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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-29 · Heft 13 (29.3.1901) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 13 (29.3.1901)
Date
1901-03-29
Page
Seite 155 (sequence 13)
Language
German
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155 „Was giebt's?" rief der König den jetzt Eintretenden zu, „weshalb verlangt Ihr mich zu sprechen?" Ans der Reihe der Edlen trat der greise Kanzler hervvr, »nd dem Könige eine Pergamentrolle überreichend, sprach er in tiefernstem Tone. „Leset, Herr König, welche Botschaft Euch der Russe sendet." Boleslao hatte die Nolle entfaltet, und nachdem er einen Blick darauf geworfen, reichte er sie dem Kanzler hin. „Leset es uns vor, Herr Graf," sagte er, „es ist von dem Großfürsten Wseslav von Pvlotzk; was will er von mir?" Der Kanzler hatte zu lesen begonnen, und jetzt wurde der König aufmerksam, und den Kopf vorgeneigt, horchte er nach dem Vorlesenden hin. „Höll' und Teufet!" rief plötzlich Boleslav, indem er sein Schwert auf den Boden stieß. „Was, der erbärmliche Russe lvagt es, mir den Fehdehandschuh hinzuwerfen? Nun wohlan! Ich will ihn aufnehmen, und wahrlich, ich will den heidnischen Hunden zeigen, was meine Polen vermögen. Wie! Er wagt es, mir, dem Pvlenkönige, etwas vorzuschreiben? Verlangt, daß ich Kiew verlasse, daß ich mich der Rechte freiwillig begebe, die ich mir angeeignet? Daß ich die Grenzen meines Reiches noch bis ins Russenland hinein ausdehne, fürchtet der feige Hund? Nun denn, so sei's! Und wir, ich Boleslav, König von Polen, und Ihr, Ihr Edlen Alle, wir »vollen ihm auf seine Kriegserklärung mit blutigen Lettern antworten! Kommt, folgt mir! Es gilt Polens edler Sache!" Er hatte in heiliger Begeisterung gesprochen, und der feurige Muth ihres Königs wirkte auf die Anwesenden wie zündende Fnnken; nur Einige unter ihnen blieben stumm und enthielten sich der lauten Zustimmungsrufe der Anderen. „Nun, Ihr schweigt, Graf Jaromir, und Ihr auch Herr Kanzler, und Ihr? Ihr seid nicht gleichen Sinnes? Und wart doch stets unter den Ersten, wenn es galt, in den Kampf zu ziehen." „Verzeiht, Herr König," nahm Graf Jaromir von Roder das Wort, „verzeiht, wenn des Alters träger Sinn sich mit Eurem Feuergeiste nicht messen kann verzeiht - aber ich rath Euch, Herr, nehmt die Kriegserklärung nicht an." „Ja, schickt friedliche Boten an den Russen," fiel hier der Kanzler ein, „und versichert ihm. daß es Euch ferne sei, Euer Land nach Rußland hin auszudehnen. Ihr seid zufrieden mit dem großen Polenlande und könnt's auch sein." „Mich dürstet's nicht nach russischen Landen," unterbrach ihn der König, „nur züchtigen will ich ihn. den Frechen, der es wagt, mir Vorschriften zu machen!" „Der König weiß wohl, was sich ziemt," warf hier Wladiwoy ein. „Und an Euch wäre es, Herr Graf, den König in seinem Entschlüsse zu befestigen, und nicht, wie Ihr es thnt, ihn davon abzubringen." „Hört nicht auf die Rathschlüge des Kanzlers," riesen Einige ans der Versammlung, „und des Rodecers, sie sind alt. und ihnen ziemt's, beim warmen Herde zu sitzen, statt das Schlachtroß zu besteigen." Ein Ruf entrang sich jetzt den Kehlen der versammelten Ritter, sie erhoben die Schwerter, und diese über den Häuptern schwingend, riefen sie: „Wir gehen mit unserem Könige! Wir ziehen gegen die Russen! Tod und Vernichtung den Feinden Polens!" „Ihr seht's, Ihr edlen Herren und Grasen," sagte der König, auf die von Kampfeslust erregteil Ritter weisend. „Wseslav falle! Tod und Verderben dein Feinde unseres geliebten Königs!" rtz * * Recha war des anderen Abends schon zeitig zur Stelle gewesen, an der sie den Geliebten wieder treffen sollte, sie hatte kaum des Vaters Gang in die Synagoge abwarten können, und schon eilte sie hochklopfenden Herzens hinaus, dem theuren Könige entgegen aber er kam noch nicht, und erst als Recha einige Minuten mit banger Erwartung seiner geharrt, da kam er auf demselben Wege, den er das erste Mal genommen. Recha flog auf ihn zu, und sich an seine Brust »versend, lachte und scherzte sie und liebkoste ihn und küßte immer wieder seine Lippen und Hände, doch Plötzlich trat sie von ihm zurück, und jetzt erst bemerkte sie den Ernst, der sich ans seinen Zügen gelagert hatte, und ängstlich forschend blickte sie ihm ins Antlitz. „Was ist Euch?" flüsterte sie bebend, indem sie sich an ihn schmiegte und ihm in das gedankenvolle Auge sah, „was inacht meinen geliebten König heute so stumm und traurig?" „Recha, mein süßes Mädchen, wappne Dich mit Muth und Gottvertrauen, denn Schweres ist's, das ich Dir bringe." — Sie war bleich geworden, lind ihre Augen hingen in fieberhafter Erwartung an seinem Munde. „Mein Mädchen, fasse Dich, es gilt heute Abschied zu nehmen - ich muß Dich verlassen . . . ." Ein Schrei des Entsetzens entrang sich ihrer Kehle, und laut aufschluchzend sank sie zu seinen Füße» hin: mit ihren zitternden Händen umklammerte sie seine Knie, und heiße Thränen rannen ans ihren Angen und benetzten seine herabhängenden Hände. „Verlaßt mich nicht, mein König," flehte sie mit herzzerreißenden jammervollen Tönen, „verlaßt mich nicht - ich müßte sterben!" Der König hatte sie erhoben, und sie an seil» leidenschaftlich klopfendes Herz drückend, suchte er sie zu beruhigen, ihren herben Schmerz durch tröstende Worte zu lindern. „Ich muß, Recha! Es gilt meinem Volke, Polens Ehre! Ich mnß in den Kampf ziehen gegen Wseslav von Pvlotzk . „In den Krieg!" schrie sie aus in wahnsinnigem Entsetzen, „und wenn Ihr nicht mehr zurnckkehrtet, wenn Ihr verwundet würdet!" „Fürchte nichts, mein Lieb! Ich kehre zurück." „Geht nicht in den Krieg," stehte sie mit angstvoll auf ihn gerichteten Augen, „verlaßt mich nicht! Ich müßte sterben!" „Du wirst leben und mich lieben, Recha. — aber ich muß! Ich muß. Und glaub mirs, Theiire, daß mein ganzes Herz zurückbleibt bei Dir, bei meinem heißgeliebten Mädchen!" Er küßte ihr die Thränen ans den glänzenden Augen, mid sie hielten sich innig umschlungen. Ein heiserer Laut kam von seinen Lippen: „Sei stark, meine Recha!" Gewaltsam riß er sich los, und ohne sich nmzuwendeii, war er der Malier zugegangen, sie aber war ihm nachgeeilt, und bohrte ihr dunkles Auge nochmals tief in das seine, dann fuhr sie mit der Hand über das geliebte Antlitz: „Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs segne Dich und geleite Dich ans Deinen Wegen und sichre Dich z»m Siege!" lTortj. folgt.)

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