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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-22 · Heft 12 (22.3.1901) · p. Seite 141

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 12 (22.3.1901)
Date
1901-03-22
Page
Seite 141 (sequence 11)
Language
German
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141 Parteien trat noch schärfer zu Tage bei dem zweiten Punkte: Mehrforderung des Vorstandes für die Synagogenchöre im Betrage von 3500 Mark (11000 Mark gegen 7500 Mark). Der Delegirte des Vorstandes, Herr Louis Eliel, begründete diese Position sachlich und geschickt und fand wirksame Unterstützung durch die beredten Ausführungen der Herren Wolffsohn und Heilbronn (kons.). Herr Rechtsanwalt Dr. Callmann erklärte sich wiederum, und zwar aus prinzipiellen Gründen gegen jede Verstärkung der Synagogenchöre; er will den jetzigen Zustand aufrecht erhalten, da in seinen Augen nur die Einführung einer Orgel geeignet sei, den Gottesdienst zu verschönern. Durch bessere Leistungen der Synagogenchöre will er diese Verschönerung nicht herbeigeführt wissen, da gegen sein Prinzip verstoßend. — Herr Wolsfsohn hielt dem Redner und seinen Parteigenossen entgegen, daß ihre Stellungnahme in dieser Angelegenheit gegen ihr eigenes Wahlprogramm sei, nach welchem sie für die Verschönerung des Gottesdienstes eintreten wollten. Schon ans rein musikalischen Gründen müßten die Herren doch einsehen, daß die von denselben geplante Einführung einer Orgel einen starken, leistungsfähigen Synagogenchor zur selbstverständlichen Vvraussetznng habe. Nach langer Debatte gelang es nun, die liberalen Stimmen zu einer Erhöhung des Kredits um 2500 Mark zu gewinnen, demnach 1000 Mark weniger, als der Vorstand als nothwendig bezeichnet hatte. Man sieht an diesem charakteristischen Beispiel, wie prinzipielle Gesichtspunkte auf Beschlüsse einwirken können, welche doch nur aus rein sachlichen Erwägungen gefaßt werden sollten. Es steht zu hoffen, daß die gegenwärtige Krisis zu einer befriedigenden Lösung gelangt, und daß man den Austrag interner Streitfragen, wie die leidige Orgelfrage, auf Zeiten verschiebt, da keine wichtigeren, das Gemeindeleben und die vornehmsten Interessen des Jndenthums berührende Fragen mehr auf der Tagesordnung stehen und unser ungeteiltes Interesse in Anspruch nehmen. Wenn je zuvor, so haben im gegenwärtigen Augenblick die jüdischen Gemeinden keine heiligere Pflicht zu erfüllen, als die Einigkeit im Innern aufrecht zu erhalten, und unseren Gegnern nicht die Freude zu bereiten, unsere besten Kräfte im Streit um Kultnsfragen sich zersplittern zu sehen. Ssgmnil Goltz und die Juden. Von Dr. Adolf Ko Hut. I. -iA-s liegt in der Natur der Sache, daß in einem Zeitalter, wo man an der Judenemanzipation von gewisser Seite zu rütteln versucht, und von den Antisemiten hüben und drüben mit den abscheulichsten Mitteln das Ziel verfolgt wird, die deutsche Volksseele zu vergiften oder zu verwirren, man gern auf jene Geisteshelden rein arisch-christlicher Abstammung hinweist, die ihr mächtiges Wort für die vielfach Verfolgten und Bedrückten erhoben, die gegen den Strom zu schwimmen wagten, und welche zugleich Verständmß für den Charakter und das Wesen des jüdischen Stammes hatten. Zn diesen glänzenden Geistern zählte auch der humoristisch-satyrische Schriftsteller Bogumil Goltz, dessen hundertster Geburtstag am 20. März d. I. gefeiert wurde. Von deutschen Eltern in dem damaligen preußischen Warschau geboren, erblickte er als der Sohn eines Kriminalraths und Stadtgerichtsdirektors das Licht der Welt irr Warschau, kam aber schon als 7 jähriger Knabe nach Königsberg in Preußen und verlebte die besten Jahre seines Lebens in Thorn. Er kannte namentlich die Israeliten Polens, Ost- und Westprenßens aus eigener Erfahrung und durch fortgesetzte Berührungen mit allen Elementen der Bevölkerung, und deshalb haben auch seine Auslassungen den Werth der vollen Unmittelbarkeit. Wenn wir noch hinzufügen, daß Bogumil Goltz ein scharfer Beobachter, ein unerbittlicher Sittenschilderer, ein psychologisch feinsinniger Kopf war, der in seinen zahllosen geistreichen Schriften sich als ein Publizist bewährte, dem Wahrheit und Recht über alles ging, wird man sein Urtheil um so höher anschlagen müssen. In der Schilderung der jüdischen Elemente zeigt sich ganz speziell seine große Begabung, Nationen und Personen zu individualisiren; immer giebt er lebensvolle Bilder und schafft er volle Eindrücke. Er ist kein Dichter, bei dem die Phantasie vorherrschend wirkt, er schöpft vielmehr seine Poesie und Philosophie aus den Einzelheiten des wirklichen Lebens und überdichtet und überdeckt jede kleine Szene oder Situation. Seine eigentliche Welt ist das Kleinleben, der häusliche Heerd, der Familienkreis; das Ewig-Menschliche, das immer war und immer sein wird, interessirt ihn allein. Alle Haupt- und Staatsaktionen lassen ihn kalt. Er nennt sich selbst einen Steppenmenschen, einen Abrahamiten, einen Nachgeborenen aus der Zeit des alten Bundes. Er kann und will keine andere Dichtkunst, keine andere Glückseligkeit begreifen, als die des patriarchalischen Lebens. Rahel und Ruth, die ährenlesende Ruth, sind die Gestalten, die er vor allem liebt. Will er sich erquicken, so liest er das Buch Hiob. Viele, die in Polen, Ost- und Westprenßen oder Ungarn und Oesterreich ausgewachsen sind, werden sich noch aus der Kindheit der Hepp HePP-Rufe entsinnen, wenn ein armer Trödler, Hausirer oder „Pindeljude", wie Bogumil Goltz diese Leute nennt, sich in den kleinen Städten oder Dörfern blicken ließ. Diese Aermsten der Armen wurden als die Parias der Gesellschaft betrachtet und dienten zur Zielscheibe des Hohns und Spotts von Hoch und Niedrig. Bogumil Goltz beschützte diese bemitleidenswerthen Schächer nicht allein persönlich, sondern er schrieb auch Aussätze zu ihrem Schutze, und einer der interessantesten in dem dem Superintendenten Pfarrer Jackstein zu Bischofswerder in Westpreußen gewidmeten berühmten „Buch der Kindheit" ist derjenige, welcher sich „Der Pindeljude" betitelt. Mag hier einiges auszugsweise aus diesem Abschnitt mitgetheilt werden: „Diese armen Teufel wandeln so poetisch durch Flur und Wald, über Berg und Thal und repräsentiren den ewigen Juden und ein hausirendes Stück der Welt, mW Gottesgeschichte .... Kaum daß ein wüthendes Hundegebell die Ankunft eines solchen Dorfmerkurs und jüdischen Erdenwallers aversirte, so stürzte Alles, was über zwei gangbare Beine dispouirte, zum Fenster und demnächst zur Thür hinaus, dem Ueberbringer der Weltneuigkeit und des Städtelnxns entgegen, ihn ins Haus zu zieheil und die Meute von ihm abzuwehren, und es war in der Regel die höchste Zeit. Das eine Mal hatte der bissigste Köter bereits mit den Zähnen den langen Stock gefaßt, mit dein der Hausirer, sich im Kreise drehend, um sich hermnfocht, und nun war Holland in Noch: den Rücken gegen die Hansthnr gedrückt und zusammengekrülnlnten Leibes, sein Pindel wie ein Gorgonenschild dem Chor der Rache entgegenhaltend, so wehrte sich der Aermste was Zeug und Leder hielt. Unter dem Pindel hervor aber stieß er mit dem

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