Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1901)
- Date
- 1901-03-22
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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- Breslau, März. Gcstcril Mittag ist hier im 77. Lebensjahre der allgemein bekannte Arzt Dr. Sigisniund Asch gestorben. In Asch verliert die deutsche Aerzteschaft einen ihrer Veteranen und eines ihrer bekanntesten Mitglieder. Asch hat sich während der ganzen Zeit seines ärztlichen Schaffens — und diese währte über ein halbes Jahrhundert - lebhaft um die Angelegenheiten des ärztlichen Standes beschäftigt. Er betheiligte sich trotz seines vorgerückten Alters bis in die letzte Zeit au den Verhandlungen der ärztlichen Vereine und der Aerztekannner in Breslau. Das Interesse, das Asch an den ärztlichen Dingen nahm, war nur der Ausfluß des allgemeinen Antheils, den er sür alle öffentlichen und sozialen Dinge hatte. Besonders nahe geht Aschs Hinscheiden diejenige Gruppe der deutschen Aerzte an, die nicht in staatlicher Organisation, staatlicher Bevormundung und staatlichen Ehrengerichten die Mittel sehen, die Lage der Aerzte zu verbessern, sondern meinen, dem ärztlichen Stande sei am besten gedient, wenn er als freier Stand erhalten bleibt. Gemeinsam mit einigen anderen älteren deutschen Aerzten von Ansehen unternahm es Asch noch in letzter Stunde vor der Berathnng über die staatlichen Ehrengerichte für Aerzte zu erweisen, daß die Mehrzahl der Aerzte in Preußen von Ehrengerichten, wie sie die Negierung vorschlug und durchsetzte, nichts wissen wollte. Dr. Asch hat in jungen Jahren wegen seiner Politischen Anschauungen eine Bestrafung erlitten. Das war der Grund, daß ihm die üblichen Allszeichnungein die wohlgesinnten Aerzten zu Theil werden, versagt blieben, trotz feilles rührigen Wirkens für die Allgemeinheit und seinen Stand. Er konnte aber mit der Anerkennung, die ihm sonst zu Theil wurde, vollauf zufrieden sein. Dr. Asch war das Modell des Dr. Klans in dem gleichnamigen Stück voll L'Arronge. Er erfreute sich hier großen Ansehens. Die Beerdigung findet am 20. d. M. auf dem israelitischen Friedhofe statt. Dresden, 17. März. Die hier erscheinende „Deutsche Wacht" brachte, in ihrer Nummer vom 22. Februar die auch in anderen antisemitischen Zeitungen veröffentlichte Warnung an „deutsche Eltern", ihre Kinder ganz besonders in der Osterzeit zu hüten und vor jeglichem Verkehr mit verdächtigen Juden in Acht zu nehmen. Der jüdische Theil der Dresdener Bürgerschaft war über dieses Treiben empört und hielt mit Ausdruck seiner sittlichen Entrüstung nicht zurück. Große Genngthnung empfindet man nun darüber, von maßgebender Seite öffentlich bezeugt zu sehen, daß der beste Theil der christlichen Bewohnerschaft Dresdens diese Ent-! rüstnng theilt. Kein Geringerer als O be rko n f ist o ri alra th I). Dibelius, Superintendent, Pastor prim, an der Kreuzkirche, richtete! am letzten Bußtage in der etwa 5000 Personell fassenden, überfüllten Hauptkirche Dresdens an die christliche Bußgemeinde ungefähr folgende Worte: „Eine der Hanptsünden ist der Haß, der sich auch als Politischer Haß geltend macht. Ich denke auch besonders all den Haß, der noch viel schlimmer lst und in letzter immer stärker hervortritt. Jll diesen Tagen hat ein hiesiges Blatt einen Artikel gebracht, durch den sich die jüdische Gemeinde tief gekränkt fühlt, und der auch viele Christen verletzt hat. Ausgehend von Könitz und anderen bedauernswerthen Verbrechen, werden die Christen vor Umgang mit Andersgläubigen gewarnt. Die jüdische Gemeinde fragt, ob dies christlich fei und sich mit der christlichen Liebe vertrage. Und sie sragt mit Recht. Ich aber antworte: Nein, das ist nicht christlich, sondern antichristlich. Hellte am Bußtage sei es in feierlicher Stunde ausgesprochen: Wer ill dieser Weise Haß verbreitet und nicht die Liebe predigt, die Christus gepredigt hat, nicht kann zu ihm hinangezogen werden." Was übrigens die „Deutsche Wacht" allbelangt, so filldet am 29. d. M. hier eine Generalversammlung der Aktiengesellschaft „Deutsche Wacht" statt. Die „Deutsche Wacht" ist das Hauptorgan der Antisemiten Sachsens, und aus der Tagesordnung der Generalversammlung seiner Aktionäre steht u. a.: „Anzeige an die Generalversammlung gemäß Artikel 240 Absatz 1 des Allg. D. HGB." Das heißt: Es wird all gezeigt, daß mehr als die Hälfte des Aktienkapitals verloren ist, so daß es ergänzt oder die Gesellschaft aufgelöst werden muß. Wahrscheinlich ist, daß die Anflöstk ng erfolgt, denn der Vorstand beantragt: „Die Gesellschaft aufznlöfen und das Gesellschaftsvermögen durch Veräußerung im Ganzen zu verwerthen." Elberfeld, 17. März. Wie scholl zweimal versammelte sich auch zum diesjährigen Pnrimfeste der Kin der-S hnagogen ch or im Hotel Central zu einer von dem Leiter des Chores, dem Herrn Kalltor Zivl. auss Schönste arrangirten fröhlichen Feier. Klavicrwie Gesangsvorträge und schauspielerische Darstellungen, die allen Mitwirkenden znm höchsten Lobe gereichten, wurden von dem zahlreich erschienenen Publikum mit großem Beifall ausgenommen. Als Vertreter des Vorstandes und der Repräsentanten war Herr Hermann Steinberg erschienen, der in einer wohldurchdachten Ansprache die großen Verdienste des Herrn Zivi um die Neugestaltung unseres Gottesdienstes rühmend hervorhob. Besonders betonte er. daß es Herr Zivi gewesen sei. der den Kinderchor zum Zwecke des Sabbath- Gottesdienstes ins Leben gerufen und trotz seilles erst dreijährigeil Bestehens zu so hoher Blüte gebracht habe. Dieser Chor bilde eine glückliche Verbindung zwischen Schule und Gotteshaus. Auch Herr Rabbiner Dr. Auerbach, der leider durch eine unaufschiebbare Reise all der Theilnahme des Festes verhindert war, ließ durch Herrn Steinberg seine besten Grüße entbieten und dem Herrn Zivi seinen Dank und seine Anerkennung aussprechen. Als Vater glaubte Herr A. Epstein dem Herrn Zivi in herzlichen, tief empfundenen Worten seinen Dank anssprechen zu müssen. Er sagte, er als Vater könne am besten beurtheilen. was Herr Zivi für den Religionsunterricht leiste, der Leider in noch so vielen jüdischen Gemeinden sehr im Argen liegt. Seine Worte gipfelten in einen! Hoch auf Herrn Zivi. Nachdem die Kinder auf Kosten der Gemeinde mit Kaffee und Kuchen bewirthet waren, und das abwechselnngsreiche Programm sich in würdiger Weise abgewickelt hatte, blieben die zahlreich erschienenen Erwachsenen bei Tanz und sonstiger Unterhaltung noch bis in die späte Abendstunde beisammen. Wie sehr die Verdienste des Herrn Zivi in der Gemeinde gewürdigt werden, geht auch daraus hervor, daß demselben nach dem Feste ein prachtvoller Kronleuchter zum Geschenk gemacht wurde. k". Düsseldorf, 11. März. Die am Abend des 9. d. M. im Kaisersaal von den Zöglingen des Vereins zur Verbreitung und Förderung der Handwerke unter den Juden veranstaltete Purimfeier hatte sich seitens der jüdischen Gemeinde eines außerordentlich starken Besuches zu erfreuen. Rabbiner Dr. David begrüßte im Namen des Vereinsvorstandes die erschienenen Gäste, lobte das Bestreben der jungen Leute, nach der anstrengenden Berufsarbeit durch solche Herz und Gemüth erfreuenden Veranstaltungen sich und Anderen einige Stunden der Erholung und Ausspannung zn bereiten, gab denr Danke gegen die Vorsehung lind der allgemeinen Freude über das Mißlingen des fluchwürdigen Attentats auf den Kaiser, den Beschützer der Arbeit und des Friedens, in warmen, beredten Worten Ausdruck und schloß mit einem begeistert aufgenommeneu Hoch auf den Kaiser. Nachdem die Nationalhymne verklungen, begannen die Aufführungen, die dank dem Studium, dem sich die jungen Leute unter der Leitung ihrer fleißigen und sich aufopfernden Lehrmeisterinnett, der Frau und des Fräuleinn Liebermann, Hingaben, so gut von statten gingen, daß der lebhafteste Beifall allen Darbietungen solgte, und jene animirte Stimmung Platz griff, die den Anwesenden die Trennung von dem echt jüdischen Feste erst in später Stunde gestattete. — Es ist anznerkennen, daß die Zöglinge durch Veranstaltung solcher Festlichkeiten die Bestrebungen des Vereins unterstützen helfen und das Interesse für denselben wachznhalten suchen. Oesterreich -Ungarn. lH Wien, 18. März. Vor einigen Tagen sand die Eröffnungsfeier des Vereins „Kaiserin Elisabeth-Heim" statt, und da wurde Frau Marie Au spitz die hohe Ehre zu Theil, den Kaiser, der dazu erschienen war, als Führerin durch die neuen Raume zu geleiten. — In Pilsen sollten am Abend des 10. März wieder einmal Judenkrawalle inszenirt werden, allein als die Exzedenten nach einzelnen Steinwürfen in jüdische Wohnungen auch zur Synagoge kamen, wurden sie von der Polizei vertrieben, und die Ruhe war wieder hergestellt. — Wie das in Pisek erscheinende Blatt „Ottavan" meldet, findet die Verhandlung über die Nichtigkeits-Beschwerde des Leopold Hilsner beim Cassationshofe am 28. April statt. — Die Christlich- Sozialen planen energische Abwehr gegen die Alldeutschen, gegen die sie als „Neligionsstörer" anftreten wollen — sie selbst, die Christlich- Sozialen, sind wohl nie „Neligionsstörer" gewesen! Es wird ihnen doch jetzt schon so manches heimgezahlt, was sie gegen friedliche Angehörige anderer Konfessionen verbrochen! — Am Pnrimfeste sand hier die Gründungsfeier eines Bet-Hanlidrasch statt, in dem voll hervorragenden Gelehrten Vorträge gehalten werden. — Der Kaiser hat dem Dr. I. Kauders den Titel eines Regierungsrathes verliehen. — Die Gattill