Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- Seite 171 (sequence 5)
- Language
- German
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Der Kultusminister hat nun neuerdings in einem Einzelfalle die Beschwerde eines Lehrers, welchem die Erhöhung des Grundgehalts verweigert wurde, ab gelehnt. Stellen die Juden ein geringes Kontingent zu den Armeen der Völker, so sind sie feig, ist der Prozentsatz jüdischer Soldaten aber ein großer, so sind sie vordringlich und eine „Gefahr" für das betreffende Land, der letztere Vorivnrf wird jetzt in Oesterreich gegen die galizifchen Inden erhoben, weil die Anzahl der jüdischen Offiziere im Reservestand der galizifchen Regimenter eine verhältnißmützig große ist. Ein antisemitisches Blatt berichtet darüber: Im aktiven Offizierkorps der galizifchen Regimenter giebt es nur sehr wenig Inden, etwa zwei Prozent. Anders sieht es schon bei den Aerzten ans. In 18 Jnfanterieregimentern finden wir 72 Aerzte im Aktivstande, darunter 22 Juden (30.4 Prozent), in der Landwehr sogar unter 26 Aerzten 12 Juden, das ist 46 Prozent. Wir wollten aber von den Reserveoffizieren sprechen. In den galizifchen Freiwilligeuabtheilungen fehlen die Angehörigen des Bürgerstandes. Dort dienen die Söhne der Schlachta und der Beamtenschaft und — der Inden. Betrachten wir nunmehr die einzelnen Regimenter, so sind im Ganzen bei sämmtlichen galizifchen Jnfanterieregimentern 1479 Reserveoffiziere, davon 228 gleich 15 Prozent Inden. Das Landwehrinfanterieregiment Krakau zählt 436 christliche und 117 jüdische nichtaktive Offiziere. Das Regiment Nzeszow zählt 323 und 98, das Regiment Przemysl 355 und >4, Lemberg 216 und 45, Stanislan 186 und 49, Czernowitz 187 und >9, Zlvczow 154 und 54. Kolomea 150 und 42, das ist zusammen 2515 lichtaktive Offiziere, davon 508 gleich 21 Prozent Juden. Ferner laben die galizifchen Landwehrregimenter zusammen 294 nichtaktive Aerzte, hiervon 148, oder 50,3 Prozent Juden im Stande. Soweit der Bericht eines Fachmannes aus Galizien. Die Resultate dieser Statistik ärgern die Antisemiten — uns nicht! r Oft wurde und wird noch die Frage aufgeworfen, warum die Juden als solche so starken Autheil au dem Verlauf der Drehfus-Afsaire in Frankreich genommen haben. Von den Gegnern wird dies natürlich als ein Beweis ihrer „internatioualen Solidarität" angesehen. Nun ist gerade in diesen Tagen in Buch von Joseph Neiiiach „klistoire äe I' vrezstüs" erschienen, das die schlagendste Antwort auf jene Frage giebt. Irr diesem Buche schildert Neinach mit genauer Sachkenntuiß den antisemitischen Ursprung der ganzen Affaire folgendermaßen : Die Offiziere des Generalstabs beobachteten eine gewisse Exklusivität; eine Gruppe unter ihnen las mit Eifer die „Libre Parole" und unterstützte deren seit zwei Jahren gegen die jüdischen Offiziere geführte Kampagne: die heftigsten unter ihnen waren der Major Bertin. der seine Abstammung aus jüdischer Familie durch fanatischen Judenhaß verwischen zu müssen glaubte und der Chef des Nachrichtenbureans Oberst Sand Herr, ein Elsässer, der den Antisemitismus als eine Art Sport Pflegte. Als Dreysns von der Kriegsschule zum Generalstab kommandiert wurde, suchte Sandherr den General v. Miribel auf und beschwor ihn, diesen Sohn der verfluchten Rasse doch nicht in den geheiligten Ort eindringen zu lassen. Picquart, der damals die jungen Offiziere zu plaziren hatte, kannte diesen Geisteszustand im Generalstab so gut, daß er Drehfus der Manöversektion zutheilte, wo es keine Geheimnisse gab. und die unter dem Beseht eines vorurtheilslosen Offiziers Mereier- Milon stand. Drehfus befand sich also im Generalstab in einem ihm absolut feindlichen Milien und er fühlte das ohne Zweifel selbst. Selbstbewußt und stolz auf sein Wissen und Können zog er sich in sich selbst zurück; sein Ehrgeiz war der militärische Beruf, dem er alle Bequemlichkeiten opferte, die das Leben dem Neichen hätte bieten können; außer dem Berus lebte er nur seinerFamilie, in der die glücklichsteHannonie herrschte. Die Kluft zwischen Dreysus und seinen Kameraden erweiterte sich natürlich immer mehr, je sicherer er sich den Anforderungen des Dienstes gewachsen zeigte. Während einer Uebungsreise des Genecalstabs unter Führung Boisdeffces selbst kamen die Ossiziere eines Abends beim Essen in Charmes an der Mosel auf technische Fragen zu sprechen; Drehfus beherrschte mit seiner Sachkenntnis; das Gespräch dermaßen, daß Voisdeffre ihn nach Tisch am Arm nahm und über eine Stunde mit ihm auf der Moselbrücke hin und her promeilirte. „Von dieser Unterhaltung." sagt Neinach. „bewahrt Drehfus das Gefühl der Dankbarkeit für Boisdeffre, das ihn später in seiner Leidenszeit so oft überkommt. Aber inan hatte auch die Bemerkungen hören sollen, welche die den; Generalstabschef und Drehfus in einiger Entfernung folgenden jungen Offiziere in ihrem Aerger anstanschten." In diese Umgebung des Drehsns. deren Neid in Haß anfgeht. weit er Jude ist, fällt das Vorderem,; man sucht durch Schriftvergleichniigen den Verfasser zu entdecken, der in; Generalstab sitzen soll; ohne weiteren Verdacht auf bestimmte Personell findet man natürlich nichts, denn der wirkliche Verfasser dient bei einem Regiment ill Nonen. Da kommt einer der Ossiziere ans den Gedanken, das Vorderem: müsse von einem „Stagiaire" herrühren, weil diese Zutritt zu allen Abtheilnngen des Generalstabs haben; und nun fällt ein anderer ans den Namen Drehfus. Sandherr springt auf. schlägt sich vor den Kopf und ruft: „Daß ich das nicht gleich gefunden habe!" Das Wort ist gefallen, wie eine Erlösung; es giebt keine Untersuchung, keine Beweise «lehr, nur noch die eine Ueberzengung, daß der Jude der Verräther ist, weil er Jude ist. „Einigen drängt sich diese Erkeuntniß vielleicht gegen ihren Witten allst was um so schrecklicher ist. Aber von diesem Augenblick all wird alles wie durch eine plötzliche Kristallisation zum Beweis gegen den Unglücklichen, die Beweise ergeben sich ans dem Schluß; was jeden Andern entlastet hätte, belastet ihn: der Patriotismus des Elsässers ist Komödie, seine Lerubegier die Neugier des Spions." In wenigen Tagen ergreist die Wildheit, die an grausame Lust grenzt, den ganzen Generalstab, die Armee, das Land. Henry findet sich schnell mit der neuen Wendung ab; er mischt sich in die Uutersuchnng, um diese zu fälschen, und da er keine Kritik findet, wird er immer dreister. „Bei aller Vorsicht ist Henry ein Mann der That. Er kennt die Gewalt eines Wagestücks über Zögernde. Plebejer nach seiner Bildung, kennt er die geistige Leere aristokratischer Litteraten und falscher Gelehrter. Er kennt ihren Judenhaß und ihren Herzenswunsch, den Inden schuldig zu sehen. Er weiß, daß sie von jetzt all alle seine gröbsten Erfindungen ohne Bedenken annehmen, wenn sie nur ihrer Sache dienen sollen. Entweder bemerken sie seine Schurkerei nicht, oder sie durchschauen ihn; dann wird er so thnn, als ob er das nicht bemerkte. Du Path sucht mit wildem Juquisiloreifer Beweise — Henry, in Ruhe, schmiedet sie." Dem höchst werthvollen Buch Neinachs wird in einigen Wochen das Tagebuch Alfred Dreysus' selbst folgen, das sicher noch weitere Beweise für die eben angeführten Thatsachen beihringen wird. Eine Gedenkfeier. Berlin. 2. April. (MZ^ie vom Hanptvorstaud der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur am 25. v. M. im Bürgersaale des Berliner Nathhanses veranstaltete Gedächtnißfeier zu Ehren des Geheimeil Sanitätsraths Dr. S. Kristeller und des Bildhauers H n g o Nheinhold gestaltete sich zu einer erhebenden Anerkennung des jüdischen Stammes und der Bekenner der jüdischen Religion. Nach einer stimmungsvollen musikalischen Einleitung und Verlesung einesTelegrcnmnes amerikanischer Gesinnungsgenossen entwarf der Herr Geheime Regiernngsrath Professor Dr. Wilhelm Förster zunächst ein Bild des äußeren Lebensganges der beiden um die Begründung und Förderung der ethischen Bewegung ill Deutschland so