Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1901)
- Date
- 1901-04-05
- Page
- Seite 166 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228434--57433-3293809- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
166 Die Magd lag auf ihren Knieen und jammerte weherfüllt. „Sei dvch still/' bat die Frau. „Was sollen dis Leute denken?" „Jagt mich dvch wenigstens fort, jagt mich fort wie einen schlechten Hund!" „Nein, Du mußt bleiben, bleiben, bis alle? vorüber ist, oder alles vergessen. Nur jetzt keine Bewegung, keine Veränderung im Haus. Du siehst, wie ich mich Peinige, wie ich mich beherrsche und halte. Es ist genug geschehen, mehr als genug; jetzt müssen wir retten, was zu retten ist. Wenn wir Skandal machen, hat das Gerede kein Ende; dann verlaufen sich die Knuden, und wir sind doppelt ruinirt. Laß' nur ein paar Monate vergehen, ein halbes Jahr, dann verkaufen wir das Geschäft und gehe» weg, weit weg. Wie wir dann anderswo leben, ob wir uns ernähren werden, das ist ja jetzt schon alles eins." Die Frau schwieg, wie erschöpft vom Reden, dann fuhr sie fort: „Du kannst ruhig bei uns bleiben; jetzt ist das auch alles eins. Es kann nicht mehr geschehen als geschehen ist." Das kam so bitter, so resignirt aus ihrem Munde, daß die Magd neuerlich zu schluchzen begann. . . . Das war kein Weinen aus Mitgefühl, es war ein weherfülltes Schluchzen, einem tiefverwuudeten Herzen entströmend. Ihre „Kleine", ihre Marhnlka, sie hatte sie erzogen für sich, sie hatte nichts anderes gewollt als bei ihr sein, mit ihr leben. . . . Ihr Vater war ein armer Häusler, der bei der Guts- Herrschaft im Taglohn arbeitete; die Nahrung der Familie bestand aus Kartoffeln, Sauerkraut, Kümmelsuppe oder Cichorienabsud mit Schwarzbrot). Der zur Hütte gehörige Krantacker war klein, und der Taglohn gering: fünfundzwanzig Kreuzer für die Arbeit der Mutter, etwas mehr für die des Vaters. Und wenn cs noch immer Arbeit gegeben hätte! Da kam sie in das Haus des Juden, in eine neue Welt. Täglich Fleisch, Kaffee mit knusperigen Semmeln jeden Morgen und Nachmittag, an Freitag Abenden und Samstag Festtagsessen und an christlichen Feiertagen ihr zuliebe auch etwas Gutes. Daun die geringe Arbeit: keine schwere Erntezeit, keine Kühe oder Ziegen, denen man Futter geben mußte, höchstens im Herbst und Winter einige Gänse, die fürs Fett geschoppt wurden. Sie sollte nur ehrlich bleiben, denn in einem Geschäftshause ist so viel lockende Gelegenheit, und gut zum Kinde mußte sic sein, weil die Frau im Laden beschäftigt war und ihr das kleine Mädchen ganz überlassen wollte. Ehrlich blieb sie; und ob sie zn dem Kinde gut war, zu diesem Kinde, zur kleinen Marhulka? Du lieber Gott! Eigentlich hieß sie Mirjam, die Kleine, „Marjem" wurde das ausgesprochen, die tschechische Magd sügte das Diminutiv hinzu: Marjulka, und die Leute im Orte machten Marhulka draus, die Marille oder Aprikose. Und dieser Raine paßte gut zu ihr; denn so farbenfrisch und drall, so saftig und lockend sah das Mädchen ans wie eine reifende Aprikose ans dem sommerlichen Baume . . . lForts. folgt.) Die Königsbraut. Historische Erzählung von Carola Buchheim. XIV. as war eine gewaltige, stattliche Heeresmasse, die sich da auf der weiten Ebene von Polotzk in glänzendem Zuge bewegte. Da glitzerten und funkelten die blanken Rüstungen, die Schwerter blitzten, die Helmbüsche wallten, und von dem schweren Tritt der gepanzerten Schlachtrosse erdröhnte weithin das Feld. Dem mächtigen Zuge vorau ritt der König in goldstrahlender Rüstung, in der Hand Polens verziertes Königsschwert, am Rücken den Schild, der in vielfachem Glanze erstrahlte. Seiil Pferd war reich geschmückt, gleichsam als werde es geführt zu Freude und Festesjubel, nicht in den schweren, mäunermordenden Kampf. Und wäre nicht der schirmende Panzer, wäre nicht das Schwert und der Schild gewesen, auch vom Könige selbst hätte man glauben können, er ziehe aus, um ein glanzvolles Fest zu begehen, nicht um einen Kampf zu bestehen mit einem gefährlichen und mächtigen Gegner. So stolz trug er sein Haupt, solche Freude und Zuversicht leuchtete aus seinem Antlitz, strahlte aus seinen feurigen Augen. Dem Könige zur Rechten ritt der Wojwode seines Reiches, Graf Udalrich von Rayza, zur Linken sein Bruder Wladislav Herrmann; der Eine ein welker Greis, den die Treue für seinen König noch einmal in das altgewohnte Schlachtengetümmel führte, der Andere ein in frischer Kraft erblühender Jüngling, der zum ersten Male sein Schwert in ernstem blutigen Kampfe erproben wollte. So hatte Boleslav zur Rechten die oft bewährte Erfahrung, zur Linken die feurige Jugendkraft, und er selbst vereinigte beides in glänzendem Maße. Denn oft und siegreich hatte er bisher sein Schwert geführt gegen Preußen und Ungarn, gegen Böhmen und Rumänen, gegen Schlesier und Russen, und doch wallte in seinen Adern das heiße Blut des Jünglings; und es trieb ihn an, immer iveiter und weiter, immer höher und höher zu streben, in wildem, in rastlosem Jagen. „Edler Herr!" wendete sich jetzt Graf Udalrich an seinen König, „Nimm mir nicht übel, was ich Dir nun zu sagen habe, denn ich weiß gar wohl, daß Dir mein Wort nicht gefallen wird, aber sieh, ich kann nicht anders .... Denn meinem Könige habe ich Treue gelobt für's ganze Leben, und die muß ich halten, sollte ich auch dadurch Deinen Zorn Hervorrufen. Du weißt, Herr König, ich habe schon oft mitgekämpft im polnischen Heere, und habe mein Schwert gar vielmals eingetaucht in das Blut meiner Feinde. Aber niemals, Herr- König, sah ich, daß Polens König mitkämpfte in der Schlacht und sein Leben den Geschossen und Schwertern der Feinde preisgab. Dein Großvater. König Miesko, und Dein Vater, der weise Herzog Casimir, Gott Hab' ihn selig, sie blieben immer fern von dem Orte der Schlacht, und ein Anderer, der Edlen einer, hatte den Kampf zu leiten. Oft siel auch mir dies hohe Amt zu durch die Gnade und Freundschaft Deines in Christo ruhenden Vaters. Darum, Herr König, zieh nicht mit in die Schlacht, setze nicht Dein so theures, für Polen so wichtiges Leben dem wechselvollen Kampfe aus, überlasse mir den Befehl und kehre nach Kiew zurück. Sei versichert, o König, nicht zu Deiner Schande, nicht zn Polens Unehre will ich das Schwert des Feldherrn führen, wenn Du es mir anvertraust."