Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1901)
- Date
- 1901-03-29
- Page
- Seite 152 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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152 Bsgumrl Goth und dtt Juden. Bon Dr. Adolf Kohnt. LI. och viel rührender und erschütternder ist die Erzählung Bogunül Goltz's von einem Besuch, den er einst in Gesellschaft seines Onkels und seiner Braut bei dem armen alten Leiser aus Carlshof, dem Pflegebefohlenen feiner Verlobten, und dessen Sohn abgestattet hat. Am Ende eines Dorfes in der Nähe Thorns gab es zwischen Lehm- und Sandbergen ein wüstliegendes und schwer nutzbar zu machendes Land. Dort hauste der alte Jude Leiser mit seinem Sohne. Er hatte sich vom Onkel unseres Humoristen eine Baustelle und einen halben Morgen als Gartenland erbeten, und da der blutarme „Pindeljnde" wegen seiner gutmüthigen Witzrepliken und seines unzerstörbare>l Humors überall bekannt und beliebt war. erfüllte der reiche Onkel den Wunsch Leisers. Dieser hatte den Muth, hier lvährend des Anfangs der Herbstzeit mit zwei Armen und der schwachen Beihilfe seiner Familie, voll allen Geldmitteln entblößt, gleichwohl eine Hütte für den Winter zu bauen, da man ihn seiner notorischen Armuth und seines bettelhaften Auszugs wegen nirgends als Miether oder nur als Einleger aunahm Der Hilflose hatte sich zu diesem Zwecke im Schweiße seine» Angesichts Steine von den Feldern zusammengekarrt, Lehmziegeln gestrichen, voll befreundete,l Bauersleuten ein paar Mandel Strohgebinde, einige alte Bretter und Stangen zusammengebettelt, auch ein altes Kammer, oder Mistbeetfenster acquirirt. Es fehlte ihm nur noch an zwei Thüren für Hausflur und Stube und an einem alten Kachelofen. dann stand das Haus so gut wie fertig da, vorausgesetzt, daß der Aermste Geschick und Zeit hatte, es wirklich vor dem Winter znsammenzubauen. Im dritten Band seilles köstlichen Werks: „Ein Jugendleben" hat unser Alltor diesen interessanten Besuch auf „Schloß Leiser" geschildert, und gelviß werden unsere Leser seil,er Darstellung mit Ergötzen folgen. „Der Onkel," so erzählt er u. a.. „eil, Menschenfreund ganz und gar, liebte die Juden um ihres Schicksals, ihres Wesens, ihrer tragischen Weltstellung und ihrer heiligen Geschichten willen. Altgläubige, altväterische, mit Sack und Pack durch die Landschaft und Fremde pilgernde Juden mit langem Stabe und patriarchalischer Lebensart waren daheim seine Lieblinge, aber nie in dem Sinne, daß er sich einen schlechten oder profanen Spott und Spaß auch in der Redensart gegen sie erlaubt hätte. Nichtachtende Behandlung und ein Hänseln und Aufziehen selbst des beschränktesten und elendesten Menschei, war seinem heiligen Gewissen ein Gräuel. Er aber hielt die Juden schonum ihrer ProPheten. Richter n n d S ch icksale willen für das merkwürdigste und begabteste Volk der Erde und ihre Litteratur und Geschichte für die s i nu - u n d b e d eu t ung sv ol l st e derWelt für eineSymbolik aller Zeiten, für eine göttliche Allegorie wie keine andere mehr. Als nun Leisers Sohn aus allen Leibes- und Geisteskräften früh lind spät, eine». Tag wie den andern, über die Beschaffung des Baumaterials her ,var. als er so in der Hitze, im Hemde und unter Gottes blauem Himmel, Lehm hackte und knetete und Ziegeln strich und Weib und Kinder dem im Schweiße zerfließenden „Tate-Leben" das Wasser zutrugen und die geformten Ziegeln zun, Trocknen aufstellten und alle Handreichungen leisteten und gleich ihrem Ernährer und Erzeuger über das Maß ihrer schwachen Kräfte bei Schwarzbrod und Kartoffeln arbeiteten bis zur gänzlichen Erschöpfung, da war der arme Jude mehr wie ein Bettler und mehr wie ein Arbeiter, da erinnerte er an Adam, an die Geschichte seines Volkes, an die Ziegelstreichenden Juden in Egypten, da wurde er eine symbolische, eiuhistorische und poetische Person, eine das Gewissen mahnende Gestalt durch und durch. Der Onkel, der die Judenwirthschast mit der herzlichsten Theilnähme und Aufmerksamkeit verfolgte, hatte bereits vom ersten Augen blick an seine Beihilfe beschlossen. Er wußte und berücksichtigte zugleich, daß nichts süßen will im Menschenleben, was ihm nicht gesäuert hat. und wie nur dasjenige Segen und Genngthnung bringt und sich erhält, was mit herlicher Thätigkeit, mit höchster Krastanstrerigung und andauernder Sorge gewonnen und zu Stande gebracht worden ist. Er temporisirte also den ersten Monat mit seinem weichen Herzen, dann erbarmte ihn aber des armen Mannes Mühsal, Muth und Arbeitsamkeit bis zu Thränen. Er gab ihm Hilfsarbeiter, Brod nnd alles nöthige Baumaterial, auch eiue milcheude Kuh „nt dem Futtervorrath für den Winter; er füllte auch den Erdkeller und die Kammer mit Speisevorräthen für die Menschen und gab ganz zuletzt erst guten Nath mit wohlfeilen Worten, der sonst überall zuerst depensirt zn werden Pflegt. Als die armen Leute so zu essen und zu triukeu hatten, als sie das Ende und Gelingen ihres Unternehmens ersahen, arbeiteten sie mit einem Dankeseifer, einer Freude, einem Jubel, daß es eine Lust anzusehen war. Der Urheber ihres Glücks nahm natürlich bei jeder Gelegenheit seinen Spaziergang zu seinen Schützlingen hin. Ich selbst verfolgte die Einrichtung der armen Familie nicht minder theiluehmend wie der Onkel und hatte nach Kräfte,, für die Bekleidung der Ansiedler gesorgt.... Vor der ueugegründeten Wirthschast augekommen, sandeu wir Leisers Sohn, wie er bemüht war, von einem großen Kiefernstubben Splitter und Spähne zu machen, wiewohl ihm bei der Arbeit diesen Augenblick der Athem ausgegaugeu schien. Wir folgten der dringenden Einladung des Wirthes, einzutreten „in sein schlechtes Haus, aber es müßte genannt werden ein gutes Haus und das beste Haus der Welt, da es wäre von mildigliche Gaben und lauter gute Herzen anserbaut." Ju der allerdings erwärmten, aber dunstigen Stube fanden'wir den alten Leiser und die junge Schwiegertochter mit einem säugenden Kinde auf der Ofenbank neben den, Herdfeuer sitzen, und dabei drei oder vier kleine Kinder in bloßen Hemdsragmenten und Lumpen um die Mutter herum. Die Mobilien bestanden in einer alten sogenannten Ansziehbettstelle, in welcher die ganze Familie eventualiter auf Stroh und mit einem unbeschreiblichen Federsack oder Elend sprechenden Bettphantom zugedeckt schlief; dann in ein paar viel umhergestoßenen Familienmemoiren und Armuthszeugnisse verschließenden Koffern, in ein paar Schemeln und Stnhlkrüppeln, die nicht aus der Nolle fallen, obschon sie kaum stehen konnten und sich daher gern das Sitzen gefallen ließen, wie Leisers Witz bemerkte; endlich in einem Tische, der nichts weniger als pro forma dastand, da er das Küchen und Kleiderspind und zugleich das Geschäftsbürean auf einem und demselben Plan zu übertragen schien. Aber von der Stube »decke hing ein kleiner e införm iger M essingleuchter für die Schabbesfeier herab; der einzige luxusähnliche Gegenstand galt also Gott dem Herrn. Der alte Vater, ein ehemaliger Schullehrer und verarmter Krugpächter, hatte sich jetzt bei dem Sohne ins Leibgedinge begeben. Er war von schwachen Augen, einer etwas tremolirender Stimme und ein schneeweißer Patriarchenbart floß ihm über den zerrissenen Kaftan herab. Als er uns au der Stimme erkannte, trat er uns mit der feierlichen Willkommensformel: „Boruch habo!" entgegen, indem er hinzusetzte: Jetzt wird mein Sohn Hösels sagen: „Heil ist meinem Hause widerfahren, weil der Wohlthäter ist über die Schwelle getreten zu dem Herde, den sein Mitleid gegründet hat. Gottes reichlicher Segen auf das ganze Haus dessen, der meinen Kindern und Kindeskindern ein Obdach gebaut und Nahrung gegeben hat!" Wir hatten dann viele Noth, uns den Dankesbezeigungen des Vaters, des Sohnes nnd dessen Frau zu entziehen, zn welchem noch die Kinder hinzukamen, indem diese uns um die Füße fielen, wie dies überall in ganz- oder halbpolnischen Landen Sitte ist. Es war aber keine Komödie und bloße Cerernonie. denn die Frau schluchzte laut, der Großvater murmelte ein Gebet, und der Sohn machte keine Witzreden. Ich und meine Braut hielten uns tief ergriffen umarmt, und der Onkel kniff die Lippen und Augen zusammen, als wenn er Zahnschmerzen verbeißen wollte, und sagte zuletzt in seiner Angst vor ferneren Rührungen und Szenen: „Mein Gott, Kinder, das sieht hier noch verzweifelt wüst und unbequem aus. Die Kinder haben ja keine Kleider aus dem Leibe, und bevor die Wände ganz durchtrocknet sind, müßt Ihr ja alle von dem Dunst ganz krank geworden sein. Es geht Euch doch gar zu schlecht! Warum habt Ihr denn nichts gesagt? Man hätte Euch ja wohl noch ein bischen Betten, Kleidungsstücke und Geräth angeschafft. Ihr seid ja leider Gottes von allem entblößt, was zur Leibesnothdnrft nnd Nahrung gehört!" ....