Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1901)
- Date
- 1901-03-22
- Page
- Seite 143 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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143 " liebst auch Du mich und mit derselben Innigkeit, die Dir mein Herz entgegenbringt?'' „Ach, ich wollt, Ihr wärt kein mächtiger König und ich kein verachtet Judeninädchen — und ich könnt Euch lieben so recht nach Herzenslust — Ihr wärt ein Niedriggeborener und ich, ich könnt meines Vaters Reichthum mit Euch theilen und Euch folgen bis ans Ende der Welt..." „Und was hindert meine kleine Recha, dies zu thun; wenn ich ein König bin — steht uns nicht Alles, Alles zu Gebote? Du wirst herrschen, Recha, und Alle werden Dir nnterthänig sein, Recha, Alle, selbst der König." „Ich will nicht herrschen, ich will Euch dienen als Euere Sklavin." Er küßt ihr die Worte vom Munde und flüsterte ihr heiße, glühende Worte ins Ohr. Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelehnt, der volle Strahl der leuchtenden Mondscheibe übergvß ihr Gesicht, und der Blick ihrer großen dunklen Augen glänzte durch die Nacht. Verzückt sah Boleslav auf die ruhende Gestalt. Er hätte ausjauchzen mögen vor Glück, und doch — kein unlauterer Gedanke kam in seine Seele beim Anblick der verführerischen Gestalt des Mädchens — keusch und rein war die Liebe, die er zu ihr empfand, und ein heiliger Schauer der Bewunderung malte sich auf seinem Angesichte. Es war traumhaft stille um sie her, nichts regte sich, und nur in den Wipfeln der Bäume raschelte und flüsterte es wie mit geheimnißvollen Stimmen, und die ragenden Wipfel neigten ihre Häupter und flüsterten und rauschten und erzählten einander von dem mächtigen Könige und der wunderschönen Jüdin, die sich einander zu eigen gegeben für immerdar; von fernher aber durchzitterte der Klang einer Laute leise die Lust. Plötzlich riß sich Recha aus Boleslavs Armen und horchte angstvoll spähend nach einer Seite hin. „Laßt mich gehen, mein Gebieter," sagte sie, „es ist Nacht geworden, und man wird mich vermissen." „Noch nicht," bat Boleslav, „bleib', mein Lieb!" Und er zog sie wieder neben sich, und seine Lippen suchten ihren Mund. „Recha, bist Du nicht da? Wo bleibst Dir, Recha, mein Kind?" erscholl da vom Hause her die Stimme des Vaters. „Ihr Hort s! Ich muß gehen! Der Vater darf mich hierher nicht suchen kommen, wenn er Euch fände!" — — Schweren Herzens hatte er sich von dem geliebten Mädchen losreißen können, immer und immer wieder kehrte er zurück und umschlang ihre zarte Gestalt mit seinen Armen, bedeckte ihren Mund mit seinen glühenden Küssen. Nun war er gegangen, und das Mädchen sandte ihm einen Blick voll heißer, inniger Liebe nach. (Forts. folgt.) Kronele. Eine Erzählung von Alexander Weill. xvn. sobald Elias aus Paris den Tag seiner Ankunft bestimmt hatte, nahm sich Frau Reich vor, Anstalten zu treffen, um ihn zuerst und allein zu sprechen. Frau Reich befaß eine Wiese, die an der Landstraße nach Straßburg lag. Und da die Heuernte bereits gegann, nahm sie zwei Mäher mit sich und begab sich auf ihre Wiese, unter dem Vorwand, die Arbeit selbst zu überwachen, in der Thal aber, um Elias, der in dem Straßburger Postwagen dort vorüber mußte, zu erwarten. Kaum bemerkte sie den Wagen, so rief sie dem Kutscher zu, anzuhalteu. Sie bat Elias auszusteigen, reichte ihm die Hand und begrüßte ihn mit einem Psalmenvers, den sie oft in ihren Gebeten übersetzt las: „Sei gesegnet in Deinem Kommen und gesegnet sei Du in Deinem Fortgehen." „Wenn Elias der Prophet käme, " sagte die Mutter, „er würde mir nicht so viel Freude bereiten als Elias, der Schulmeister." „Wirklich?" fragte dieser etwas erstaunt. „Herr Seibel," fuhr sie fort, „ich bin Ihnen cutgegcngegangen, nicht allein, um die Erste zu sein, die Ihnen von Herzen Glück wünscht, sondern auch, um das Unrecht, das ich Ihnen angethan, abzudüßen nnd Sie für den Brief, den ich Ihnen schrieb, um Verzeihung zu bitten." „Welchen Brief?" fragte mit klug gespieltem Erstaunen Elias. „Ich habe von Ihnen keinen anderen Brief erhalten als den, der mir mein Verlöbnis; mit Ihrer Tochter ankündigte, werthe Frau." Die Mutter antwortete nicht gleich und verschlang ihren Eidam mit Blicken der Verwunderung. Sie sagte nur leise: „Sie sind edelmüthig, und meine Tochter ist ein Kind Gottes, daß sie so schnell in Ihrem edlen Herzen las. Auch hat sie nie einen Augenblick an Ihnen gezweifelt. Und nun rasch nach Hanse, wo Kronele Sie erwartet. Mit ihr gebe ich mein Haus, mein Vermögen, mein Herz und mein Leben. Glauben Sic mir, Herr Elias, wenn ich anfangs dieser Heirath entgegen war, so geschah's nicht, weil ich Sie nicht zu schätzen wußte, sondern weil ich von all meinen Kindern in der Thal, und zwar gegen meinen Willen, Kronele am meisten liebe." Elias küßte seine Schwiegermutter und sagte zu ihr: „Ich weiß, daß Sie Herz und Gefühl haben. Alles, was Kronele Edles besitzt, hat sie von Ihnen. Ich habe nur einen Diamant geschliffen, den Sie ihr gegeben haben, und dieser Diamant ist ihr Herz." Frau Reich vergoß Thrünen der Freude und sagte, ihm die Hand drückend: „Kronele erwartet Sie. Gehen Sie mit Gott!" Elias machte einen Umweg, um nicht durch das Dorf zu gehen und von den Neugierigen angcstauut zu werden. Er fand Frau Sommer auf der Schwelle des Reich'scheu Hauses; sie hatte sich wie eine Braut geschmückt und bewillkommnete ihn mit den Worten: „Mit Ihnen kehren wieder Freude und Glück in dieses Haus!" Elias drückte ihr die Hand und fragte nach Kronele. Frau Sommer erwiderte lächelnd: „Das arme Kind ist so überglücklich, und ihre Gesundheit ist noch so schwach, daß ich sie aus dein Hause schickte, aus Furcht, Ihre plötzliche Ankunft und die zu große Freude darüber möchte sie zu sehr angreifen, mau stirbt ja vor Entzücken!" Elias eilte von Zimmer zu Zimmer und drang endlich in die Küche. Hier traf er Kronele neben dem Herd, in demselben Kleide von Kattun und mit denselben Holzschuhen, wie er sie zum ersten Male gesehen. Sie weinte, aber vor Wonne und Freude; ihr Herz pochte so heftig, daß mau die Schläge durch ihr Kleid hätte zählen können. Elias stieß einen Freudenschrei ans und fiel zu ihren Füßen nieder. (Schluß folgt.!