Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1901)
- Date
- 1901-03-22
- Page
- Seite 142 (sequence 12)
- Language
- German
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442 eitlen oder dem anderen Fuße die wüthigsten Bestien in die Zähne und schrie dann Zeter und Mordio. In demselben Augenblick, daß nun die Hausthür ansgerissen ward, lag der Aermste auf dem Rücken, das Pindel über sich reißend und einen letzten Nothschrei ausstoßend. indem kaum die vereinigten Kräfte der sämmtlichen Hausbewohner die über den zu Boden gestreckten Todfeind herfalleuden Bestien abhalten konnten. Da wir Jungen die Gelegenheit wahrnahmen, diejenigen Köter extra zu pfeffern, die wir nicht leiden mochten, weil wir auch scholl in Affären mit ihnen gewesen waren, so konnte der so hart bedrängte Wandersmann noch rasch genug auf die Beine sich wieder emporrichten und mit einem vorangeschickten: „Das söhnten abscheuliche Hunde das: sie konnten mir tandt machen" — pries er auch schon zn meiner Verwunderung, da ich ihn im Ernst halbtodt glaubte, mit einer nichts welliger als rninirten Brustkonstitntion sämmtliche kurze Maaren an, die er im Pindel trug. Den Inhalt dieses Pindels. das in einem mit Stricken beschuürteu groben Sack bestand, endlich ganz noch zu beaugenscheinigen, war nunmehr nufer sehnsuchtsvollstes Verlangen, und nuferer desfallsigen Neugierde ward auch länger keine Qual angethan, denn in die Stube genommen, ward der schwarze Sack ausgethall, und hersür wie durch Zauber quoll null ein Jahrmarkt von gleißenden Atlasbändern in allen Regenbogenfarben, in goldlngendeni Orangegelb, in seuerglnhendem Karmoisin. in Ponceau, in Blitzblau und Donnergrnn. Herfnr über die Dielen breiteteil sich Tücher, Mützen, Spitzen und buntgedrnckter Kattun. Aber jetzt war's um meine Augen, um meine fünf Sinne geschehen. Ich stierte in all die Historien hinein, als sollten mir die Augen in den Sack fallen. Jetzt kamen die Quincailleriewaaren ans Licht, eine, wie es meiner gähreuden Phantasie dänchte. unermeßliche Menge von Messern, Spiegeln. Kämmen. Scheeren, Bleifedern. Nadelbüchsen' gläsernen Petschaften, bleiernen Taschenuhren. Uhrketten und tombackeneu Petschaften mit Achat, Schnupftabakdosen aus gebrannter Pappe mit historischen Porträts, aber auch aus Zinn, mit durchsichtigen Firnißfarben verziert und inwendig mit Goldlack vergoldet und mit Spiegelglas ausgelegt. Heiliger Gott, was enthielt dieser Sack nicht alles in einem Athen: für blanke und wunderschöne Sachen und wie viel mochte nicht noch darin sein; denn man konnte ihm noch lange nicht auf den Grund sehen. Und dazu schien dieser Sack nicht wie andere Säcke, sondern es war eine Art von Wnnschsack, und der Pindeljnde konnte daraus hervorholen, was und wie viel er eben wollte. So kam mir wenigstens die Sache vor, und die Läden iu Paris und London haben mir weiterhin armselige Illusionen gemacht im Vergleich mit dieser im Sackpindel getragenen Herrlichkeit. Wahrhaftig man braucht nicht eine Reise um die Welt zu machen, um die Natur und die Leidenschaften der Wilde»: zu studiren, man darf nur wahre Kinder und von der Kultur unbeleckt gebliebene Bauersleute beob achtel», um die Kinder der Natur, Otaheiten, Botoknden, Abessinier und alle wilden Völkerschaften repräsentirt zn sehen." Are Königsbraut. Historische Erzählung von Carola Bnchheim. emirni-cm XU. /l^-s wollte hellte nicht Abend werden, und der lange Septembertag schien kein Ende zu nehmen, so wenigstens dänchte dies Bvleslav. der den Abend herbeisehnte mit aller Macht : es war ihm am Tage nicht möglich gewesen, sich mit deil Regiernngsangelegenheiten zn beschäftigen, immer kehrten seine Gedanken zn dem Morgen zurück, den er heute in Rechas Gesellschaft so glücklich verlebt hatte — und sein Herz klopfte dem Abend entgegen, an dem er sie Wiedersehen, den holden Zauber ihrer Nähe wieder fühlen sollte. Verweht war jede Erinnerung an andere Frauen, die er gekannt und zu lieben geglaubt hatte, verflogen all ihr Reiz, mit dem sie ihn für kurze Zeit an sich gefesselt, hinweggeweht von dein großen, mächtigen Zauber der Leidenschaft, die ihn zu Necha hinzog. Wie kalt und schal erschien ihm jetzt sein früheres Leben, wie leer und nichtig jene Liebeleien, wie theilnahmslos gedachte er jener Frauen, und wie verblaßte all ihr Reiz vor der bestrickendeil Schönheit des orientalischen Mädchens, dessen Nähe ihn berauschte und dessen Bild sein Herz erfüllte. Verblaßt, verpflogen! Ausgelöscht jede Erinnerung — und ein neues, ihm bisher unbekanntes Gefühl der höchsten Wonne und des freudigsten Empfindens erfüllte seine Seele. — Er liebte! Liebte mit der ganzen ihm inne wohnenden Leidenschaft, mit jeder Faser seines Herzens, und das Gefühl, das ihn beseelte, war keineswegs ein vorübergehender Rausch, nein, — es war eine reine und tiefe Liebe. Es war Abend geworden, und Recha sah kaum den Vater zur Thür hinausgehen, um sich zum Gebet zn begeben, als sie eiligst ein verhüllendes Tuch um den Kopf warf und hinaus in den Garten, der lauschig hinter dem Häuschen grünte, eilte. Sie war athemlos hergeeilt, und jetzt, sie war einige Sekunden da, wich sie mit einem Angstschrei zurück, denn gerade vor ihr war ein Ritter mit raschem Sprunge über die Mauer gesetzt, die den Garte» von dem iiienschenleereu Gäßchen trennte. „Recha, mein Lieb!" rief er, nahm die Erschreckte in seine Arme und hob sie auf und jauchzte und frohlockte wie ein glückliches Kind; I>e wehrte ihm scherzend, und da trug er sie ans seinen Armen zn einer Rasenbank hin: seinen Mantel ausbreitend. ließ er sie darauf niederfitzen, und seinen Arm uni ihren schlanken Leib legend, lehnte er sich an ihre Seite. „Mein geliebter König!" flüsterte Necha, indem sie den Kopf an seine Schultern legte und andächtig zn ihm aufsah wie zu einem Gotte. „Und darf ich Eueren Worten glauben, »lein König, liebt Ihr mich wirklich?" „Mit all »leinen Sinnen, heißgeliebtes Mädchen . . „Und habt Ihr nicht daheim an Eurem Hofe ein Weib, das Ihr liebt, Herr König?" forschte ängstlich das Mädchen. „In meinem Herzen hat kein anderes Bild Raum, als das Deine, süße Recha." „Und werdet Ihr mich auch stets lieben," fragte das Mädchen weiter, „und zürnt nicht, daß ich so in Euch dringe, werdet Ihr mich nicht vergessen, wie Ihr vor mir wohl schon Viele vergessen habt, und dann . . . „Nein, nein, Recha!" rief der König, indem er sie ungestüm an sich preßte, „ich werde Dich lieben, so lange ich athme und — die Anderen, Recha," setzte er hinzu, „die Anderen, ich habe wohl einige Zeit Gefallen gefunden an ihnen; aber das ging vorüber, und nur mein Auge war es, das Wohlgefallen an ihnen fand, aber mein Herz war nicht dabei — ihre Liebe ließ mich kalt, und gleichgiltig wandte ich mich von ihnen. — Dich aber, Dich, Recha, liebe ich mit der Allgewalt meines ganzen Seins, Dir habe ich mich ergeben mit jedem Pulsschlage meines Herzens — Dir will ich mein Leben weihen und meine Liebe, — so wahr ich mei» ewiges Seelenheil erhoffe, und, Recha, so wahr Du das schönste Weib bist, das je unter der Sonne gewandelt!" Recha war still dagesesjen, und ihr glänzender Blick hing an den Zügen des Königs. „Aber," sagte dieser jetzt, nachdem er eine Weile wie tnnrlen in des Mädchens Angesicht geschaut, „aber, Necha,