Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1901)
- Date
- 1901-04-05
- Page
- Seite 164 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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164 und wehmüthigen Legenden lebte und athmete. Ich sehe, daß auch er gleich mir über die düstere Gegenwart bitter zu klagen versteht, aber auf die Zukunft hofft und nach fernen Tagen seinen Blick erhebt. Auch er schreit gleich mir nach Recht und Gerechtigkeit. Er ist mein Bruder im Geiste Wie mächtig wirkt der Zauber des Poeten, wenn er uns in seinen Bildern die Sehnsucht unseres eigenen Herzens vorführt. Und ein solcher Dichter war mir Frng in meinem Lebensfrühling. Noch heute finde ich in seinen Gedichten das poetischste Theil meines eigenen Jchs. In den Gedichten Frugs vernehme ich das Echo der Harfe Davids, in seinem Seufzer das Seufzen meines Volkes, aus seinen Klagen tönt mir dessen Klage entgegen. Aber wie schmerzt es mich, all dies in einer fremden Sprache und nicht in der Sprache unserer Propheten zu vernehmen! Ter Dichter sucht die Quelle seines Trostes, seiner Krast und seiner Erlösung in der heiligen Schrift. Wenn er sich iu die Predigten unserer Propheten vertieft, schwingt sich sein Geist empor, und er vergißt alle Leiden der Zerstreuung, alle ihre Bitternisse und ihre Mühsal. Dann singt er: Das waren alles Träume nur bedruckend, Der Phantasie verworr'nes Hcmkelbild. Doch steigt die Morgenröthe auf, erquickend, Dann fliehen sie, wie die Gespenster mild! Wenn er in der Bibel liest, wendet der Dichter seinen Blick von der Gegenwart und von der Wirklichkeit ab; er möchte dem lebendigen Geschlecht entschlüpfen und ruft ihm zu: Mein Freund, mein Bruder, wälzend dich im Staube, Latz mich nicht schau'»« dein Antlitz kummervoll, Das; deine Klagen nicht mein Ohr betrüben, Das; deine Thronen ich nicht sehen soll. Sonst wird wie Rauch mein süßer Traum zerstiebe». Der Dichter erhebt sich in seinem Schwung nicht über die große Menge. Die angenehmsten und liebsten Augenblicke iu seinem Leben sind die, da er im Geiste sein Volk aus der Scholle des heimathlichen Landes erblickt. Wie in alten längstvergang'nen Tagen Sehn wir zugleich ihn Pflug und Harke führen, Und seinen Bogen, seine Fahne tragen! Die alte Kultur mit allen ihren Einrichtungen, mit allen ihren alten Daseinsbedinguugen und Zuständen gefallen dem Dichter sehr wohl, nicht nur für heute, sondern auch für die Zukunft, obgleich oder besser gerade, weil sie uralt sind und ihm eingetaucht in die Farben seiner Phantasie erscheinen. Er ist glücklich, wenn seine Phantasie ihm sein Volk mit Fahne und Bogen bewaffnet vorspiegelt. Mir scheint diese Glückseligkeit unbegreiflich, meine Phantasie trägt mich weiter. Ich liebe es, an einer jeden Erscheinung der Natur oder der Geschichte de» Prozeß des Werdens, de» Gang der Entstehung und der Entwicklung alle Stufen hindurch zu beobachten und zu verfolgen. Es gewährt mir eine besondere Genugthuung, die Kraft des Wachsthums eines jeden Dinges beim Werke zu betrachten. Sobald aber die Entwicklung zum Abschluß gediehen ist, und der Wachsthumsprozeß aufgehört, und der Organismus eine bestimmte Form angenommen hat, die er fortan zu erhalten strebt, hat die Erscheinung das Interesse für mich verloren, ihre Reize fesseln mich nicht inehr. Den Dichter liebe ich, so lange er noch seinen Gott nicht gesunde», so lauge er ihn sucht und sich nach ihm sehnt. Ich finde ihn köstlich, so lange seine poetische Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, so lange er in dem Zustande des Erwachens sich befindet, seine Muse hin und her irrt und seine Begabung frei ist wie ein Vogel, der sich von den Regeln der Gewohnheit nicht ins Joch nehmen lassen will. Die Zweifel und Jrrthümer eines solchen Dichters sind mir lieber als die Wahrheiten, die mir sein gereifter Kollege verkünden kann, der bereits seinen Gott oder seine kleinen Götter gefunden hat, und dessen Dichtung nur eine Weihrauchpfanne für dieselben geworden ist. Jetzt, nachdem meine eigene Jugend vorüber ist, finde ich, wenn ich Frugs Gedichte lese, daß, als er sein erstes Gedicht schuf, er bereits als Dichter in sich abgeschloffen und vollendet war. Von da ab hatte sein inneres Wachsthum aufgehört, er war fertig, hatte seine Idealwelt gefunden, seinen eigenen Stil llnd seine Form, er hatte sich seineil Weg gebahnt, den er wandelte wie ein alter, erfahrener Priester im Tempel der Poesie. Als Frug sein erstes Gedicht schuf, stand er bereits auf der höchsten Stufe seiner Entwicklung; es war nicht zu erwarten, daß er höher steigen würde, wohl aber stand zu befürchten, daß er hinunter steigen könnte. Man kann darüber verschiedener Ansicht sein, aber mir klingt es nicht angenehm, wenn ein Jüngling, zumal ein Dichter, die Sprache eines Greises führt. Frug aber hören wir stets klagen wie einen Greis, und zwar wie einen Greis, der eine Vergangenheit, aber keine Zukunft hat. Besonders gilt das von den Gedichten, deren Stoff der Bibel entlehnt sind. Das Gedicht „Die Schrift Gottes" macht mir denselben Eindruck wie das Gedicht „Die heiligen Schriften". Hier wie dort wendet er sich an das Reich der Schatten, wandelt er in den Gefilden der Abgeschiedenen. Wenn der Dichter in der heiligen Schrift liest, schweben seltsame Bilder vor seinen Angen. Rings um sich herum sieht er „schwankende Geister", „von Ketten zerfressene Arme", „Augen, die in ihren Höhlen erlöschen", — aber mitten in dieser ewigen Finsterniß . .. Ein wunderbares, mildes Strahlennieer Goß über bunte Blätter aus sein Licht, Gleichwie des Nachts der goldnen Sterne Heer. Von den wunderbaren Blättern der Bibel strahlt ihm die „Sonne der Gerechtigkeit", der „Glanz höherer Visionen" entgegen. Man erkennt bald, daß unser Dichter dem „Volke des Buchs" entstammt. Er liest in der Bibel, und die Buchstabeil blicken in seine Seele mit thränenden und kummervollen Augen, und die stummen Buchstaben und die alten Blätter erwecken Leben in seiner wunden Seele, nicht jenes Leben, welches Kampf heißt und auch Andere zum Kampf anfeuern will, sondern ein Traumleben, da das ewige Buch ihn zu ewigen Träumen anregt. In dem Buch der Bücher, dieser Apotheke des Menschengeschlechtes — wie eilt glücklicher Ausdruck von Heine lautet, — sucht unser Dichter nicht ein Lebenselixir, um seinen Geist zu erfrischen, seinen Mnth zu stählen und seine Gedanken zu beschwingen, um sich so der Bedrängnisse der Gegenwart zu erwehren nnd muthig für die Zukunst zu kämpfen, sondern er sucht darin einen Schlaftrunk, um angenehm zu träumen, um die Schatten der großen Vergangenheit herauf zu beschwören und sich an ihnen zu ergötzen. (Fortsetzung folgt.)