Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1901)
- Date
- 1901-04-05
- Page
- Seite 158 (sequence 4)
- Language
- German
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158 ein thatenvolles Leben lebt, erkennen wir, daßwenn die Menschen es nun einmal nicht aus freier, weiser Einsicht thun, die Weltgeschichte unter Strafgerichten es erzwingt, daß sie sich gegenseitig als menschlich ebenbürtig und menschlich gleichberechtigt anerkennen und achten lernen. In der neuesten Zeit haben hierin selbst hochknltivirte Staaten von altbegründetem Ruf, edler Bildung und Gesittung eine betrübende rückläufige Bewegung gezeigt. Politisch und wirthschastlich stehen die Parteien einander so schroff und zum Schlage ansholend gegenüber, die Sonderiuteressen werden unter rücksichtsloser Mißachtung des allgemeinen Wohles mit einer so inaßlo'jen Heftigkeit gegeneinander verfochten, daß eine schädigende Rückwirkung auf die wichtigsten Gebiete der Volksinteressen unverkennbar ist. Denn nun haben bereits die Bolksleidenschaften in weiten Bevölkerungsschichten einen erschreckend hohen Grad erreicht. Wenn in unserm hochcivilisirten deutschen Vaterlande furchtbare Umtriebe wie die von Könitz möglich waren, wie könnte man sich noch über die fast gleichzeitig sich abspielenden haarsträubenden Geivaltakte in dem halbbarbarischen Rumänien wundern, durch welche tausende und abertausende Juden von dort auszuwandern sich gezwungen sahen, und ungezählte Existenzen vernichtet wurden! Das war ein Auszug unserer armen Glaubensbrüder aus Rumänien, nicht wie der der Vorfahren aus Aegypten mit „frei erhobener Hand", sondern unter Blut und Thränen und mit einer zum Himmel erhobenen Hand, die Gott znm Zeugen der erlittenen peiuvollen Grausamkeit aurust. Der tausendjährige Pessachgeist, der identisch ist mit dem Strafgericht der Weltgeschichte, wird auch hier noch dereinst früher oder später aufräumen, um der Civilisation zum Siege zu verhelfen. Das ist ein unumstößliches Grundgesetz in der Geschichte der Staaten voll den Zeiten des alten Aegyptens bis auf unsere Tage herab, und wer sich diesem Grundgesetz in der Entwickelung der Menschheit, sei es ein Volk oder ein einzelner Menschenkreis, entgegenstemmt, über den geht das Rad der Geschichte zermalmend hinweg, wie nach dem Berichte der Schrift die Meereswellen sich über die ägyptischen Tyrannen vernichtend ergossen haben. Diese unmittelbare und stets gegenwärtige Wirkung des Pessachgeistes drückt daher höchst tröstlich und ermunternd der alte weise Haggadist mit den schlichten und doch so sinnreichen Worten aus : „Zu jeder Zeit sollen wir uns betrachten, als ob wir selber ans Aegypten gezogen wären." Die Woche. Berlin. 2. April. <s. A^N nationalliberalen Kreisen hat man das Bedürfnis;, die Abstimmung der Partei bei dem Antrag Peltasoyu (1^' zu rechtfertigen oder vielleicht auch zu entschuldigen. Die Parteioffiziöse „Nationalliberale Korrespondenz" erklärt in ihrer letzten Nummer: „Der Eentralvorstand der nationalliberalen Partei beschäftigte sich in seiner Sitzung am 2. März anfs Eingehendste mit den Debatten der Tage am 8. und 9. Februar und gelangte zn der Neberzeugung, daß die Stellungnahme der Landtagsfraktion eine völlig korrekte, ans verfassungsmäßigem Boden sich bewegende gewesen sei. Dies bringt der Bericht über diese Sitzung, der sich sinngemäß mit den Ausführungen der Abgeordneten Reichardt und Dr. Sattler deckt, wie folgt zuin Ausdruck: „Die grundsätzliche Erklärung, welche namens der Landtagsfraktron zn der Interpellation Peltasohn und Genossen abgegeben wurde, fand allseitig Zustimmung. Insbesondere wurde es eiumi"lthig betont, daß seines Glaubens wegenNiemand von einem staatlichen Amt ausgeschlossen werden dürfe, und daß die Verwaltung nicht im Sinne der Trennung, sondern des allmäligen Ausgleichs unter den einzelnen Volksgruppen arbeiten müsse." Noch entschiedener äußert sich in einer Polemik gegen die Antisemiten das maßgebendste Blatt der Partei, die „Kölnische Zeitung". Sie schreibt zu obiger Erklärung: „Gegen diesen für eine liberale Partei, die im nationalen Sinne alle Konfessionen in ihren Reihen vereinigen will, selbstverständlichen Grundsatz verstößt auch nicht, wie mehrfach mißverständlich von den Israeliten angenommen worden ist, das Verhalten derselben bei dem bekannten Antrag Peltasohn. Es handelt sich hier nur um den speziellen Fall des Notariats in Berlin, in dem auch die größte Zahl der Israeliten selbst sich zustimmend zu der Verhinderung der übermäßigen Zahl israelitischer Notare in der Hauptstadt geäußert hat. Die Vereine der nationalliberalen Jugend werden also keine „taktischen Mittel" anwenden, um die Juden von sich fern zu halten; sie zählen vielmehr zu ihren Mitgliedern ganz hervorragende jüdische Kräfte, die der Partei nur zur Ehre gereichen können, und hoffen noch recht Viele in ihren Reihen zu der gemeinsamen vaterländischen Arbeit anfnehmen zn können." Uns kann es sicher nur erwünscht sein, wenn die Nationalliberalen etwas entschiedener als bisher den Kamps für unser gutes Recht gegen Antisemiten und Agrarier anfnehmen. * In einem lesenswertheu Essay über die Frage: „Bedürfen die deutscheil Juden einer Gesamintorgauisation" umschreibt Professor Philippson in der neuen Zeitschrift „Oft und West" die Aufgaben dieser jüdischeil Gesammtorganisation folgendermaßen: Die Gesammtorganisation der Israeliten Deutschlands, ihr Delegirtentag und sein Ausschuß sollen mit allen gesetzlichen Mitteln gegen die Beeinträchtigungen unserer verfassnngsmäßigen Rechte bei der Reichsregiernng, dem Reichstag, den Landesregierungen und den Landtagen ankämpsen. Sie sollen unermüdlich bei jeder solcher Gesetzwidrigkeit ihre Stimme erheben. Sie sollen die hohen Prinzipien des Judenthums in Lehre und Sitte stets von neuem verkündigen und betonen. Sie sollen aus die Presse wirken, öffentliche Versammlungen veranstalten. Sie sollen bei den Wahlen überall, wo ein Erfolg möglich ist, die Frage nach der Stellung des Kandidaten zn der Gleichberechtignngssache erheben. Sie sollen ferner das berufene Organ bilden, mit dem die Negierungen über alle speziell jüdischen Fragen verhandeln können. Die immer wachsende Ausdehnung und Komplizirung der staatlichen Thätigkeit macht ein derartiges Organ dringend erforderlich, und wir wissen, daß in mehreren preußischen Ministerien das Dasein ei lies solch eil lebhaft gewünscht wird. Delegirtentag und Ausschuß sotten bei Abschluß von Handelsverträgen, wie er in kurzer Zeit bevorsteht, darauf himvirken, daß diese keine Ausnahmebestimmungen znm Nachtheile jüdischer Geschäftsleute enthalten. Sie sollen die zersplitterten Bestrebungen zur Förderung von Handfertigkeit, Handwerk, Gartenuud Ackerbau unter den Juden zusammenfassen und einheitlich gestalten — eine um so wichtigere Aufgabe, als aus mannigfachen Gründen der Zwischen- und Kleinhandel immer mehr znrückgeht. Sie sollen endlich den Schlitz der Juden des Ostens nach Kräften übernehmen, regeln und in gedeihliche Bahnen lenken, indem sie sich, namentlich für den eigentlichen Orient, möglichst an! die deutsche Reichsregiernng stützen, deren politischen Bestrebungen man damit entgegen käme. Das ist eine ganze Reihe von Aufgaben, die die Thätigkeit der Organisation und ihrer Vertreter in vollem Maße in Anspruch nehmen würden. Bei dieser Gelegenheit möchten wir übrigens noch besonders hervorheben, daß auch Herr Geheimrath Professor Lazarus seine volle Zustimmung zu dem Projekt ansge-