Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1901)
- Date
- 1901-04-05
- Page
- Seite 163 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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163 und damit war sein Bildungsgang unter der Leitung von Lehrer und Schule abgeschlossen. Die Früchte seiner Schöpferthätigkeit bezeugen, daß nicht die russische Dorfschule es war, wo der Dichter zuerst in ihm erwachte; der Geist, der die meisten seiner Gedichte durchweht, ist in dem jüdischen Cheder über ihn gekommen. Es ist Leicht zu ermessen, wie kümmerlich und unbedeutend die Wissenselemente waren, die er aus der Schule mitbrachte. Sein Schicksal als russischer Dichter gleicht dem unserer besten hebräischen Poeten, die ja ebenfalls das Beste, was in ihnen war, nicht Lehrern und Schulen verdankten, sondern ihr geistiges Besitzthum durch eigene Mühe und Arbeit errangen. Auch Frug fing, nachdem er die Schule verlassen, selbständig zu arbeiten an. Er studirte fremde Sprachen, war aber eifrig bemüht, sich in der hebräischen Sprache zu vervollkommnen, die ihm zum Theil noch von dem Cheder her geläufig war. Auch fand er früh schon Gelegenheit, das wirkliche Leben aus der Nähe kennen zu lernen, und zwar als Gehilfe des Inspektors der jüdischen Kolonien. Nach zurückgelegtem sechzehnten Lebensjahre verließ er die Heimath und das Landleben und begab sich nach Cherson, um sich einen Berns im Leben zu sichern. Born dortigen Kronrabbiner wurde er als Schreiber beim Matrikelamt angestellt. Auch dort hatte der zukünftige Dichter Gelegenheit, den Ernst des Daseins kennen zu lernen. Es ist gut, wenn der Dichter das Leben auch von der nichtpoetischen Seite kennen lernt. Ein Beamter des Gouvernements, der zugleich Korrektor der Amtszeitung und Korrespondent Odessaer Blätter war, lehrte Frug das „Dichterhaudwerk". Es ist eine häufige Ercheinung, daß einfache und wenig hervorragende Menschen fremde Begabungen eher wahrnehmen und wirksamer fördern als bedeutende Individualitäten. Diese letzteren bemerken häufig junge Talente nicht oder wollen sie nicht bemerken; und wenn sie ein Talent erkannt haben, so bestreben sie sich nicht selten, ihm das Gepräge der eigellen Persönlichkeit aufzudrücken, wodurch die Entwickelung desselben von der natürlicher: Bahn abgelenkt wird. Jener Beamte und Korrektor scheint in dem Dorfjuden Frug frühzeitig das poetische Talent erkannt Zu haben, aber was er ihn lehrte, das war blos das „Handwerk", nämlich die äußerliche Mache, die überkommenen Regeln des Versbaues und der Metrik, glücklicherweise ohne das verborgene Weser: seines poetischen Schaffens anzntasten. Frugs erstes Gedicht erschien in der jüdisch-russischen Zeitschrift „Razswiet" irn Jahre 1880. Sein poetisches Talent trat also in die Oeffentlichkeit zugleich mit dem Erwachen des nationalen Bewußtseins unter den russischen Juden. Bevor noch die Verfolgungen ausbrachen und das fürchterliche Ungewitter unter Donner und Blitz losging, stimmte unser Dichter seine Klagetöne an. Anfangs 1881 übersiedelte Frug nach Petersburg, und von den Ufern der Newa klangen seine wehmüthigen Lieder seither zu uns herüber, ein jedes durchtränkt von der: Thränen! unserer Vorfahren, die sie an den Bächen Babylons vergossen, dieweil sie Zions gedachten. Bisher sind bereits acht Bünde seiner Dichtungen erschienen.! Doch ich will hier nicht über seine gesammte poetische! Thätigkeit spreche,:. Nur einige Hauptlinien seiner dichterischen Physiognomie, aus der ersten und besten Epoche seines Schaffens! will ich nachzeichnen, ans der Epoche nämlich, in der die Gedichte entstanden sind, die jetzt auch in einer vorzüglichen hebräischen Uebersetzung von Jakob Kaplan vorliegen?) Im Grunde ist es nicht meine Absicht, eine Schilderung des Dichters und eine Abschätzung des poetischen Werthes und Wesens seiner Schöpfungen zu bieten. Ich will blos den Eindruck schildern, den diese Gedichte auf mich machten, als ich sie zuerst las. Anatole France sagt: „Auch die Kritik ist eine Art Erzählung, bestimmt für vernünftige, mit Empfindungsvermögen begabte Leser, ebenso wie jede Erzählung im Grunde nichts anderes ist als die Geschichte des Erzählers selber, der de,: Leser,: seine inneren Erlebnisse schildert. Ein guter Kritiker ist der, welcher das, was er selber beim Lesen der besten Dichter und Schriftsteller empfand, den Lesern mitzutheilen versteht. Kein Mensch kann ans sich selber heraus und etwas anderes sein, als er ist. Das ist eine unserer größten menschlichen Schwächen. Was würden wir dafür geben, wenn es uns möglich wäre, auch nur einen Augenblick lang den Himmel nnd die Erde mit den Faeeltenaugen des Insekts auznsehen, oder die Natur mit den: ungeschlachten Hirn des Affen zu betrachten. Doch das bleibt uns für inaner versagt. Innerhalb der Grenzen unseres Ich bleiben wir wie in einem ewigen Gefängniß eingeschlofsen. Ist also der Kritiker ein wahrheitsliebender Mensch, so wird er sagen : Meine Herren, ich will Ihnen etwas über mich ans Veranlassung von Shakespeare, Pascal oder Goethe erzählen, das ist, wie Sie sehen, eine gute Gelegenheit." Frug war der Lieblingsdichter meiner Jugend; mit seinen Gedichten belebte er meine Welt. Ich vernahm in semen Liedern den Widerhall meines eigenen Herzens. Er hat den Stoff seiner Dichtungen nicht geschaffen, er hat nicht ans der Tiefe seiner Seele eine neue Welt herausgesponnen; er fand schon eine Welt von Poesie vor, nämlich die Bibel, daun die talmndischen und die Volkslegenden. Nur den Oden: seiner Dichtung hat er diesem Stoff eingehaucht. In Frugs Gedichten fand ich keine Liebesklagen. kein Ausbrüche irdischer Leidenschaften, überhaupt nicht eine kleine Persönliche Welt und deren Leiden und Freuden, sondern die Poetische Welt unseres Volkes wiedergespiegelt. Ter wahre Rationaldichter ist zugleich Prophet, und der echte Prophet verkündet der Gemeinde seiner Hörer nicht seine eigenen Träume, nicht das Sinnen und Schwärmen seines eigenen Herzens, sondern nur das, was sein Volk träumt, sehnt und hofft. Frug hat meine Phantasie, meine innere Welt beträchtlich bereichert, aber dieser Reichthnm ist mein eigen, ein Theil meiner eigenen Seele. Er lag schlummernd in mir, ich fühlte ihn dunkel, ohne mir seiner klar bewußt zu werden. Und der Dichter schenkte mir nur das, was ich bereits besaß, darum ist mir seine Gabe doppelt werth. Wenn ich seine Gedichte lese, tönt mir aus ihnen die Stimme des uralten Volkes entgegen, der Widerhall einer sehnsüchtigen Hirtenlaute, die ein schUchter und keuscher Dichter schlügt. Ich finde in seinen Gedichten keine erhabenen, originellen Gedanken, keine verblüffende Phantasie, keine erschütternden und hervorragenden Bilder; wohl aber finde ich in ihnen das warme fühlende Dichterherz, nnd das Herz ist ein jüdisches Herz, und das Gefühl ist lebendig, frisch und natürlich. Bei der Lektüre seiner Gedichte fühle ich, daß auch er aus dem Cheder hervorgegangen ist, daß auch er gleich nur in dem Zanberkreis unserer schönen y Warschau, Verlagsanstalt „Tbnschijay."