Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1901)
- Date
- 1901-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. ll. Lerün. lö. Mär? 1901. Vertage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 10. März. Wie aus unserem Repräsentantenbericht ersichtlich, hat der um das Gedeihen unserer Gemeinde hochverdiente erste Vorsitzende des Gemeiudevorstandes Justizrath Siegmund Meyer sein Amt niedergelegt. Das au den Gemeindevorstaud unter dem 1. März gerichtete Schreiben hat folgenden Wortlaut: „Der mir von dem Vorstande gütigst ertheilte Urlaub laust heute ab. Mein Gesundheitszustand hat sich nicht verschlechtert, aber auch nicht verbessert, so daß ich nicht hoffen kann, in naheliegender Zeit wieder regelmäßig all den Sitzungen und Besprechungen Theil zu nehmen. Ich habe mich deshalb entschlossen, die mir auvertrauten Gemeindeämter mit dem heutigen Tage niederzulegen, und kann dies mit um so größerer Befriedigung, als die Herren, welche zur Zeit den Vorstand bilden, und ihre Stellvertreter die vollständigste Gewähr sür eine ordnungsmäßige und zweckmäßige Handhabung der Geschäfte bieten. Wenn ich auch formell mein Amt niederlege, wird sich mein Interesse für die Gemeinde und ihre Institute nicht verringern, und so oft ich durch meinen Rath Nutzen stiften kann, werden Sie mich hierzu gern bereit finden. Ich kann aus diesem mir liebgewordenen Kreise uicht scheiden, ohne allen Denjenigen, welche es mir ermöglicht haben, bisher im Interesse der Gemeinde zu wirken, meinen aufrichtigsten Dank für ihre wirksame Hilfe und für die mir gezollte Anerkennung ausznsprechen. Gleichzeitig bitte ich. der geehrten Nepräsentautenversammlung von meinem vorstehenden Entschlüsse Kenntniß zu gebeil und ihr meinen herzlichen Dank auszusprechen für ihre Beihilfe und die von ihr ansgegangene Anregung, und den Herren Mitgliedern noch besonders zu danken für das mir bei Gelegenheit meines siebzigstell Geburtstages gewidmete Geschenk." Nach den: Ausscheiden voll Justizrath Meyer rückt nunmehr der bisherige Stellvertreter Herr Sol nutz in den Vorstand auf, an dessen Stelle statutengemäß binnen sechs Wochen ein neuer Stellvertreter zu wählen ist. Mit Justizrath Meyer scheidet ein Mann aus der Verwaltung unserer Gemeinde, dessen Name in der Geschichte derselben stets in hohen Ehren genannt werden wird. Es dürfte sehr schwer werden, für diesen Mann einen Ersatz zu finden, und jeder Nachfolger wird sein Ziel zunächst darin suchen müssen, die Wege dieses Vorgängers einzuschlagen, dessen Verdienste um unser Gemeindewesen während eines mehr als dreißigjährigen unermüdlichen und erfolgreichen Wirkens <1870-1901) von sachkundiger Feder noch im Einzelnen geschildert werden solleil. 8. Berlin, 10. März. Der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischer! Gemeinde zu Berlin" hält am nächsten Montag, Abends 8 Vz Uhr. im Saale des Vereins junger Kaufleute seine ordentliche Mitgliederversammlung ab. Die Tagesordnung enthält außer einem Vortrag über die letzten Judendebatteu im Abgeordnetenhaus^ welchen der Vereinsvorsitzende Justizrath Bresla uer übernommen hat, auch ein Referat über die bevorstehenden Nepräsentantenwahleu, über welche Sanitätsrath Dr. Wiesenthal sprechen wird. Durch Mitglieder eingeführte Gäste haben Zutritt. 22 Berlin, 12. März. Auch in diesem Jahre veranstaltet der Deutsch-Israelitische Gemeindebund eineuKursus zur musikalischen Fortbildung jüdischer Kantoren. Der Kursus reicht vom 15. April bis zum 4. Juli 1901 und steht jeden! stimmbegabten staatlich geprüften israelitischen Lehrer kostenlos offen, sofern er sich znm regelmäßigen Besuch des ganzen Kursus und zur privaten Benutzung eines Klaviers verpflichtet. Zu Aufnahmeprüfungen sind die Leiter der Hebungen, die Herren Kantor A. Friedmann und Musikdirektor William Wolf, am Freitag den 12., Sonnabend den 13. und Sonntag den 14. April und auch schon vorher bereit. Weitere Auskunft ertheilt das Bureau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebnndes, Berlin >V., Sigismundstr. 5. Berlin, 1. März. Das Israelitische Lehrerinnenheim in Steglitz bei Berlin, gegründet vom Verein „Israelitisches Lehrerinnenheim", eröffnet am 5. November 1899, bietet wissenschaftlichen und technischen Lehrerinnen, Erzieherinnen und Damen, welche ihre Befähigung im Lehrfach nachgewiesen, zehn Jahre in ihren! Berufe thätig wa. en und das 55. Lebensjahr erreicht haben oder ausnahmsweise früher erwerbsunsähig wurden, lebenslänglich Aufnahme bei einmaliger Einzahlung von 500 Mark, gewährt möblirte Wohnung mit Verpflegung, Heizung, Licht und freier Wäsche; in Krankheitsfällen Arzt und Medizin. Im Bedürfnißfalle kann eine Ermäßigung der Einzahlungssnmme eintreteu. Anfragen von Bewerberinnen bei dem Vorsitzenden Herrn Sanitätsrath Dr. Wiesenthal. Linkstraße 3, oder der stellvertretenden Vorsitzenden Fräulein Pauline Münchhausen, Großbeerenstraße 94. Anmeldungen von Mitgliedern bei den! Schatzmeister Herrn C. L. Netter, Belle-Allianceplatz 8/9. z. Berlin, 6. März. Am 24. v. M. fand im Saale des Bruder- Vereins, Unter den Linden 4a. die sehr gut besuchte Generalversammlung eines der ältesten Wohlthätigkeitsvereine, Schorn er Laboker und Mis ch a n A belim , zur Unterstützung armer Leidtragender statt, welche der 1. Vorsitzende Herr Fabrikbesitzer I. Weinberg eröffnete und leitete. Derselbe gab an Handdes den Mitgliedern rechtzeitigzugegangeuen Jahresberichts näheren Ausschluß über den Verein im Berichtsjahre und hob ganz besonders hervor, das; infolge des im Oktober v. I. den hiesigen Gemeindemitgliedern zngegangenen Aufrufs derselbe die hochansehnliche Zahl von 150 neuen Mitgliedern erworben, so daß dieser jetzt 490 Mitglieder einschließlich 20 immerwährenden zähle. Die Beiträge, die imJahre 1897 846 Mark. 18981597 Mark. 18992981 Mark betrugen, sind im Jahre 1900 auf 3308 Mark gestiegen; ferner die Einnahmen aus den B ü ch s e n. die im Jahre 1897 737 Mark. 1898 2969 Mark. 1899 4444 Mark betrugen, sind im Jahre 1900 auf 5224 Mark gestiegen. Endlich sind die Unterstützungen an Leidtragende von 4101 Mark im Jahre 1898, 5431 Mark 1899, im letzten Jahre auf 6457 Mark gestiegen. Auch der Versand der Büchsen ist von 262 im Jahre 1898 auf 504 im Jahre 1900 gestiegen. Die ausscheidenden Vorstandsmitglieder, und zwa! die Herren I. Weinberg, Max Lichtenstein und Emil Pincns, wurden per Acclamation wiedergewählt; zu Revisoren wurden Herr- Paul Cohn wieder-, Herr Moritz Nosenow neugewählt. Berlin, 11. Mürz. Am 7. d. M. ist hier der Justizrath Dr. Julian Goldschmidt im 58. Lebensjahre verstorben. Derselbe war ein Sohn des sel. Rabbiners Dr. Goldschmidt in Leipzig und Schwiegersohn des sel. Rabbiners Dr. Aub in Berlin. Der Verstorbene war im Jahre 1843 in Warschau geboren nnd wurde nach Absolvirung seiner Nechtsstndien in verhältnismäßig jungen Jahren zum Stadtrath in Posen gewählt. Dort verblieb er jedoch nur ein Jahr, um dann den Direktorposten der Norddeutschen Bodenkreditbank zu übernehmen. Im Jahre 1879 wurde er als Rechtsanwalt beim Kammergericht zugelassen, worauf er 1894 zum Notar ernannt wurde. Bei seinen Berufsgenossen erfreute er sich großer Werthschätzung, die darin ihren besonderen Ausdruck fand, daß er vor mehreren Jahren zum Vorsitzenden des Berliner Anwaltvereins gewählt wurde, welches Ehrenamt er bis zu seinem jähen Tode verwaltete. Der Verstorbene ist auch schriftstellerisch mehrfach thätig gewesen und zwar unter den Pseudonymen „Justinus Möller" und „Erwin Kruse". Seine hauptsächlichsten Werke sind: Gründerprozesse, erschienen 1872. Deutsche Hypothekenbanken, Kritik und Reformvorschläge <1880). lieber den Entwurf eines Gesetzes betreffend das Faustpfandrecht für Pfandbriefe <1880). Zur Reform des Bankdepotwefens <1892). Nichteramt nnd Advokatur '(1897). Zur Reform der Armenrechtspflege <1899). Die Tranerfeier fand gestern im Sterbehause statt. Nachdem der Synagogenchor dieselbe mit einem Gesang eröffnet hatte, sprach als ältester Freund des Verstorbenen Geheimer Regiernngsrath Professor der Staatswissenschaften Dr. Gustav Cohn aus Göttingen. Seine Vorzüge als Kollege, Jurist und Vereinsvorsitzender schilderten im Namen des Anwaltvereins Justizrath Kette nnd Justizrath Jacob-