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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-12 · Heft 15 (12.4.1901) · p. Seite 170

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
Seite 170 (sequence 4)
Language
German
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170 Die Natur wirkt nach den van Gatt in sie gelegten Gesetzen nnd Kräften; der werdende Tag und die hernufziehende Nacht, der dahinrascnde Stnrm nnd das sanfte Säuseln der Lnst, der sich rnhig hinschlängelnde Strom und das brausende Meer, der zuckende Blitz und der rollende Donner, — sie erfüllen alle den Willen ihres Herrn und Gebieters, sie sind Boten ihres Gottes und Schöpfers. Wie in der Natur, so geht es auch in der großen Werkstatt der Geschichte zu, anch^hier hat jedes Volk aus dem Posten zu verharren, auf dein es einmal steht. Israel ist das klassische Volk der Religion, das wurde ihm gleich voll Anbeginn seines Daseins bedeutet. Darum mußten in jener Besreiungsnacht auf Befehl ihres Gottes Israels Familien sich erst der göttlichen Befreiung würdig zeigen, zeigen, daß sie erlöst sein wollen, bereit zum Dienste ihres Erlösers, darum blieb nur das Haus verschont, das sich durch ein bestimmtes Abzeichen als ein israelitisches bekundete. Bedurfte es sür den Allwissenden eines solchen Merkmals? Mit Nichten; für Israel sollte es die Lehre enthalten: Gott schont Jeden, der verschont sein will und sich seiner Gnade würdig zeigt. Damit verkörpert unser Fest nicht blos die Idee, daß es Einen giebt, der auf jeden Nothschrei hört nnd jeden Stoßseufzer beachtet, sondern daß Gott nach Verdienst die Gaben austheilt, wohl nach seinem Ermessen, aber in Gerechtigkeit uild nicht nach Willkür und Laune. Israels Erlösung aus Mizraim ist das Werk eines sittlichen, gerechten und heiligen Wesens, und unser Pessach mahnt nns, dieses Wesen durch Gerechtigkeit nnd Sittlichkeit, durch Wahrheit und Heiligung unseres Lebenswandels zu verehren. Beherzige es, Israel, an deinem Freiheitsfeste; du bist frei nnd erlöst, so lange du es sein willst und Gott, deinem Erlöser, den Dienst nicht versagst. In diesem Glauben, in dieser hoffnungsreichen Zuversicht bestärke dich die Erinnerungsfeier an deine jVolkswerdung, dein Passahfest! Me UAsche. Berlin, 9. April. /A8^as sogenannte Könitz er „Aufklärungs"- oder vielmehr Verdunkellingskomitee giebt keine Ruhe. Da die Be- Hörden, wie es heißt, die Untersuchung nach dem Mörder des Gymnasiasten Winter als aussichtslos einstweilen einstellen wollen, so beginnt das Komitee von Neuem seine Agitation, indem es die folgende Bekanntmachung und Petition vertreibt: „Im Lause unserer Thätigkeit in der Winterschen Mordsache hat sich immer mehr herausgestellt, daß eine eingehende Erörterung, Beleuchtung und Besprechung der bisherigen Vorkommnisse im Reichstage zur Förderung der Suche nach den Mördern nothwendig ist. Deshalb haben wir beschlossen, eine Petition an den Reichstag nach den Oster-Feiertagen abznsenden. Die Unterstützung einer Anzahl von Neichstagsabgeordnelen ist gesichert. Die selbstständigen Bewohner von Stadt und Land werden gebeten, die Petition recht zahlreich zu unterzeichnen, damit ihre Absendung baldigst erfolgen kann. Durch einen besonderen Boten wird die Petition zur Unterschrift vorgelegt werden. Außerdem liegt sie an einzelnen, noch besonders bekannt zu gebenden Stellen aus. Könitz, im April 1901." Die Bittschrift lautet: An den hohen Deutschen Reichstag Berlin richten die Unterzeichneten Bürger der Stadt und Umgegend von Könitz die ehrerbietige Bitte: „den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, feststellen zu lassen, an wem die Schuld liegt, daß der unter den auffälligsten Begleitumständen am 11. März 1900 verübte grauenhafte Mord an dem Gymnasiasten E. Winter noch keine Sühne durch Bestrafung der Mörder und Mithelfer gefunden hat." Begründung. Vor einem Jahre sind die Körpertheile der zerstückelten Leiche des Gymnasiasten Ernst Winter nnd im Januar d. I. die Kleider des Ermordeten an verschiedenen Stellen der Stadt nnd der nächsten Umgebung gefunden worden. Diese Thatsache beweist daß eine größere Anzahl von Einwohnern von Könitz um der Mord wissen müssen. Die naturgemäße Erregung in der Be völkerung unserer Gegend ist, wenn auch äußerlich Ruhe eingetretei ist, eher gewachsen als geschwunden. Man ist allgemein davor überzeugt nnd durch die Aenßernngen des Herrn Jnstizrninister im preußischen Abgeordnetenhanse noch darin bestärkt worden daß verhängnitzvolle Fehler im Anfänge der Untersuchung gemach worden sind. Man befürchtet, daß es jetzt in der Absicht der Be Hörden liegt, daß Verfahren einzustellen, während große Kreis der Bevölkerung, nicht znm Wenigsten die Gebildeten, meinen daß sich im Laufe der Zeit ausreichendes Material angehäus habe, um gegen bestimmte Personen wegen Beteiligung an den Morde selbst nnd gegen andere wegen Beihilfe die Anklage er heben zu können. Da alle Schritte, die angesehene Personen ans hiesiger Gegen bei hohen Staatsbeamten im Sinne der obigen Bitte getha. haben, erfolglos geblieben sind, so setzen die Unterzeichneten ihr Hoffnungen ans den deutschen Reichstag." Obwohl der Zweck dieser Petition ein sehr durchsichtiger und obwohl die darin enthaltenen Spitzen sehr verständlich können wir unseren Glaubensgenossen in Könitz doch nur de r ernsthaften Rath geben, auch selbst diese Petition — Mann für Mann zu unterschreiben! In einem sonst wenig gelesener: Hamburger Blatte find r sich folgende Berichtigung vom Vorstande des „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in Sachen d« Judentags. „Die anl 13. März gebrachte Notiz, die Abhaltung eines allgemein« i deutschen Judentages sei beschlossene Sache und werde anscheinend unter Führung des „Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdische Glaubens" betrieben, ist unrichtig. Wie uns bekannt geworden i ist die Abhaltung eines allgemeinen deutschen Jndentages von Alb i außer von den Zicnisten verworfen worden. Jedenfalls würde d „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" die B - theiligung an einer solchen Angelegenheit ab lehnen." Wir gestehen, dag diese Berichtigung uns einigermaßul befremdet hat. Der Vorstand des „Centralvereins deutsch e Staatsbürger jüdischen Glaubens" weiß sehr gut, daß die Id eines Judentages auch von sehr vielen Nich t z io niste l mit Freuden begrüßt wurde, und daß der „Judentag" m d die „Gesammtorganisation" doch im Grunde auf das gleiu e Ziel hiuauslaufen. Wozu also der Lärm? r Eine alte Streitfrage, welche die Besoldung jüdisch r Lehrer betrifft, ist jetzt durch den Kultusminister leider m einem sür unsere Kultusbeamten ungünstigen Sinne er ' schieden worden. Nach dem Lehrerbesoldungsgesetz von 1^' soll dein Lehrer überall da, wo mit dem Lehramt ein Kircheuamt organisch verbunden ist, ein erhöhtes Grundgehalt gewährt werden. Bezüglich der jüdischen Volksschullehrer, die em! Kultusamt als Vorbeter, Schächter u. s. w. versehen,

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