Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1901)
- Date
- 1901-03-29
- Page
- Seite 150 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Jacoby wird die Resolution als überflüssig erklärt, da der Gemeinde- Vorstand genau wie die Repräsentanten sehr gern geneigt sei, eure baldige Aenderung der bisherigen Zustände durchzusnhren, allerdings nur. wenn die Frage des Krankenhausstatnts erledigt und somit der Einfluß des Vorstandes auf das Krankenhaus gewährleistet sei. Während Herr I a e o b h die Schuld an der Verzögerung den Repräsentanten beimißt. wehrt Landgerichtsrath Löwe diesen Vorwurf ab und macht den Gemeindevorstand verantwortlich. "Ruch der Einwand Jacobhs dasi der Vorstand in der Resolution eine Benachtheiligung der Steuerzahler finde, und die Unterstützung, die er durch Maurermeister Fränkel erfuhr, wirkten nicht, der Antrag wurde mit allen Stimmen gegen zwei (Loewenberg und Fraenkel) angenommen. Für die Koscherfleischkommission wurde noch der Etat mit 15 547 Mark, sür das Quellbad mit 2500 Mark uud für die Gemeindebibliothek mit 14 000 Mark genehmigt. Bei letzterer sind 5000 Mark nicht genehmigt worden, welche von der Bibliothekkomrnission zur Anstellung eines zweiten Bibliothekars, der jedoch vom Vorstand als nicht nothwendig bezeichnet wird, gefordert worden loa reu. Brief aus Oesterreich. Anfang März. ären wir Juden wirklich das rachsüchtige Volk, das man in uns sehen will, wahrlich Erscheinungen unserer Zeit gäben uns Anlaß genug mit den Worten verjüngst verlesenen Megilath Esther zu sprechen: „Nicht der Jude wird fallen, du Haman wirst vor ihm fallen." Wer Ungerechtigkeit säet, wird Eewaltthätigkeit ernten; dies zu erfahren haben wir Juden in Oesterreich jetzt Gelegenheit genug. Wir wollen nicht sprecheil voll den schon in rohe Keilereien ausartenden Sprachenkämpfen in unserem Parlament; was wir in den letzten Wochen erlebt, das ist ein Rassenkampf, fast möchte Ulan sagen thierischer Art. Aber ein Ereigniß dürfen wir doch nicht unerwähnt lassen, welches wir unter der Aufschrist „Windsaat und Sturmernte" anführen wollen; es ist die berüchtigte Interpellation des alldeutschen Eiseukolb aus Karbitz bei Brüx in Böhmen über die Schriften des heilig gesprochenen l'. Liguori. Die Beichtregelu des besagten Heiligen sind angeblich ein Anstoß der allergröblichstell Art. Wir kenneil natürlich diese Beichtregeln nicht, über welche in geheimer Sitzung des Parlaments verhandelt wurde, sind auch gar nicht neugierig, sie kennen zu lernen, wir wollen uns hier auch mit den theologischen Schriften jenes Heiligen des 17. Jahrhunderts nicht vefassen, aber eine Bemerkung können wir nicht unterdrücken, die ist: Beim Talmud fängt man an, und bei Liguori hört man auf. Mit welcher Wollust wurden Ehren-Schneiders Erpektorationen über den Talmud von dem ganzen hohen Hause angehört! Der Talmud ist vor 1400 Jahren entstanden, ein Gesetzbuch ist er für uns Juden nie gewesen. Tie heutigen jüdischen Jünglinge, voll den Jungfrauen ganz zu schweigen, wissen nicht einmal, wie ein Talmudfoliant aussieht, geschweige denn, daß sie darin lesen oder ihn verstehen könnten. Da kommt nun irgend ein Schneider oder Vergani, bringt etwas vor, was ihm ein getaufter polnischer Jude für gntes Geld ans dem Talmud rwrgelogen, beschimpft eine ganze ehrenwerthe Glanbensgenossenschaft, Lueger und der „schwarze Prinz" Liechtenstein schmunzeln dazu, und die Herren Klerikalen drücken den Ehrabschneidern verstohlen warm die Hände. „Etwas muß ja doch' darall sein" all all' diesen Märchen vom Blutgebrauch und jüdischen Ostern, an jenen Bestimmungen wie man Andersgläubigen gegenüber betrügerisch Vorgehen und wie man die Gojim und Akum übervortheilen dürfe. Wir konnten noch so gewuchtig unsere Stimme dagegen erheben, noch so laut unseren Ruf über diese verlogene Vergewaltigung ertönen lassen, noch so eindringlich betheuern, an all' dieser! Beschuldigungen wäre kein wahres Wort, es nützte nichts man glaubte Schneider mehr als uns. Und nun kommt di Kehrseite der Medaille! Die Klerikalen und ihre engen Verbündeten, die Christlich-Sozialen, müssen sich schlimme Ding sagen lassen. Und jetzt kommen sie, die adeligen, kon servativen und christlich-sozialen Menschheitsretter und thuu entrüstet darüber, daß man es wage, das Volk in seinen heiligsten Gefühlen zu verletzen. Wir verstehen euch gut, nn zu gut, ihr Vertheidiger, ihr mehr oder weniger berechtigter: Schützer des katholischen Glaubens. Unser Hillei war em welcher das große Wort gesprochen: „Verurtheile nie eine: Menschen, wenn du nicht in seiner Lage warst," und deshab begreifen wir euer Geschrei, aber ziehet die Lehre daraun lasset auch uns Juden in Ruhe, da ihr doch nicht wünsche! daß die religiösen Gefühle eines, wenn auch noch so kleinen Vruchtheiles der Bevölkerung verletzt werden. Das wünsche: wir ja eben auch! Das ist unser fortwährendes Bitten uu Flehen. Aber siehe, während über jene Interpellation d«.m Alldeutschen hinter verschlossener! Thüren verhandelt wir', kann Stampiglius offen, vor der ganzen Welt gleichsam, i > unfläthigen Worterr über den Talmud sprechen. Noch einmal, uns liegt jeder theologische Disput fern aber welcher Jude würde, da sich die Verhältnisse also g stellten, nicht diese Konsequenzen aus dem „Falle Liguorim ziehen? Was ist nicht über Polna und Könitz zusammen gelogen worden? Wie viele arme Juden in Polna haben nicht ihr Brod durch die Lügen einer verwilderten Menge vem loren? Der dortige Rabbiner mußte flüchten, und dem kleine n jüdischen Geschäftsmann, welcher wahrlich auch sonst nicht av' Rosen gebettet ist, ist sein letztes kärgliches Stückchen Brod vom Munde weggenommen worden, und planlos muß er Herrn irren, um sich arr wildfremder! Orten eine klägliche Existenz z-l sichern. Kennet ihr nicht das Wort von der Weltgeschichl welche das Weltgericht ist? Martin Luther hat das Wort m u der Megilath Esther gesagt, „sie judenzt"; er meint damit, d > sei ein national-jüdisches Buch, das ihm als Christen niö i gefalle. Wir wollen mit ihm darob nicht rechten. Aber dievm nationale Buch enthält eine Lehre, welche die ganze Menschh t berührt, und diese ist: Ungerechtigkeit fällt immer zurück o das Haupt dessen, der mit ihr regieren zu können glau? Schon Bossnet, der berühmte Prediger zur Zeit Ludwigs XI beileibe aber kein jüdischer Prädikant, hat in diesem Sn m' ganz richtig den Charakter Hamans erkannt, als eines kön z lichen Rathgebers, welcher die Fürsten bethört und die Völmr! vernichtet. Was man gegen die Juden von Seiten Mächtigen thun zu können glaubt, es wird noch ganz and re Häupter treffen als die der Juden, und insofern ist der Antisemitismus wirklich die größte Gefahr der Zeit. Nochmals, wir fühlen keine Genugthuung ob der m gangenen Rohheiten, aber die Keulenschläge, welche. ilus Gegner getroffen, sollten diese vielleicht doch zur Besinnung! bringen. Uvi-i.