Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- Seite 174 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228435--57450-3293827- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
174 hier denkend, schossend, arbeitend, mit eiserner Geisteslind Willenskraft des Körpers Schwäche besiegend. Gegenwärtig nimmt ihn die bereits erwähnte englische Ausgabe fast ganz in Anspruch. Man sollte es kaum für möglich halten: In Amerika findet Lazarus „Ethik desJudenthums" eine weit gerechtere Würdigung als in Europa und eine bis in die weitesten Kreise sich erstreckende Verbreitung, ja im Lande des Dollars und der zu allein, was nicht Goldgelvinn verspricht, niemals Zeit habenden Yankees hat sich das Lazarus'sche Werk Gebiete errungen, die ihm diesseits des Ozeans noch verschlossen sind. In Amerika ist es aus dem besten Wege, das zu werden, wozu es eigentlich berufen und wie kein zweites ähnliches geeignet ist, zu einem „Buch für Alle", für unsere Gelehrten, für unsere Ausklürnngs- und Lünternngsbedürftigen, für die Indifferenten, für die Kanzel, die Schule — vor allem die jüdisch-wissenschaftliche Hochschule — für die Familie, kurz sür Jedermann, der Jude nur ist, weil er als solcher geboren wurde, dabei aberinnerlich nur sehr lose mit dem Judenthum verbunden ist. Der durch seine der Vollkommenheit zuuüchststehende geheiligte Boden der „Ethik des Jndenthums", dieser von allen, allen Hüllen losgelöste unvergleichlich edle Kern ist ja der einzige Punkt, um den sich Alle schaaren können, auf dem Alle sich als Juden finden, und wahrlich mit berechtigtem Stolz bekennen können, selbst Jene, die sich längst vom zeremoniellen und selbst konfessionell-jüdischen Leben losgesagt haben, die ihre jüdische Abstammung, wie Saphir sagte, als „Geburtsfehler" betrachten. Wie wenig, wie entsetzlich wenig Juden kennen überhaupt das Judenthum, wie wenig und selbst aufgeklärte oder eS doch zu sein vorgebende Juden wissen Mittel vom Zweck, Ceremvnieu von der „Ethik" zu trennen! Hier kann das Lazarus'sche Werk eingreisen. Wie schön ist es, sich aus demselben belehren zu lassen: Jude zu sein, heißt in Wirklichkeit ein an seiner ethischen Vervollkommnung und Heiligung durch Lebensversittlichnng arbeitender Mensch zu sein; wie geläutert ist das Selbstbewusstsein, als sittlich fühlender Mensch mit an der allgemeinen Verbrüderung zu arbeiten und eben darin sein Judenthnm zu suchen als durch Schaffung neuer Zwiespalte, durch erkünsteltes Erzeugen eines tvdtgebvrenen Nativualitätsgefnhls! Ja, so mancher helldenkende Kopf, und die Zionisten hallen deren viele, würde durch das Studium der Lazarus'schen „Ethik" ans den richtigen Weg gelenkt werden. Wie anders, wie ganz anders, wie eher dem eigentlichen Zwecke entsprechend wäre der bleibende Erfolg der jüdischen Kanzel, würden hier die trefflichen, ja alle aus geeigneten Quellen geschöpften ethischen Theorien des Jndenthums verkündet werden. Noch immer machen aus vielen, vielen Kanzeln der lange Redeschwall, die phrasenhafte Blumensprache und die unglückselige symbolische Deutung sich breit; noch viele unserer Kanzeln in oft sehr bedeutenden Gemeinden sind dem redegewandten Prediger nur die Stätte, um sich bewundern zu lassen, wie er da so geschickt einen so ziemlich all seinen Zuhörern gleichgiltigen Midrasch zu erklären, sein Publikum mit Citaten zu übergieften weiß; ein arges, arges Verkennen von den Aufgaben der modernen Kanzel, dem Orte des einzigen direkten Verkehrs zwischen Seelsorger und Gemeinde, ja sozusagen dem letzten Rettungsanker des von allen Seiten bedrohten und mißverstandenen Judeuthnmes. Der Prediger ist nur um der Gemeinde willen da, nicht aber umgekehrt, und einzig und allein der bleibende Eindruck ans die Zuhörer darf den beabsichtigten Erfolg des Predigers bilden. Und der Prediger selbst kommt dabei immer zu kurz. Je mehr man den Prediger selbst vergißt und ganz von der Kraft der Rede und des Themas hingerissen wird, um so größer Kunst und Ruhm des Meisters. Gewaltig, nachhaltig kann der Einfluß der Predigt sein, bietet sie der ihren wahren Zweck erkennende Redner. Je meisterhafter sein Vortrag, um so nachhaltiger der Eindruck, und die wirkliche Meisterschaft bekundet sich eben darin, daß während des Bortrages der Meister selbst vergessen wird. Dazu aber muß er mit der Absicht hierzu die Kanzel betreten. Nicht sich als Wunder der Gelehrsamkeit anstaunem, als gewandten Ausleger sich bewundern zu lassen, sondern allein der Wahrheit und Veredelung der Zuhörer zu dienen, muß sein Zweck sein. Wahrheit aber, eine schier unerschöpfliche Quelle für diese bietet Lazarus „Ethik". Ich wollte, sie läge allen Predigern an Stelle anderer Hilssbücher bei Ausarbeitung ihrer Reden vor Auge». Es stünde um Prediger und hauptsächlich um Judenthnm und Gemeinde besser. Unwillkürlich drängt sich mir da eine Erinnerung in die Feder. Vor einigen Jahren hatte ich das Vergnügen, einen „Exhortanteil" in ... n beim Jugendgottesdienste zu hören. Wohl an tausend Mädchen aller Altersstufen füllteil das herrliche Gotteshaus, in dem einst der größte jüdische Kanzelredner des 19. Jahrhunderts seine Predigten gehalten hatte. Der Jugendgottesdienst war ausschließlich für die jüdischen Mädchen der verschiedenen Schulen gehalten worden. Der hünenhafte Exhortator begann, nachdem er mit einem wahren Adlerblicke seine Zuhörcrinnen überschaut hatte, mit der tiefsinnigen Frage: „Diese Woche geht die Sidra Terumah, die nächste Woche die Sidrah Tezaweh u. s. w., wie kommen diese drei zusammen?" Die Dämchen staunten eine Weile über diese alle ihre Kenntnisse übersteigende Frage, dann aber naschten und schwatzten sie weiter. Und der Redner — kein Rabbiner — erging sich nun in langen, langen Erörte rungen über unsere historischen Größen, wie z. B., daß (wörtlich „Moses Chemie studirte" und so die Heilkraft der kupfernei- Schlange zu Stande brachte, ferner daß wir einen sittenstarkev Josef aufzuweiseu haben und sofort in schönster Weise. Ihren Höhepunkt aber erreichte diese Tragikomik im Gotteshause, all der gelehrte Redner seine beiden Hände in die Hosentasche! steckte und ganz unvermittelt unter sein Publikum mit dröh nender Stimme die erschütternde Frage warf: „Wisset ihr, war Gott ist?" Den Kleinen und Größeren blieb Naschwerk, Ge spräch und Lachen in der Kehle stecken. Und nicht lange lieh er die neugierigen Kleinen auf die Antwort warten. Mit eine Stimme, daß die Scheiben klirrten, schrie, nein brüllte err „Gott ist die (Kunstpause) Schechinah.". Ich habe mir Thräuen in den Augen und unsagbarem Weh im Hcrzei das herrliche großstädtische Gotteshaus verlassen. Ärmel Judenthnm!- Von der tiefgehenden Wirkung des Lazarus'schen Werkel in Amerika zeugt u. a. insbesondere der Umstand, daß dal Ilelirevv Union College in Cincinnati das Werk zum Gegenstände spezieller Vorlesungen gemacht hat. Der Katalog für 1900/01 zeigt ans Seite 30 unter den angekündigten Vorlesungen auch „Das I. und IV. Kapitel von Lazarus „Ethik des Judeuthnms" mit Diskussion". Die einzige in der ganzen Abtheilun; mit Diskussion verbundene Vorlesung. Die hier ausgebildeten Rabbiner werden einst ans den Kanzel» sicherlich gesunde Geistesnahrung bieten. Keine unser, r europäischen jüdisch-wissenschaftlichen Hochschulen hat sich non;