Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1901)
- Date
- 1901-03-29
- Page
- Seite 151 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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M. starb, runden Heimgang braver Niederländer, Männer oder Frauen jüdischen Glaubens, konstatiren zu können. Am sausenden Webstuhl derzeit reißt täglich bald hier, bald dort der Faden eines, wer weiß wie theuren Menschenlebens, aber die weitere Oeffeuttichkeit vermag nur ausnahmsweise einen Augenblick dabei zu verweilen. Daß der verhältnißmäßig früh Dahingeschiedene Bellemau ein Muster treuer Pflichterfüllung gewesen ist, und daß zum Zeichen dafür die Brust des pensiouirten Seemannes und nachmaligen Hauptwärters der Pulvermagazine auf Wierittgen manch selten verliehener Orden geziert hat, berichten hiesige Blätter mit einem Ehrensalut für den Todten. Das Ausland indes; dürste folgende Episode aus seinem Leben mehr interessireu: Vor mehrereil Jahren, als das Kriegsschiff, auf welchem er mit seiner Familie sich befand, im heimischen Hafen von Niewendiep vor Anker lag, ward ihm ein Sohn geboren. Strammer Militär und gleichzeitig guter Jude, der er immer gewesen ist, rapportirte Belleruau dem Schiffskommandauten seinen Familienzuwachs und bat um die Erlaubnis;, das; der Akt der Beschneiduug an Bord statthabeu dürfe. Nachdem dies ohne viel Federlesens genehmigt war, wurden Mohel und Minjan aus der Stadt eingeladen. Einige Offiziere aber ließen es sich nicht nehmen, die erschienenen Gäste in der liebenswürdigsten Weise zu empfangen und die Honneurs währzunehmen bei dem für ein Kriegsschiff so seltelunl jüdischen Feste. Daß die Wogen der Nordsee drob Entrüstung gezeigt and vor Unnluth anfgebraust hätten, hat nicht verlautet! Im Gegentheil, wenn man an die unbestreitbar friedfertige and in Glaubellssachen tolerante Gesinnung von Fürstenhaus und Volk, ill diesen niedrig liegenden Landen des „deutschen Meeres" denkt, möchte man fast zu der Allsicht kommen, daß Wellen, Wind und klimatische Verhältnisse hier mildernd und beschwichtigend auf Nerven und Temperament der Menschen eingewirkt haben. An gewissen in die Angcu fallenden Schattenseiten, die einem Theil der jüdischen Bevölkerung, ihren Einrichtungen und Gebräuchen noch ailhaften, Gebrechen besonders wirthschaftlicher Art, deren Ursachen ein ander Mal erörtert werken sollen, gehen llnserechristlichenAtitbllrgerllliterfreulichelll Gleichmuth vorüber. Andersgläubige groß ere r Länder haben sich,in dieser Hinsicht oft kleiner gezeigt! Die niederländischen Inden können und werden es niemals vergessen, daß die ersten Ankömmlinge unter ihren von der iberischen Halbinsel vertriebenen Vorfahren, all diesen Küsten eine Freistatt gefunden haben zu einer Zeit, als das Land selbst noch lllit jenem übermächtigen Spanier (des 15. und >6. Jahrhunderts» um Glauben und Freiheit den verzweifeltsten Kampf anszufechten hatte, „als Hollands reicher Boden unter der Wucht des Wehs ächzte," wie geschrieben steht. Aber der Lude ist dankbar; auch unsere Iudeuschaft hat es bewiesen. Ten Führern im großen Kriege, den Oraniern, hat sie als Statthaltern und Königen von Anbeginn eine säst all Schwärmerei grenzende Liebe und Verehrung entgegengebrachl, und dem Vaterlande mit treuer Hingebung gedient bis ans den heutigen Tag. — In einer Stadt wie Amsterdam, das unter seiner halben Million Einwohner ca. 5-5 000 jüdische Seelen, also etwa!1 vom Hundert, zählt, und wo das religiöse Leben ziemlich lebhaft pulsirt, spielt Purim auch nach außen hin, selbst in gewöhnlichen Zeiten, noch stets eine Rolle. Für das eigentliche Judenviertel zumal ist's ein Freudentag. Und nun sollte in diesem Jahr und an diesem Tage <5. März) noch gar die junge Frau Königin mit ihrem jugendlichen Gemahl in die unvergleichlich schön geschmückte Hauptstadt des Landes, in „Mokim Aleph" (mit minder als Nummer eins für seine geliebte Vaterstadt thut es der waschechte Amsterdamer Jude nicht) unter rauschendem Jubel der Bewohner ihren ersten „fröhlichen Einzug" halten! Daß dies programmgemäß geschehen und die glänzende Festwoche (5. bis einschl. 9. Märzin erhebender Weise ohne Mißklang verlaufen ist, haben die Tageszeitungen scholl ausführlich berichtet. All dieser Stelle haben wir nur kurz des Antheils unserer Glmnlwnsgenossen an den verschiedenen Huldigungen zu gedenken. Dem israelitischen Hauptleiter des ill der Frühe des 6. März vor dem Schlosse von Sängern allsgeführten Ständchens und Morgengrußes, Herrn A. I. de Haan voll hier, hatten sich auch verschiedene jüdische Gesangvereine von Ruf untergeordnet. Bei der feierlichen Audienz im Lause dieses Tages wurde dem Genannten die besondere königliche Anerkennung ausgesprochen und ihm ausgetragen, den Dank der Königin zu vermitteln an Alle, die mitgewirkl hatten. Sonst wurde die Ehre des Empfanges bei Hofe noch zu Theit all Vertretern der Permanenten, bezw. Hauptkommission für die Angelegenheiten der Niederländisch-ulldPortugiesisch-JsraelitischenReligiollsgenossellschaften, der: Rabbinern und Vorständen beider Gemeinden, ferner den Präsidien mehrerer gottesdienstlichen und Wohlfahrtseinrichtnngen unter den Inden. Alle Vorgestellten hatten auch eine Einladung zum Hofball erhalten. All der Feier im Reichsmnsenm am 7. Mürz, wo die Amsterdamer Arbeitnehmerverbände dem königlichen Ehepaar eine eigellartig imposante Huldigung darbrachten, die eine so nachhalthige Wirkung übte, hatten auch jüdische Arbeiter- Vereine sich betheiligt. Schon früher konnte mitgetheilt werden daß der Ehrgeiz ill Bezug ans Ausschmückung voll Straßen ulld Plätzen alles Andere zu überbieten, sich in dem spezifisch jüdischen Stadttheil lebhaft bethätigen werde. Nach allgemeiner Ansicht hat dabei wohl die Hauptstraße des Viertels, die „Jodellbreestraat" den Vogel abgeschossen. Als alll Freitag März) der Hof zu Wagen diese Straße in langsamster Gangart Passierte, kannte der Enthusiasmus keine Grenzen mehr?) n. 9 Eine hübsche Reuiiiüseenz brachte bei dieser Gelegenheit ein Berichterstatter des „Berl. Tagebl." ans Amsterdam: „Es war damals, als die Kaiserin Elisabeth voll Oesterreich in Amsterdam weilte — zur Kur bei Doktor Metzger — und Köllig Wilhelm mit ihr die große portugiesische Synagoge in derMuiderstraat besuchte. In einer Anrede an die ihn empfangende Deputation drückte er bei dieser Gelegenheit über die gerade damals in Rußland stattfindenden Jndenversolgnngen seinen unverhohlenen Abscheu aus. und er erinnerte daran, in welchem guten Einvernehmen das „Halls Orainen" und das „Hans Israel" immer gelebt hätten."