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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-29 · Heft 13 (29.3.1901) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 13 (29.3.1901)
Date
1901-03-29
Page
Seite 146 (sequence 4)
Language
German
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146 freudig znstiinincn, denn wir sind der Überzeugung, daß allch nicht einer Nun ihnen die entfernteste Absicht Hut, die Herzen des jüdischen Volkes „für die Predigt von Christo empfänglicher zu machen". Dagegen scheint uns Herr Pastor Bieling den Zionismus weit zn überschätzen. wenn er glaubt, daß mit ihm ein neuer Abschnitt in der Geschichte Israels seinen Anfang nehmen werde, und er scheint auch die Bewegung mißznverstehen, wenn er meint, daß sie nur vom biblischen Standpunkt ans zn würdigen sei. Der biblische Standpunkt geht nicht ans eine nationale, sondern eine Weltreligion. Bon der fünften These können nur nur die zweite Hälfte billigen. Wir müssen es der Mission überlassen, ob sie sich durch den Zionismus zu einer verstärkten „Arbeit an Israel" veranlaßt sieht, aber wir glauben mit Herrn Pastor Bieling ebenfalls, daß sie sehr gut daran thnn wird, sich vor überschwenglichen Hoffnungen und gewagten Experimenten" zn hüten. Die bedeutendste Partie des Konferenzlwrichts ist für nieder Bortrag voll Professor Dalman. Professor Dalman ist ein tüchtiger Gelehrter, der in den Spuren von Delitzsch einhergeht, lind dem wir manche werthvolle Arbeit aus dem Gebiete der jüdischen Litteratnr zn danken haben. Seine Ausführungen erheischen daher auch da Beachtung, wo wir ihm widersprechen müssen, denn er betrachtet die Dinge immer von einem höheren wissenschaftlichen Standpunkt aus. Seine Allsichten über die Entstehung des modernen Antisemitismus sind nicht die unseren ein Unheil über die Agitation aber können wir nnr billigen. Er sagt n. a.: „Dieser Agitation kann der Borwurs nicht erspart werden, daß sie voll Allsang all und nahezu ausnahmslos durch Leidenschaftlichkeit, Uebertreibungeil und Unwahrheiten ihre Sache mehr geschädigt als gefördert hat. Utopische Ziele, uüeIndenverdrangung, Indenanstreibung und Zndenermordnng, hat mail ausgestellt und für die Ziele mit vergifteten Waffe»! gekämpft; die Fabel einer »»ationalen Organisation der Juden zur Unterjochung der Welt und vom Aitnalmmd, welcher ein Geheimartikel, der jüdischen Religion oder doch einer geheimen jüdischen Sekte sein sollte, wurde von leichtfertigen Zeitungsschreibern in Kurs gebracht, von gewissenlosen „Gelehrten" erwiesen, von einer jede Belehrung in den Wind schlagenden urtheilslosen Menge aller Stände geglaubt. Erst als man anfing, die heilige Schrift und die Männer der heiligen Geschichte ebenso wie die Träger der Krone mit demselben Schmutz zn bewerfen, den man den Juden gegenüber nicht sparte, ging Einigen die Angen darüber ans, daß dieser vermeintliche deutsche Kampf für Thron und Altar doch nicht ohne Weiteres von Jedermann unterstützt werden könne. Die offenbare politische Unfruchtbarkeit der ganzen Bewegung, welche die Gegensätze nur geschärft, znr Lösung des vorliegenden sozialen und politischen Problems aber nichts Erhebliches geleistet hat, scheint in letzter Zeit neben den» Selbsterhaltungstrieb der übrigen politischen Parteien das öffentliche Urtheil über diese Bewegung in weiteren Kreisen ernüchtert zu haben. Vom Ende der antisemitischen Bewegung sind nur aber noch weit entfernt, und schlimmer als die Bewegung selbst ist die auch in den ihr fern stehenden Kreisen allgemeine Stimmung, aus der heraus mail von Juden nur in höhnischem Tone zn reden weiß und Jeden, der von der allgemeinen Epidemie noch nicht ergriffen ist. als nrtheilsnnfähig oder wenn möglich als verkappten Juden betrachtet." Herr Prof. Talman hat Recht, und wir zweifeln nicht daran, daß die Antisemiten ihn nächstens auch als Juden ausgebeu werden. Er giebt aber für die antisemitische Krankheit nur ein durchgreifendes Heilmittel an, nämlich „die Rückbesinnung auf unfern evangelischen Glauben, insofern er voll Anfang an hat Schristglanbe sein wollen." Es wäre sehr lebhaft zu wünschen, daß die Mahnungen, die Professor Dalman an das deutsche Volk richtet, nicht ungehört verhallen möchten. In der Diskussion über diesen Vortrag zeigte sich, daß auch die Judenmission von dieser Strömung nicht ganz unberührt geblieben ist. Indeß siegte doch die Ansicht Dalmans, denn am folgenden Tage sprach die Missionskonferenz Herrn Professor. Strack„für seinen selbstlosen und dornenvollen Kampf im Interesse der Wahrheit und christlichen Liebe Israel gegenüber" einstimmig ihren herzlichen Dank aus. Die weitereil Vorträge haben für uns, wie gesagt, nur geringes Interesse. Ein Amsterdamer Missionar verbreitete sich über die Mittel, den Inden im Westen Europas das „Evangelium bekannt zu machen." Als direkte Mittel gab er an: n) Predigten, b) Hausbesuch, v) Bibel und Traktatverbreitnilg, Heime für fragende Inden und wenn nöthig und möglich ärztliche Mission. Als indirekte Mittel pries er an das Erwecken der Christen: rr) zum Gebet und zur Liebe für Israel und die Judenmission, l>) mn Zeugen Christi zu sein vor den Inden, mit denen sie verkehren, o einen so guten Wandet unter den Juden zu führen, daß diese zur Anerkennung und Erforschung des Christenthums gereizt werden. Wir müssen gestehen, daß die indirekten Mittet eigentlich viel wirksamer erscheinen als die direkten. Interessanter als der Bortrag ist für uns der in der Diskussion sich darall knüpfende Beschluß der Konferenz, daß die massenhafte Berbreitnng. ja Verschleuderung von Nellen Testamenten und Traktaten in Betreff der Jndenmissiou nicht von Segen sein könne. Man erinnert sich, daß wir scholl vor einigen Wochen in einem längeren Leitartikel dasselbe behauptet haben. Ein Bortrag von Pastor Aston in Altona beschäftigte sich lllit der Frage, was man in Westeuropa zur bessern Pflege der Tanfbewerber und Getauften ans Israel thnn könne. Er empfiehlt 1. ein Heim, -ch eine Werkstätte, Berbindnug im? einer Gemeinde, 4. Berbindnug lllit Arbeitgebern. Ter letzte Bortrag von Professor Talman erörterte die Vorbildung der Missionsarbeiter, von denen er ein eingehendes Studium der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte und Litteratnr verlangt, und forderte eine finanzielle Unterstützung für das Jnstitntnm Delitzschianum, welches allen Anforderungen ent spräche. Wie Ulan sieht, ist die „Arbeit all Israel" eine sehr schwere und wenig aussichtsvolle. Wir haben darüber unsere eigene Ansicht, und eiil Streit über die Berechtigung der Juden Mission wäre heute wirklich ganz zwecklos. Es gehen eben hier zwei diametral entgegengesetzte Weltanschauungen neben einander her. Die Mission will die Juden zum Christenthun' bekehren, weil sie in diesem die Erfüllung der Aufgabe de Judenthums sieht, wir aber glauben, das; die Aufgabe de Judenthums noch nicht erfüllt sei, und daß wir in unfern Bekenntniß verharren müssen, bis die Mission erfüllt ist welche an Israel ergangen: den Glauben all den Eini i Einzigen Gott und an das Sittengesetz vorn Sinai durch di ganze Wett zn tragen. Die Woche. Berlin, 27. Mar; ^Ln der letzten Schnur, des Reichstags vor den Ferien wurden wieder die Judendebatten des Abgeordneten Hauses gestreift. Der sozialdemokratische Abgeordnel, Dr. Heine sagte unter anderem Folgendes: „Was die Behandlung jüdischer Juristen im prenffischen Staat»' dienst betrifft, so hat Herr Schönstedt gesagt, kein anderes Ressort i«

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