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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-12 · Heft 15 (12.4.1901) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
Seite 172 (sequence 6)
Language
German
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172 verdienten, an Alter, Berns, Temperament so verschiedenen Frennde. Ans dem äußersten Osten und Westen der preußischen Monarchie stammend, hatten Beide grundverschiedene Lausbahnen dnrchmesseu. gänzlich verschiedene Schicksale erfahren, als das Streben, seinen Glaubensgenossen Gutes zn erweisen und in humanitärer Vethälignng Trost snr verlorenes Lebensglnck zn finden, den 32jährigen Rheinhold in das Haus des mehr als doppelt so alten Präsidenten des Deutsch- Israelitischen Gemeindebnndes führte. Gemeinsame Arbeit an den ethischen Aufgaben des deutschen Jndenthnms knüpfte das Frenndschaftsband zwischen den beiden Männern, das sie bis zu ihrem fast gleichzeitigen Tode in: Spätsommer des Jahres 1900 innig zusainmeuhielt. Der Redner betrachtet die Thatsache, daß zwei jüdische Männer so großen Antheil all der auf Ethisirnng des deutschen Volkes gerichteten Bewegung genommen haben, nicht als Werk des Zufalles; sei doch auch Professor Felix Adler in Amerika, neben Satter der Begründer der ethischen Gesellschaften, und die unvergeßliche Jeanette Schwerin, neben anderen schätzenswertsten jüdischen Männern und Frauen dem Volke entstammt, dessen ganze Geschichte, dessen Existenz einen fortgesetzten schweren Daseinskampf im Dienste der ethischen Ideale darstelle. Dafür öffentliches Zengniß abzulegen, fühlte der Redner gerade in seiner Eigenschaft als Arier einen unwiderstehlichen Drang gegenüber den Auswüchsen des in unserer Zeit so übertriebenen Nationalismus der ans ihr Arierthuul so stolzen Völker. Mit schmerzlicher Ergriffenheit beklagt er das den Kindern des jüdischen Stammes in der Gegenwart angethane Unrecht, die Zurücksetzung und die Verdächtigung ihrer religiösen lind vaterländischen Gesinnung, denen sie heut auss Nelle ausgesetzt sind. Wie die beiden gefeierten Männer, denen es vergönnt war. so vieles zum wahren Heile des gesummten Vaterlandes beizntragen, im ethischen Kern des Jndenthnms wurzelten, zeige sich am besten in ihren Werken. Alls Kristellers poetischen Uebertragungen der jüdischen Ethiker und Denker, besonders aus seiner berühmten Uebersetznng des Misehna-Tractats Pirgne Aboth trug der Redner allsprechende Proben vor. Die künstlerische Eigenart Hugo Nheinholds, jene Durchdringung seiner plastischen Gestalten mit einem ethischen Geiste, der, ohne sich allsdrillglich hervorzukehren, dem gleichempfindenden Betrachter sich verrathe und reine, dem religiösen verwandte Empfindungen in ihm anslöse, wurzelte in seiner jüdischen Abknust. Besonders interessant ist die aus Kenntnis; der Vorgeschichte beruhende Deutung des „Kämpfer" genannten Bildwerkes, eines der letzten, das dem so früh entrissenen Künstler zu vollenden gelungen ist. Ein starker Jüngling betrachtet sinnend das Schwert in seiner Hand; noch zögert er, ob er seinen starken Arm zum Dreinsehlagen erhebeil soll: ..b'immun sunrck'', „das Eisen heilt", so beabsichtigte der Künstler dem Sockel eine Inschrift zu geben. Der heilige Zorn über das seinen Stammesbrüdern widerfahrende Unrecht, die schwer zn unterdrückende, noch aber durch Selbstbesinnung gebändigte Neigung zn gewaltsamer Abwehr hat hier eine für den bildenden Künstler charakteristische Ausprägung gefunden. Seine ethischen Freunde riethen, die Inschrift in ihr Gegentheil umzuändern: „l"errn,n noil sannt?'; dazu konnte er sich nicht entschließen; so bleibt dem Betrachter die Frage ungelöst, zn welcher Entscheidung der innere Kampf führen wird, doch möchte der Allblick der kraftstrotzenden Gestatt ans eine baldige Anwendung des Schwertes schließen lassen. Dem Küllstter muß seine Entscheidung unbenommen bleiben. Aber den üdisehen Jünglingen ans den deutschen Hochschulen, die in letzter Zeit, allerdings durch die Provokationen entschuldigt, vielfach die veralteteil Gebräuche des Zweikampfes nachgeahmt oder in den Fehler eines jüdischen Nationalismus verfallen sind, giebt der Redner vom Standpunkt seiner geläuterten Hllineiuität ans den Rath, sich nicht beirren zn lassen und der hohen ethischen Mission des jüdischen Volkes zu vertrauen und ihr gemäße Kampfmittel anzuwenden. Diesen geistigen Kamps für die idealen Güter der Menschheit mit geistigen Mitteln sortzusetzen, bleibt die Aufgabe der unter die „Nationalvölker" mit ihren materiellen Zielen und Bestrebungen zerstreuten Abkömmlinge des jüdischen Stammes. Für das von ihnen zu beobachtende Verhalten gaben Samuel Kristeller und Hugo Rheinhold ein schönes Vorbild, die bei keiner Gelegenheit es unterlassen haben, ihr Judellthuln offen zu betonen, ohne dabei in Ueberhebung des Nationalstolzes zu verfallen. In Vorstehendem ist versucht worden, die uns Inden näher berührenden Gesichtspunkte der beziehnngsreichen Rede wiederzugeben.' abstehen müssen wir aber von dem Versuche, den Eindruck ans die ergriffenen Hörer darzustellen, wie ihn eine vollendete Synthese des Gedaukenreichthmns, der Formschönheil und einer liebenswürdigen, herzgewinnenden Vortragsweise allein ansznnben im Stande ist. Der humane Gelehrte hat uns eine Herzensstärkung geboten, die »ns siir eine weite Strecke des Dornenweges nach dem fernen Ziele der uns gestellten historischen Ausgabe anfrerht zu erhalten vermag. Er nehme freundlich nnsern Dank entgegen, den er für die uns erwiesene Gütigkeit nicht begehrt. Möge es unserem Stamme auch fernerhin nicht an edlen Männern und Frauen gebrechen, die durch edle That und durch freudiges Bekennen zn ihrem Jndenthum sich die Anerkennung und Liebe der geistig fortgeschrittene» Andersgläubigen zn erringen wissen, und möge das Beispiel der Vekenntnißtrciie und Humanität zahlreiche Nacheiserer finden, dann wird sich die von den Rückschrittlern uns angethane Unbill leichter tragen lassen! ÜV. -MH- Ner deutsch-russische Handelsvertrag und die Juden. Von M. Friedeberg. «folge der deutscherseits angekündigten Erhöhung der Getreidezölle hallt die ganze Presse in Rußland und Deutschland schon jetzt wieder von dem Kampf um den Zolltarif und die Handelsverträge. Da ein großer Theil der Fabriken in de» polnischen Jndustriecentren und ein nich: minder großer Theil der russischen Ausfuhr in Gestalt des Getreidehandels in den Händen von betriebsamen jüdischen Kanfleuten liegt, dürfte ein geschichtlicher Rückblick an den Antheil der Juden an dem deutsch-russischen Grenzhandel zunächst willkommen sein. Für Diejenigen, welche diese geschichtliche Entlvicklmw beklagen, wollen wir hier gleich aus dem kürzlich erschienenen Werke des Freiburger Nationalökonomen Schulze-Gävernitz „Bvlkswirthschaftliche Studien aus Rußland" die Thatsach anmerken, daß der russische Bauer die höchsten Zinssätze in denjenigen Gouvernements zahlen muß, wo keine Juden wohnen. S. -369: „Gelddarleiher, welche den Bauern sz- 18 Prozent vorschießen, werden von ihnen als Wohlthäte verehrt; der gewöhnliche Zinsfuß beträgt nach Orloff in Gouvernement Moskau 30 Prozent. Bemerkenswerther weise ist den In den der Aufenthalt in diesen Th eile» Rußlands verboten." Der gelehrte Forscher, der die Verhältnisse an Ort un > Stelle studiert hat, sucht diesen rein arischen Wucher zn en - schuldigen, indem er hinznfügt: „Aehnliche moralische Flecken haften auf der Urgeschichte fast aller wirthschaftlich empo - steigenden Klassen; denn Sittlichkeit erfordert Tradition «nn eine gewisse Sicherung der Lebensverhältnisse. Uebrigens i! nicht alles Wucher, was Wucher scheint. Bei der gänzliche > Unsicherheit der ländlichen Verhältnisse und dem Fehlen eines Rechtes der Privathypothek sind sehr hohe Zinsfüße unve - meidlich." Gnt. Man höre dann aber auch auf, von jüdischer Ausbeutung und jüdischem Wucher zu reden. Und wie es um die „Sicherung der Lebensverhältnisse" bei den jüdischen Grenzkanfleuten von jeher stand, werden wir gleich aus der Geschichte ersehen. Am schlimmsten war es hiermit noch zu Zeiten des großen Kurfürsten auf der deutschen Seite der Grenze, wo der Handel das ausschließliche Vorrecht einer Zunft war, und den Juden in Königsberg bisweilen selbst die „Auflage und Speicheruna

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