Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-29 · Heft 13 (29.3.1901) · p. Seite 153

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 13 (29.3.1901)
Date
1901-03-29
Page
Seite 153 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228433--57411-3293786
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

153 Plötzlich kam der älteste Sohn von Leisers Sohn, der eine Weilc draußen gewesen war. mit einem heillosen Jammergeschrei, das die ganze Leidenschaftlichkeit des jüdischen Naturells ausdrückte, zur Stube herein und brachte in einem Augenblick die ganze Familie in Mitleidenschaft und Alarm. Des Großvaters alter Kater war seit einigen Tagen vermißt worden, und jetzt hatte ihn der Enkel in der Sandgrube am Hanse gefunden, er war da verschüttet und erstickt. Wir gingen Alle mit dem betrübten Alten zu dem Orte, wo sein alter Liebling umgekonnueu war. Das arme Thier hatte sich im Todeskampfe beide Pfoten auf die Augen gedrückt, und machte in dieser Gestalt fast den Eindruck eines mit Vernunft verendeten Geschöpfes. Der alte Jude wischte sich die Augen, und die Kinder jammerten laut. Der Onkel versprach ihnen Hunde und Katzen und alles Mögliche zum Ersatz, und Agnes — meine Braut — schenkte ihnen sofort, ich weiß nicht was. . . Der Onkel sagte dann auf dem Rückwege zu uns: „Ich kann nicht ansdrücken, wie mir diese kleinen Scenen und der ganze Besuch initgespielt habet!. Ich erfahre immer wieder, daß eben der arme Mensch mit ganzer Seele seinem armseligen Besitzthum und seiner Familiehingegeben ist. Ja,Armseligkeit isteiu siuuschweres,heiligesWort! Diese armen Juden beklagen ihre todte Katze wie einen Kameraden, der sie auch in Wirklichkeit war, und in der Residenz fand ich mal einen todten Kanarienvogel fühllos ans den Kehrricht hinausgeworfeu; ich forschte nach, der Vogel gehörte gebildeten und vornehmen Leuten. Diese armen Betteljuden hätten ihm sicherlich ein feierliches Begräbniß bereitet! Zeit seines Lebens stand Bognmil Goltz, obschon er ün > Großen und Ganzer: ein einsamer, stiller Denker war, mit hervorragenden Juden in regem brieflichen und persönlichen! Verkehr. Besonders freundschaftlich waren seine Beziehungen! zu Aron Bernstein, dem Dichter von „Vögele der Maggid", und „Mendel Gibbor" und Leitartikelschreiber der Berliner „Volkszeitung". Dieser war es auch, der Franz Duncker, den! Verleger der „Volkszeitung", vercmlaßte, Bognmil Goltz Buch. „Der Mensch und die Leute", worin der Verfasser in glänzender Weise die Alltagsphilosophie verfocht, zu verlegen - und Goltz konnte diesen Freundschaftsdienst Bernstein nie vergessen.! Ebenso verlegte Dnncker auch die zweite Auflage des berühmten! Goltzstchen Werkes: „Das Buch der Kindheit".! Ebenso verkehrte er intim mit Ferdinand Lassalle! dessen geniales, stürmisches und vulkanisches Temperament! ihn: kongenial und sehr sympathisch war.! Ehre und Ruhm dem Andenken des edlen Mannes,"^dessen! Seele, obschon er ein Satyriker war, von Liebe für Gott und! Menschen erfüllt war, und der deshalb auch überall Liebe ausstrahlte! Von ihm rührt das schöne Wort her: „Das .Gewissen sagt uns, daß die Welt doch zuletzt durch Liebe, Tugend und Wahrhaftigkeit bezwungen wird." Nachträgliches zu Goethe und die Juden. Von Professor Tr. Ludwig Geiger. HlgrN Weimar erscheint seit 1886, seit der Erschließung des Goethe- und Schillerarchivs, eine monumentale Ausgabe von Goethes Werken. Sie enthält mit Zugrundelegung des unendlich reichen handschriftlichen Materials des großen Dichters alle seine Werke. In diese Sammlung sind auch diejenigen Abtheilungen ausgenommen, die bisher in allen Ausgaben fehlen: Tagebücher und Briefe. Von dem Neichthum dieser beiden Abtheilungen macht sich der Fernstehende keinen Begriff. Selbst die Gebildeten, die Goethes Briefwechsel mit vertranten Freunden, hochstehenden Männern und Frauen, z. B. Schiller, Knebel, Zelter, Boisseree, Großherzog Karl August, Charlotte von Stein, Marianne von Willemer um nur die bekanntesten Namen zu nennen besitzen oder gelesen haben (beides bedeutet ja in Deutschland nicht dasselbe), werden nicht ahnen, daß schon jetzt in diese Sammlung 6609 Briefe ausgenommen sind. Wird die Ausgabe fertig sein, so wird sie gewiß, da die letzter: 19 Lebensjahre ungemein reichhaltig sind, weit über 10 000 Briefe umfassen. Von diesen Briefen, bei denen nicht etwa die von den: Dichter erhaltenen, sondern nur die von ihm geschriebenen zürn Abdruck gebracht werden, ist in den letzten Tagen des vergangenen Jahres der 23. Band erschienen, der nur den Briefen aus fünfviertel Jahren von Mai 1812 bis August 1813 gewidmet ist. Er eickhält manches, was auch die Leser dieser Zeitschrift interessireu wird. Unter den 284 Briefen des Bandes waren 126 bisher ungedruckt; von der: Letzteren sind 9 an Juden gerichtet. Die Adressaten waren auch schon früher als gelegentliche Korrespondenten Goethes bekannt. Es sind Simon und Leopold Edle von Lämel und David Friedlaender. Nicht etwa jüdische Angelegenheiten sind es. die Goethe mit den Genannten bespricht. Die Ersteren sind die Chefs eines großen Handelshauses. Daß Goethe mit ihnen in Beziehung stand, wußte inan schon früher. Im 11. Bande des Goethe- Jahrbuchs (1890) sind fünf Briefe an die Genannten 9. Mai lüs 12. September 1812 — veröffentlicht, denen sich die nunmehr publizirten aus den Jahren 1812 und 1813 in Inhalt und Form anschließen. Es sind Bitten des in den österreichischen Bäder:: weilenden erlauchten Kurgastes, ihn: Geld und Wein zu besorgen, in achtungsvollen: Ton vorgetragen, mit manchen Höflichkeitsphrasen begleitet. Wenn Goethe ii: den früher bekannten Briefen zum Dank für manche Gefälligkeit die „Wahlverwandschaften" schickte und :n das Epemplar eine handschriftliche Widmung hineinschrieb, so erklärte er sich in den nun mitgetheilten bereit, während einer beabsichtigten Reise in de::: „vortrefflichen Lämelschen Hanse" zu wohnen — die Bekanntschaft des Chefs zu machen, hatte er sich schon früher begierig gezeigt - mußte aber zu seinen: Bedauern später auf den ganzen Plan verzichten. Auch daß Goethe mit David Friedlaender Beziehungen unterhielt, war schon früher bekannt. Doch spielten dabei keine geschäftlichen Rücksichten mit. David Friedlaender war ein bekannter Sammler, der, unterstützt durch seinen kunstsinnigen Sohn, manch schönes Stück an sich brachte. Da er nun mit dem Berliner Musiker Zelter, dem intime:: Freunde Goethes, gut bekannt war, so ließ er werthvolle Bronzen- oder Marmorwerke, 1812 eine Bacchus-Herme, an Goethe gelangen, theils um Aufklärungen über Werth, Alter und Bedeutung solcher Kunstwerke seitens des großer: Kenners zu erhalten, theils um von ihn: andere Stücke, besonders Münzen, einzutauschen, lieber solche Kunsttauschgeschäfte handeln zwei zürn ersten Male abgedrnckte ausführliche Schreiben Goethes: das eine (4. Januar 1813), in dem Goethe das ihm überlassene Marmorwerk eingehend erläutert: das andere (15. Januar», in dem er als Gegengeschenk 12 schöne Münzen und einen Kupferstich übersendet und diese Gegengabe ausführlich erklärt. Der Enthusiasmus, mit dem die beiden in den Sechzigern stehenden Herren trotz aller Sachlichkeit von ihren Schätzen reden, ha; etwas Rührendes an sich. Auch mit mehreren (getauften) Jüdinnen stand Goethe damals in brieflicher und persönlicher Verbindung. Die Briefe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.