Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1901)
- Date
- 1901-04-05
- Page
- Seite 167 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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167 „Glaubst Du, Udalrich, ich zweifle?" entgegnete lächelnd der König und wehrte mit leiser Handbewegung seinem Bruder ab, der heftig auf des Grafen Rede antworten wollte, „glaubst Du, ich zweifle, daß Du vor Allen fähig bist, des Feldherr« Schwert mit Glück und Vorsicht zu führen. Du, der Du so viele Siege errungen und Dein Haupt mit hohem Ruhme bedeckt hast? Nein, Udalrich, daran zweifle ich nicht, und gern und freudig würde ich Dir den Befehl überlassen. Wüßte ich doch, daß so der Sieg an meine Fahne gefesselt ist, während ich es jetzt nur erhoffe, nicht sicher voraussehen kann, jetzt, wo ich Führer bin. Aber sieh, Udalrich, gesetzt, ich verließe jetzt das Heer und zöge nach Kiew zurück, was würden alb die Edlen und Reisigen denken, die im langen Zuge hinter uns folgen? Das ist ein feiger König, würden sie sagen, dieser Boleslav, der das Heer vor der Schlacht verläßt und wie ein Knäbleiu vor der Ruthe des Schulmeisters davonläuft! Ziemt sich das für einen König, seine Unterthanen im Stiche zu lassen im Augenblicke der größten Gefahr? Und wie der Herr, so der Knecht, heißt es im Munde des Volkes. Kaum wäre ich nach Kiew zurückgekehrt, so hätten gar Viele gedacht: Wozu brauchen wir in den Kampf zu ziehen, wenn nicht einmal unser König es wagt? Und sie hätten Einer nach dem Anderen ihr Pferd gewendet und wären meinem bösen Beispiele gefolgt. So laß es denn gut sein, trefflicher Udalrich! Ich ziehe mit in den Kampf, Du aber sollst stets an meiner Seite bleiben, um mit Deinem Rathe mir beizustehen. Ja, den feindlichen Großfürsten selbst will ich aufsuchen im Getümmel der Schlacht und mit seinem Tode den ganzen Krieg mit einem Schlage beenden. Sieh hin, schon stürmt unser wackerer Wladiwvj daher, unS Kunde zu bringen von der Entfernung und Stärke des Feindes. Sag an, Wladiwvj, sag' an, was erfuhrst Du voll Wseslaw?" „Heil Dir, Herr König!" rief athemlos der Edelmann und hielt sein schnaubendes Roß an dicht vor Boleslavs Pferde. „Heil Dir und Deinen Mannen! Siehst Du die Staubwolke dort in der Ferne, die immer größer und größer wird und immer näher heranrückt? Das sind die Feinde, Herr König! Das ist Wseslav, der herannaht, um mit Dir den schweren Kampf zu bestehen! Kaum entging ich selbst den Geschossen der Russen, die mich verfolgten, und nur meinem braven Pferde habe ich es zu danken, daß ich zurückkomme und Dir, was ich gesehen, berichten kann," „Heisa! Jetzt gilt es!" rief jubelnd der Bruder des Königs und schwang das Schwert in wilder Kampfeslust über seinem Haupte. Boleslav aber wandte sein Pferd, und mit lauter, weithin schallender Stimme ries er seinen Mannen zu: „Ja. jetzt gilt cs! Jetzt gilt es zu zeigen, was Polens Krieger vermögen! Hört Ihr Alle, die Ihr mir gefolgt seid: Hinter der Staubwolke, die ihr dort seht, verbirgt sich der Feind! Wenige Minuten noch, und er ist vor Euch, und der Kampf ist entbrannt! Haltet Euch wacker, ihr Mannen! Zeigt Euch würdig Eures Ruhmes, würdig Eures Vaterlandes! Zeigt Euch als echte Polen, und „Polonia" sei der Schlachtruf!" Da erscholl es wie das Brausen des Meeres: „Polonia, Polonia!" erfüllte die Luft und drang markerschütternd zu dem heraunahenden Heere der Feinde. Jetzt stoßen mit ungeheuerem Getöse die beiden Heere an einander. Wie zwei gewaltige, eherne Massen sehen sie aus, wie zwei Kolosse von Erz, die sich nähern und Plötzlich in einen Knäuel, in einen unlösbaren, unübersehbaren, nicht zu entwirrenden Knäuel gerathen. Da stürzen sie aus einander los, die Schwerter erhoben zum tödtlichen Schlage, die Schilder vorgestreckt zur Wehr, die Polen mit dem Rufe „Polonia", die Russen „Polotzk" brüllend. Jeder sucht sich seinen Gegner auf. es ist ein Kampf Aller gegen Alle, ein Kampf Tausender von Einzelkämpsen; hier fällt Einer in schwerer j.Nüstung vom Rosse, dort streckt einen Anderen das Schwert eines Feindes nieder. Hier wird ein Pferd scheu und wirst seinen Reiter zu Boden, dort schmettern gewaltige Hiebe aus den Helm und die Rüstung des Gegners. Kampf und Schlachtgetünunel aus allen Seiten, hier Zuruf und Ermunterung der Sieger, dort Aechzen und Stöhnen der Verwundeten! Schon bedecken viele Todte den Boden, schon zeigen zahlreiche Blutlachen, wie erbittert, wie schonungslos hier gekämpft wird. Der König selbst stürmt, seinem Vorsätze getreu, mitten in das dichteste Gewühl und läßt die Feinde die Schärfe seines Schwertes, die Krast seines Armes fühlen. Doch überall folgt ihm der treue Udalrich, um des geliebten Herrn Leben zu schirmen, um Polen vor dem größten Unglück, vor dem Tode seines Königs bewahren. Da erblickt Boleslav Plötzlich die goldgeschmückte Rüstung, den wallenden Helmbusch des Großfürsten. „Ha!" rnst er, „setz' ich Dich endlich! Hüte Dich Wseslav! Jetzt soll Dein Leben, jetzt soll der Krieg ein Ende finden!" Und mit verhängtem Zügel sprengt er auf den Großfürsten zu und erhebt das gewaltige Schwert, um es niedersausen zu lassen ans das Haupt des verhaßten Gegners. Aber Wseslav weicht mit schneller Bewegung zur Seite, und das.Schwert, mit wuchtiger Kraft geführt, fährt an ihm vorbei und bohrt sich mit der Spitze in die Erde. Diesen Augenblick benutzt der Großfürst. Er stößt dem Pferde des Königs sein Schwert in die Seite, das Pferd stürzt und reißt Boleslav mit sich zu Boden. Noch einmal erhebt der Russe sein Schwert, um es niederrasseln zu lassen ans den vor ihm liegenden GegnerZum es in dessen Herz zu versenken und so dem Kampfe ein siegreich Ende zu bereiten, da fühlt er seinen Arm Plötzlich von hinten aufgehalten. Zornig wendet er sich um, da steht Udalrich vor ihm, bereit, seinen König zu schützen. „Stirb, Hund!" ries zvrnflannnend der Großfürst, „und geh Deinem Herrn,im Tode voraus!" Und zu Tode getroffen sank Udalrich von Rayza zu Boden. Unterdessen hatte der König sich erhoben, und als er sah, daß sein treuer Feldherr, sein wackerer Berather, daß die beste Seele der Welt gefallen sei, da erfaßte ungeheurer Zorn seine Seele, und er sprang aus Wseslav los und bohrte ihm das Schwert mitten ins Antlitz, so daß der Russe vom Pferde fiel und stumm und lautlos seinen Geist anfgab. „Ihr Polen, dersGroßfürst ist gefallen!" schreit jetzt jubelnd Wladislav Herrmann, der, wie , er die.Gefahr.des Bruders bemerkte, auf schnellem Rosse herbeigeeilt war. Und weiter und weiter verbreitet sich der Ruf, die Polen ermuthigend und aufeuernd, die Russen in Angst und Schrecken versetzend.^ Und als der König ein neues Pferd bestieg'und seine Mannen mit lauter Stimme aufforderte,'alle Kräfte auzustrengen und die Feinde davouzujagen, wie man Hunde davonjagt, da faßt neuer Muth, neue Kraft die Polen; wie zornflammende Löwen stürzen sie sich ans die Feinde, und die Schwerthiebe rasseln nieder auf die Panzer und auf die Helme der eiugeschüchterten Russen. Da wenden diese ihre Werde