirsiche rötheten ihre Wänglein, und vom großen Birnbaum fielen die kleinen Tukateubirnchen ins dichte Gras. Der Baum stand nahe dem Zaun des Nachbargartens; von der Bank unter seinen schattenden Aesten konnte man sogar den Hof sehen. In diesen Hof hatte sie oft genug geblickt. Dort tummelte sich ein wilder Junge: Wlada, der schlimme Wlada. Er war der Schrecken ihrer Kindheit gewesen, und sie lief aus dem Garten, sobald er sich sehen ließ, denn er warf mit Steinen nach ihr oder mit unreifem Obst, wie es ihm gerade zur Hand kam. Das war vor vielen, vielen Jahren, damals, als sie nocl ein glückliches Kind war. Sie blickte hinüber — bei Gott er selbst! stattlichen Leibes, das Gesicht von blondem Flau» umwachsen. — Ach ja, die Ferien waren gekommen! Sie stand auf; er würde zwar nicht mit unreifen Achseln nach ihr werfen, aber es gab jetzt Schlimmeres. Wlada kan in den Garten, sie wendete sich dem Hause zu. Er grüßte mit wohlklingender Stimme; sie dankte gemessen und wollte weiter schreiten. Das mochte er nicht zulassen. „Wie denn, Fräulein Maria." — denn das war ihr feierlic klingender Name, wie er im Schulzengniß zn lesen war — „wi denn — davonlaufen? Vor einem Nachbar davonlaufen! W > übt man solche Sitten?" Und sie ging zum Zaun und reichte ihm durch die rothe i Bohnenblüthen, die an den Stauden emporkletterten, ihre schmale Haud. Er schüttelte sie herzlich, drückte sie sanft, recht wie es sich gehört, nicht allzu vertraulich. Er stellte ein Frage, sie mußte antworten, so kamen sie ins Gespräch. Ewar erfreut, daß sie so vorzüglich Bescheid wußte in den Dichtern seines Volkes, sie freute sich, wieder einmal von all dem sprechen zu können, was ihr Herz erfüllte. Und sonderbar

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