Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1901)
- Date
- 1901-03-22
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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65. Lchrgang. Nr. IS. Lerün. SS. Mär; 1901. Weikage zur „Akkgemeinen Weitung öes Iuöenthums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 18. März. In der ordentlichen Mitgliederversammlung des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeindezu Berli n" sprach gestern der Vorsitzende des Vereins Jnstizrath Breslaner über die letzten Iudendebatten im Abgeordnetenhause. In außerordentlich klaren und streng sachlichen Ausführungen, welche häufig von lebhaftem Beifall unterbrochen wurden. gab er ein ausführliches Bild der Sachlage, wies an der Hand der Artikel der Verfassung das bisherige Vorgehen als gesetzwidrig zurück, kennzeichnete das Verhalten der Parteien im Abgeordnetenhaus zur Interpellation Peltasohn und legte in sehr interessanter Weise die gegenüber den Juden ausgeübte Verwaltnngspraxis dar in der Justizverwaltung, dem Kultusministerium, der innereu Verwaltung, dem Handelsministerium und der Militärverwaltung. Nachdem der Redner noch der Strömung gedacht, die Juden auch im Kaufmannsstande, an der Börse, in den großen Banken aus autoritativen Stellungen zu bringen und sogar auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit — mit rühmlicher Ausnahme Berlins — zurnckzudräugen, beleuchtete er die Folgen des Verhaltens der Negierung gegen die Inden, als da sind Absonderung der christlichen Mitbürger von den Juden, heftige Angriffe der Presse gegen die Juden, vielfache Prozesse mit besonders harten Strafen, welche über die Inden verhängt werden. Reden des Dreschgrafen. Die Schuld trifft allein die Regierung, welche es bis hierher kommeu ließ; die Verfassung wird niemals ohne die schwersten Folgen verletzt, und der Staat erleidet hierdurch großen Schaden. Das Judenthum wird, wenn auch der Einzelne darunter leidet, nicht davon berührt, es wird auch ferner seine Mission unter den Völkern erfüllet,, aber wehren soll es sich gegen die Angriffe und sein Recht fordern: die Zeit wird kommen, wo die Welt uns Recht geben wird. Wir können uns auf diese kurze Inhaltsangabe um so mehr beschränken, als der interessante Vortrag im Wortlaut in den im April erscheinender. Mitteilungen des Liberalen Vereins veröffentlicht werden wird. Nur zwei bemerkenswerthe Daten wollen wir noch kurz hervorhebeu. Mit Rücksicht auf die Aeußeruug des Justizministers, daß weiteste Kreise der christlichen Bevölkerung keinen jüdischen Notar als Mandatar wünschen, haben die jüdischen Notare eine kleine Euguüte unter sich veranstaltet. 36 Notare haben geantwortet, und es wurde festgestellt, daß sie im letzten Jahre mit 18600 Christen und 6975 Juden Notariatsakte ausgenommen haben! Noch bezeichnender ist die Thatsache, daß der verstorbene Vorsitzende des Bundes der Landwirthe, Herr von Ploeh, als es sich um die Erledigung einer wirklich irüsten Familienangelegenheit handelte, einen jüdischen Notar anssuchte und, als er vom Notar selbst ans die Konfession aufmerksam gemacht wurde, antwortete, er wende sich an Denjenigen, zu dem er das größte Vertrauen habe! Als zweiter Redner des Abends sprach Sanitätsrath Dr. Wiese nthal über die bevorstehenden Nepräseutanteuwahlen. Der Redner legte in kurzen und präzisen Worten die Tendenzen des liberalen Vereins und die Ziele, welche er bei der nächsten Mahl erreichen will, dar; er kritisirte in scharfer Weise die Fehler, welche von der konservativen Partei begangen wurden, und hob die Verbesserungen hervor, welche durch die liberaler, Repräsentanten erreicht sind. Auch dieser Vortrag wird im Wortlaut in den Mittheilnngen des Vereins erscheinen. Eine interessante Thatsache, welche der Redner berichtete, wollen wir auch aus diesem Referat noch hervorhebeu. In den, Ehrenrath der Aerztekammer für die Provinz Brandenburg und den Stadtkreis Berlin, wo also die Zahl der jüdischen Aerzte eine sehr bedeutende ist. ist bereits eine große Menge von Klagen und Beschwerden zur Bearbeitung gelangt, unter denen sich nur zum kleineren Theile gegen jüdische Aerzte gerichtete befinden; die widerlichsten Dinge betreffen ebenfalls znm größten Theile andersgläubige Aerzte! Aus der Diskussion, welche sich an die Referate schloß, erwähnen wir nur, daß nach kurzer Debatte folgende, vom Rechtsanwalt Mako wer gestellte Resolution einstimmig angenommen wurde: „Der „liberale Verein f. d. Angeleg. der jüdischen Gemeinde" spricht dem Vorstande der hiesigen jüdischen Gemeinde seinen Dank aus für die in seiner Eingabe an den Reichskanzler ausgesprochene Verwahrung gegen die Verletzung der durch Verfassung und Reichsgesetz gewährleisteten Rechte der Juden. Der Verein spricht die Hoffnung aus, daß der Vorstand auch in Zukunft der fortgesetzten Verletzung von Verfassung und Gesetz seitens der bei Ernennungen betheiligten Beamten entgegentreteu wird." L2 Berlin, 17. März. Im Bereit, für jüdische Geschichte und Litteratur hielt am 12. d. M. Herr Dr. med. Michael Cohn einen sehr interessanten Vortrag über die Bevölkernngsverhältnisse der Juden in Preußen am Ausgang des 19. Jahrhunderts. Der Vortragende besprach einerseits die Zunahme der jüdischen Bevölkerung und deren verschiedene Ursachen, insbesondere die Zunahme auf natürlichem Wege, also durch Ueberwiegen der Geburtsüber die Todesfälle und anderseits die Queller, ständiger Abnahme, nämlich die Taufen und die Auswanderungen. Er wies speziell auf das auffällig starke Sinket, der Geburtsziffer infolge des Rückgangs der Kinderzahl in den einzelnen jüdischen Ehen hin und brachte die Erscheinung in einen Zusammenhang mit der Veränderung der gesummten Lebens- Verhältnisse der preußischen Juden, einer Veränderung, die hauptsächlich auf der Hebung ihrer materiellen Lage und der beträchtlichen Zunahme der geistigen Bildung bei ihnen beruht. Weiter wurden die numerischen Verhältnisse zwischen Juden und Christen sowie die Eigentümlichkeiten der örtlichen Vertheilnng de, Juden innerhalb des Staatsgebiets nebst ihrer beruflichen Gliederung erörtert, wobei die bemerkenswerten Verschiebungen, die hier in der zweiter, Hälfte des Jahrhunderts sich vollzogen haben, besonders interessirten. Zuletzt behandelte Redner noch die Fragen bezüglich der Krankheiten und Gebrechen unter dei, Juden, des günstigen Standes ihrer Kindersterblichkeit il, Vergangenheit und Gegenwart und bezüglich der jüdisch-christlichen Mischehen, deren auffällige Zunahme betont wurde Ein Ausblick in die Zukunft bildete den Schluß des interessanten Vortrags. — Aus den auswärtigen Litteraturvereiuen: In Memel sprach Redakteur M. A. Klausner über das Thema: Eil, verkannter Dialekt; in Danzig Rechtsanwalt Behrendt über die staatsrechtlichen Verhältnisse der Juden in Preußen (1. Theil bis 1815); il, L issa Rabbiner Dr. Bloch-Posen über Geist und Gesetz der Hebräischen Poesie; in Treu, esset, Rabbiner Dr. Wa lt er - Bromberg über Eine jüdische Vorkämpfern, der Fraueuemanzipatiou im 17. Jahrhundert Rabbiner Dr. R ose nbe rg-Thoru über den großer, Jndenprozeß iw der Mark Brandenburg in, Jahre 1510. Lehrer N a f t a ui e l - Pakosch über Moses Mendelssohn; in Ostrowo Dr. Georg Huth über die Juden ii, Sibirien; il, No gasen Lehrer Zach man n-F la t ow über die Juden unter den preußischen Königen; in Löwen, wo ein Zweigverein des Oppelner Litteratu,Vereins gebildet wurde, Rabbiner Dr. Bäck-Oppeln über die Beteiligung der Juden au der freiheitlichen Bewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts; in Magdeburg Dr. L. Pick über Nietzsche und das Judentum; in Kiel Dr. Keimdörfer-Hamburg über Sokrates und Salomo; il, Erfurt Nccitator Salzer über biblische Dichtungen; in Coburg Dr. jur. Oppenheim über die Geschichte der Judenemanzipation; in Köln Dr. Simchowitz über die Geschichte der Juden in Polen; in Bamberg und Nürnberg Professor Dr. C o r u i l l-Breslau über alttestamentliche Poesie- 22 Berlin, 17. März. Der Bereit, zur Förderung der Interessen der israelitischen Taubstummen in Deutschland begeht am 24. März in Dräsels Festsälen. Neue Friedrichstraße 35. sein fünfjähriges Stiftungsfest verbunden mit Festessen, theatralischer Aufführung, Vorträgen und Ball, wozu die Freunde und Gönner dieses Vereins ergebenst eingeladen werden. Das Couvert kostet 3,50 Mark. Der Reinertrag ist für wohltätige Zwecke bestimmt. Anmeldungen zun, Diner nimmt bis 20. März der erste Schatzmeister Herr Louis Behrendt, Charlottenburg. Pestalozzistraße 9n. entgegen