Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1901)
- Date
- 1901-04-05
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. 14. Allgemeine Berlin» 5. April 1901. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. I Diese ZeituNg erscheint wöchentlich. IAbonnements-Preis: Durch Buchhandel, I Post oder direkt von Her Expedition in Berlin I unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. I Nedacteur r Gustav Karpeles. Begründet von NabLiner Dr. Ludwig Philippfon-Konn Verlags-CrpeLitkon: iöerün, Jerusalemerstr. 48/49. I Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der »„Allgem. Zeitung des Judenthumo", Berlin I 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. ü Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel: Eine Pessachbetrachtnng. — Die Woche. — Brief aus England. Von Red. Dr. I. C h o tz n er. — Brief aus St. Petersburg. — Leliack rni.joäeu! Von Rabbiner Dr. Levy. — Simeon Samuel Frug. I. Von R. Brainin. — Feuilleton: Marhulka I. Aus Böhmens letzten Tagen. Von H. Bork-Steiner. — Die Königsbraut. XIV. Historische Erzählung von Carola Buchheim. — Kitterarische Mittheilungen. Der Gemelndebote. Korrespondenzen und RaGrichtenr Berlin, Könitz, Aus Westpreutzen, Sohrau O.-S., Hannover. Frankfurt a. M., Kassel, Freiburg i. B., Wien, Stockholm. — Bon -tav und Fern. Eine Pessachbetrachtung. Berlin, 2. April. Pessachfest naht, und wir werden es wie stets mit inniger Freude empfangen. Aber wenn wir gleich seinem Kommen mit freudig pochendem Herzen entgegensetzen, so ist uns doch diese Freude getrübt, da es seit einer Reihe von Jahren bei uns erscheint, ohne die Hilfe gebracht zu haben, die wir so heiß ersehnen. Es kehrt bei uns ein, um uns zu trösten und erzählt uns von den Wundern der Befreiung aus Aegypten, und wir warten schon lange vergeblich auf ein Wunder, das die Menschen von ihrem alten Wahn gegen uns, von der Bosheit der grundlos Hassenden befreien möchte. Kaum, daß mit dem letzten Festtage der würzige Odem feiner Trostworte geschwunden, nistet sich wieder von Neuem der Schmerz und die Bitterkeit in unferm Herzen ein. Ist denn aber der große herrliche Pessach zur bloßen leeren Erinnerung herabgesunken, der uns weiter nichts brächte als altersstarre Symbole einer längst entschwundenen Zeit? Schläft vielleicht der tausendjährige Heldengreis an den Ufern des Nil den Schlaf der Ohnmacht, aus dem er alljährlich mit dem ersten Frühlingsstrahl erwacht und nur zu uns herschwebt, um schon nach wenigen Tagen aus sein altes Lager zurückzukehren? Oder ist er vielleicht an seinen ersten übergewaltigen Anstrengungen gestorben, und es kehrt seitdem bei uns nur sein Schatten ein, der, anstatt die gehoffte Rettung zu bringen, nicht selten noch die Veranlassung oder der Vorwand wird, zu den empörendsten, unwürdigsten Verdächtigungen Derjenigen, die gerade darin, womit sie verdächtigt werden, die Reinsten und Lautersten sind? Aber der Kleimnuth macht unfern Sinn stumpf, und die Angst läßt uns Gespenster sehen. Der tausendjährige Pessachgreis ist weder gestorben, noch ist er bom Schlaf der Ohnmacht befallen. Er wirkt noch heute in seiner ursprünglichen Kraft und Rüstigkeit, wie in der ersten Zeit in Aegypten. Ja noch mehr. Was er dazumal beim ersten Sklavenaufstand in Aegypten für das einzelne Volk gethan, das thut er seitdem für viele, für alle Völker auf dem ganzen Erdenrund. Es geschieht nur unter anderen Formen, der Sache nach aber ganz wie dazumal in Aegypten. Nach der Schrift hat den Reigen der Plagen das „Blut" eröffnet. Das entsprach genau de» sozialen Verhältnissen desLandes, in welchem der schärfste Kastengeist die Menschen streng nach dem Blut, das heißt nach der Herkunft, geschieden, wobei daher der Fremde von vornherein als recht- und schutzlos galt. Das Blut in diesem Sinne der Rassen- und Standesunterschiede mit Bezug auf Gesetz und Pflicht. Anspruch und Stellung war durch die Zeitläufte der Geschichte der Völker und Staaten und zum Theil auch jetzt noch in der Gegenwart die Hauptplage, die die menschliche Gesellschaft in ihren Grnudfesten erschütterte und eine endlose Kette von Leid und Mißgeschick über die Länder gebracht, deren Schlnßring wie dort in Aegypten die Plage der „Erstgeborenen" gewesen, indem Throne gestürzt und Tyrannen zu Boden geworfen wurden. Ein ähnliches Schauspiel vollzieht sich jetzt vor unseren Augen seit den Wirren in China auf der weiten Bühne dieses ausgedehnten Reiches. Ist die chinesische Mauer auch schon lange gefallen, so liegt in dein Dünkel, mit welchem dieses Volk sein Reich als das der „Mitte" bezeichnet, als ob es selber der Mittelpunkt der Welt und alle anderen Völker rings um dasselbe blos seine Trabanteil und Diener wären, eine weit dichtere, weil geistige Mauer, die alles Fremde unter den Menschen als unebenbürtig völlig ausschließt. Der Haß gegen das fremde „Blut" ist in China zur verhängnißvollen, erschütternden Plage geworden. Und so ist dieses jetzt zerrüttet, verarmt, ohnmächtig und von tausendfachem Elend bis ins innerste Mark getroffen. Seine Herrscher sind gebeugt und die verhängte Plage des Sterbens seiner Großen und Vornehmen bezeichnet die tiefste Ohnmacht und Demüthigung dieses einst so stolzen Reiches. Auch dort unten im dunklen Erdtheile schlagen Völker grimmig auf einander. Sie haben bereits bis zu gegenseitiger Erschöpfung ihrer Kräfte und Mittel gerungen. Auf beiden Seiten ivird im Namen des unterdrückten Rechts mit Bitterkeit gekämpft. Immer ist es aber der allbezwingende Geist des Menschenrechts, der wie die langeingepreßten Flammen des Vesuv hervorbricht und alle Zwingburgen menschlicher Gewaltthätigkeit, die in Form von engherzigen Gesetzen und Verfassungen weite Völkerkreise beherrschen, zerstört, um an ihrer Stelle den hehren Tempel der wahren gesitteten Menschenkultur aufzurichten. Daran erkennen wir, daß der alte grvße Pessachgeist, der nichts anderes ist als die unentwegte Gerechtigkeit und sittliche Freiheit i» der Geschichte der Menschheit,