Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1901)
- Date
- 1901-03-29
- Page
- Seite 156 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Kronele. Eine Erzählung von Alexander Weill. xvm. erbet konnte nur sechs Wochen im Elsas; bleiben. Die Heirath der beiden Schwestern ging daher rasch von > statten.! Mit Kroneles Gesundheit ging es immer besser, und gleich! nach der Heirath entführte sie ihr Gatte, nur mit ihr seiner! vom Alter gebeugten Mutter einen Besuch abzustatten.! Elias und Kronele hatten sich verabredet, der Mutter Reich! eine Ueberraschuug zu bereiten, und sie ganz allein nach! Straszburg kommen zu lassen. Kaum befand sich daher! Kronele in dieser Stadt, so schrieb sie folgenden Brief an ihre! Mutter: „Vielgeliebte Mutter!! Seit sechs Wochen fühle ich das Bedürfnis;, mein Herz in das Deinige zu schütten; aber ich bin nicht nur sehr ungeschickt, meine Gedanken durch Worte mitzutheilen, auch unsere Be- > jchäftigungen haben uns wenig Zeit übrig gelassen. Und dann! verging ich fast vor innerer Freude, während Dil welliger > glücklich schienst. Mein lieber Mann, der zu starke Empfindungen meiner Gesundheit für schädlich hält, hat mich so zu sagen aus dem elterlichen Hause entführt, um uns Beide dem peinigenden Schmerz des Abschiedes zu entreißen. Ja, es ist! mir unmöglich, an unsere Trennung zu denken ohne ein Herz-; erdrückendes Gefühl, das zuweiten mich zu bewältigen droht.! Jeden Tag frage ich mich, wie es möglich sein konnte, daß! ich Dich zehn Jahre lang so ganz verkannt habe. Denn ich ehrte Dich wohl, aber ich liebte Dich nicht recht. Als Dil Dich aber plötzlich mir in Deinem Glanze offenbartest, da schien es, als hätte ich bis jetzt nur die Schale Deiner Seele gesehen, die sie so rein erhalten hat. Vor Deinen Knien, heißgeliebte Mutter, und Deine Hände küssend, flehe! ich Dich uiii Verzeihung, daß ich Dich so lange verkannt habe.! Denke Dir jetzt meinen Schmerz, Dich verlassen zu müssen!! Ach, ich habe viel Thränen um Elias vergossen, aber ich weine nicht weniger, wenn auch im Stillen, um Dich. Ich sage, im! Stillen, denn mein Manu, der alles thut, um mir den geringsten Schmerz zu ersparen, könnte sich wohl entschließen, im Elsaß zu bleiben und seine schöne Zukunft irr Afrika-meinetwegen aufzugeben. Freue Dich, liebe Mutter, Deines Glückes. Nicht allein sprechen wir immer von Dir, denken wir immer all Dich und werden für Dich arbeiten, sondern der Ruhm meines Gatten lst für Dich allein. Tu bist das Band unserer Herzell, unsere Kinder werden Dich lieben und verehreil. Sobald der Allmächtige es erlaubt, kommen wir zu Dir zurück, um uns zu lieben in Deinem Herzell, so frei von Sünde, um mit Dir zu leben und zu sterben. Ich habe Dir noch nicht alles gesagt. Morgen schreibe ich Dir wieder, um Dir den Tag zu bestimmen, wo wir Dich erwarten, um acht Tage ganz allein mit Dir zu verbringen. Deine glückliche, zärtliche und erkenntliche Tochter Kronele." Kronele schickte den Brief noch all demselben Tage ins Dorf. Sie wollte den anderen Morgen einen zweiten schreiben, als ihre Mutter selbst in das Zimmer trat, ihrer Tochter in die Arme fiel und zu ihr sagte: „Kinder, ich lebe nur seit gestern und habe jetzt erst Lnst zum Leben' - Thränen erstickten ihre Stimme. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. „Mutter," sagte Elias," trocknen Sie Ihre Thränen. Jedes Ihrer Worte ist für uns ein Gebet." „Ich habe nur einen Wunsch," sagte sie. „Ich möchte mit Euch nach Afrika ziehen. Ich habe me gelebt, ich suhle nur erst mein Wesen, seit ich den Brief von meinem Kronele gelesen, den ich hundertmal gelesen, der hier auf meinem Herzen ruht, und den man mir ins Grab legen muß. Ihr lagt mir, Kinder, ich habe ein Herz. Ich weiß nicht, was Ihr damit sagen wollt. Mein Leben ist voll Schmerzen und Entbehrungen gewesen. Wie Du, Kronele. fühle ich mich nur glücklich in dem Glück eines andern Geschöpfes. Aber ich bin noch nicht zu alt, um nichts mehr zu lernen. Die Jahre, die Gott mir noch schenken wird, ich will sie Euch widmen. Hört mich an. Mamele weint sich zu Tode, seitdem Elias das Hans verlassen. Das Kind will auch etwas lernen. Leon und Heva bleiben vorerst im Hanse und werden, wie ich hoffe, immer im Dorfe bleiben. Der Vater wünscht auch seine alten Tage mit Euch zu verbringen. Mein Sohn und meines Sohnes Frau, sagt er, werden mich nie so behandeln wie Elias und Kronele. Ich habe daher beschlossen, Euch den Vorschlag zn macheil mich und Mamele mit Euch nach Afrika zu nehmen. Ihr habt von uns nichts zu fürchten; wir sind reich genug. Ich verlange von Euch nur die Gunst, Eure Kinder zu erziehen und mein Kronele zu pflegen. „Auf die Knie, Kronele!" sagte Elias, der selbst ein Knie beugte. „Deiner Mutter gegenüber sind wir nur kleine Wesen. Sie allein weiß, was Liebe ist, sie allein ist groß." Und seit diesem Augenblick versprachen diese drei Herzen, sich nie mehr von einander zu trennen. Litterarische Wittheilungen. --- Eine neue Bibelübersetzung ui,mul immer ein erhöhtes Interesse in Anspruch. Die Klage, das; wir noch immer keine gute, d. h. ebenso wortgetreue wie lesbare llebersetznng der heiligen Schrift besitzen, die ein Hausbuch der jüdischeil Familie werden könnte, ist eine alle und berechtigte. Wir begrüßen deshalb ein neues Unternehmen, das diesem Uebelstand abzuhelfen sich bemüht, mit aufrichtiger Freude. Es ist das eine vollständige N ebersetz n ng der heiligen Schrift auf durchaus traditioneller Grundlage, aber mit allen Hilfsmitteln der modernen Wissenschaft, die Dr. S. Bern seid als Frucht jahrelanger Arbeit soeben im Verlage von S. Calvarh Eo. in sehr guter handlicher Ausgabe erscheinen ließ. Die Nebersetzung ist deutsch' das ist scholl ein Vortheil gegenüber anderen nicht nur jüdischen, sondern auch protestantischen Bibelübertragungen, die eben nicht immer deutsch sind; sie ist eine sinngemäße und dem Originaltext genau entsprechend. Vorall geht eine gute orientirende Einleitung, die einen allgemeinen Umriß über die Entstehung der Bibel den Lesern bauet, wie auch üben den Text des biblischen Schristthums, über die Uebersetzungen und Kommentare bis ans die Neuzeit Rechenschaft giebt. Bernfeld hat sich zumeist streng an die Massora gehalten, der wir es allein zu verdanken haben, daß wir einen ordentlichen Bibeltext besitzen; er weicht also all keiner Stelle vom Wortlaut ab, sondern folgt treu den massoretischen Vokalen nnd Accenten. Selbst in der Aussprache der Eigennamen hat er sich an die Tradition gehalten und nicht die Umschreibung der Septuaginta angenommen, was wir in Rücksicht ans den Zweck des Buches nur billigen können. Seine Uebersetzung ist, wie schon bemerkt, sinngemäß und wortgetreu ohne sklavisch dem Buchstaben zu folgen. Auchist es ihmgelnngen, schwere, ja bisher säst unverständliche Stellen vollständig zn erklären. Wir verweisen nur aus die Uebersetzung von Kapitel 6 Vers 13, Kapitel 9 Vers ö in Jesaja und könnten die Zahl dieser Stellen noch ansehnlich vermehren. Ein abschließendes Urtheil über das ganze Werk mag nach Vollendung des Merkes einer besonderen sachgemäßen Beurtheilnng Vorbehalten werden. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.