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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-05 · Heft 14 (5.4.1901) · p. Seite 160

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 14 (5.4.1901)
Date
1901-04-05
Page
Seite 160 (sequence 6)
Language
German
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160 Gesindel zusammengesetzte Bande auf, folgte dem Scheik Ibrahim und drang in das Judenviertel ein. Alle Läden wurden zertrümmert, die Maaren geraubt oder zerstört, die Kleinodien gestohlen; damit nicht genug, eine große Zahl unserer Glaubensgenossen ward verwundet. Das dauerte drei Stunden lang, bis die Besatznngstruppen der Stadt unter der Führung des Gouverneurs heraurückteu. Ich begab mich unmittelbar in Begleitung zweier anderen jüdischen Notablen der Stadt zur englischen Gesandtschaft. Der englische Bevollmächtigte begleitete mich sofort zum Minister des auswärtigen Amtes, um gegen die Vorfälle zu protestiren. Dieser gab die Versicherung, daß die Schuldigen streng bestraft würden. Am andern Tage begab ich mich zur französischen Gesandtschaft. Der französische Bevollmächtigte richtete tags daraus einen Brief an den Minister des auswärtigen Amtes, in welchem er die persische Negierung bat, nicht allein uns, sondern auch die Allianceschule zu schützen. Der Erfolg dieses Briefes war, daß ich bei meiner Rückkehr nach Hause bereits eine Kosakenschwadron traf, die die Schule bewachte. EineUntersuchuug wurdevon derRegierung eröffnet; der englische Konsul Graham traf Samstags ein, um das jüdische Quartier in Augenschein zn nehmen. Was die ganze Bewegung vor früheren Bewegungen unterschied, ist die Plötzlichkeit ihres Ausbruchs; man hatte keine Vorsichtsmaßregeln treffen können. Niemals war ein Aufruhr so heftig als der vom 18. Januar. Teheran, den 29. Januar 1901. Die Untersuchung, von der ich in meinem letzten Brief vom 21. Januar schreibe, ist noch nicht beendet. Nichtsdestoweniger habeil mehr als 200 Verhaftungen stattgesnnden. Der Hauptschuldige, der Scheik Ibrahim, ist bisher noch nicht gefunden worden. Den angerichteten Schaden schätzt man auf 30 000 Tomanen (150 000 Francs). Darüber, wie viele Unglückliche all ihres Besitzthums beraubt worden, habe ich an den Schah folgendes Schreibeil gesandt: An Seine Kaiserliche Majestät den Schah. Sire! Die Plünderungsszeuen vom letzten Freitag im Judenviertel haben einen Theil der Bewohner dieses Viertels in das tiefste Elend gestürzt; eine große Zahl der Familien sind hilflos. In Erwartung der Hilfe, welche die Beamten Eurer Majestät uns zugesagt, erlaube ich mir einen Appell au Euere Großherzigkeit zu Gunsten der unglücklichen jüdischen Uuterthanen, die brodlos sind. Ich wage es zu hoffen, Sire, daß Eure Majestät diesen Appell erhören wird, und ich bitte den Ausdruck meiner tiefstell Ergebenheit eutgegeunehmeu zu wollen." Persönlich begab ich mich zum Großvezir, um ihn zu bitten, den Bries Seiner Majestät übergeben zu wollen. Gestern wurde ich voll dem Stadtrath aus benachrichtigt, daß Seine Majestät mir eine Summe von 900 Tomanen (4500 Frcs.) zur Unterstützung der Armen zur Verfügung stelle. Die Ereignisse vom letzten Freitag hatten eine große Erregung bei dem Hofe hervorgerufeu. Der Schah ist, wie es scheint, sehr bestürzt. Der Znsammenberufung der drei Minister, von dem ich Mittheiluug machte, folgte die Ladung der mit der Verwaltung der jüdischen und armenischen Angelegenheiten beauftragten Moei-el-Eddeleh. Die Sicherheit der Israeliten ist seit gestern wieder hergestellt. Die Schule wird von 76 Gendarmen bewacht, und ich habe das Versprechen erhalten, daß man mehrere Kosakenposten einrichten wird, nm eine Wiederkehr solch trauriger Ereignisse zu verhindern. Wie man sieht, duldet der Schah solche Gewaltthätigkeiten gegen die Juden nicht. Die Maßnahmen des Souveräns geben der jüdischen Bevölkerung wieder Vertrauen, aber ihre Sicherheit erheischt den dauernden Schutz ihres Protektors, der, wie es scheint, in Persien selbst mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Wenigstens haben in den letzten Tagen politische Blätter alarmirende Nachrichten aus Persien gebracht, nach welchen die mohamedanische Geistlichkeit das Volk gegen die kultursreundlichen und humanen Bestrebungen des Schah mit Erfolg aufhetze. Briefe aus England. Von Rev. Dr. I. Chotzner. letzter Brief schloß mit der Bemerkung, daß mit dem Regierungsantritte der Königin Viktoria in E„gfand eine neue glückliche Zeitepoche für die im ganzen britischen Reiche wohnenden Juden eingetrelen sei. Doch war diese Bemerkung nicht mehr und nicht weniger als eine einfache Wiederholung einer gangbar gewordenen, schön klingenden Phrase, die jedes geschichtlichen Hintergrundes entbehrt. Denn Thatsache isps, daß die verstorbene Königin bereits mehr als ein Dezennium die Zügel der Regierung in Händen gehabt hatte, als die Emanzipation ihrer jüdischen Uuterthanen ein kait rreeompli geworden ist. Dies ist aber geschichtlich wahr, daß nämlich Königin Viktoria, die in Neligionssachen von Anfang an höchst liberal gesinnt sich zeigte, durch ihr herrliches Beispiel und ihren mächtigen Einfluß die liberale Partei im Lande indirekt zur eifrigen Thätigkeit im englischen Parlamente anspornte und beseelte. Und wirklich waren es hauptsächlich die liberalen Mitglieder desselben Parlamentes, die nach mehrjährigem Kampfe um gleiches Recht für Alle, die Gleichstellung der englischen Inden mit allen andern Einwohnern des Landes bewirkten und legal sicherten. Dieser denkwürdige Sieg im englischen Parlamente von Seiten der liberalen Mitglieder desselben fand vor etwa einem halben Jahrhundert statt, und die Erfahrung hat es bisher bewiesen, daß die Emanzipation der Juden in England demselben. Staate verschiedene beträchtliche Vortheile gebracht hat. Denn im Staatsdienste, im Parlamente, in Munizipalämtern, und in ähnlichen wichtigen Positionen haben sich seitdem englische Juden stets pflichtgetreu und sehr nützlich gezeigt. Ebenso haben sie sich auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft, der Litteratur und des Handels bedeutend hervorgethan. nnd somit dem englischen Staate in verschiedenen Richtungen Dienste geleistet, die anerkennenswerth sind. All dies ist als statistisch richtig erwiesen, und dieser Umstand macht es überflüssig, durch einzelne Beispiele das Gesagte hier zu bekräftigen. Wie auf politischem und sozialem Gebiete, so haben die Inden in England während der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auch in religiösen Dingen erfreuliche Fortschritte gemacht. Dies war aber merkwürdigerweise meist bei den Aschkenasim der Fall, da die Sephardim auf religiösem Ge biete fast gar keine fortschrittliche Veränderung vorgenommen oder zngelassen haben. Erster« besitzen in London und in mehreren Provinzialstädten prachtvolle Synagogen, wo der Gottesdienst durch regelmäßige Predigten, durch Choralgesanr, (hier und da auch mit Orgelbegleitung) anziehend ist und zur Andacht stimmt, während bei Letzteren fast allerbeini Alten geblieben ist. Nicht minder erwähnenswert!, ist die Einrichtung bei den Aschkenasim in England und namentlich in London, daß nämlich in manchen ihrer Synagogen häufig Gottesdienste für Kinder beider Geschlechter abgehalten, und daß bei den Reformern auch periodische Konfirmationen vorgenommen werden. Dazu kommen noch die Religiansschulen, die mit fast allen aschkenasischen Synagogen eng verbunden und höchst nützliche Institutionen sind, du hauptsächlich der Neuzeit ihre Entstehung zu verdanken haben. Die jüdischen Geistlichen in England sind in der Jetztzeit auch meist gebildeter als sie ehedem waren, obschon daselbst hie und da Mancher gottesdienstliche Vorträge hält, dem jede

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