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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-15 · Heft 11 (15.3.1901) · p. Seite 132

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 11 (15.3.1901)
Date
1901-03-15
Page
Seite 132 (sequence 14)
Language
German
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132 „Du willst mir also nicht diktiren?" fragte Kronele lächelnd, „Du verstehst Dich sonst so gut auf Briefdiktiren!" Frau Reich konnte nicht umhin und lächelte selbst. Unttz Kronele schrieb mit rascher Feder folgenden Brief: „Mein Herr! In dem Augenblicke, wo der Vater Leons mich gezwungerr hat, meine Tochter Heva mit seinem Sohne zu verlobe», damit die Heirath in zwei Monaten stattfinden könne, habe ich meine Tochter Kronele gefragt, ob sie glaube, daß Sie aus Afrika zu uns kämen, wenn ich sie zugleich mit Ihnen verlobe? Und da Kronele ohne zu zaudern meine Frage mit einem herzhaften Ja beantwortete, so habe ich die Ehre, Ihnen anzuzeigen, daß wir gestern Abend Ihr Verlöbniß mit meiner älteren Tochter feierlich begangen haben. Alles ist zur Heirath bereit, die Braut sowie ihre Mitgift, erstere freilich etwas kränklich. Es fehlt nur noch der Bräutigam! „Indem ich Ihnen hiermit Maseltow wünsche, hoffe ich mit der ersten Post eine Antwort von Jhneu." „Es ist recht so," sagte die Mutter, indem sie den Brief zeichnete. Kronele fügte noch diese Zeilen hinzu. Mein Lieber! Ich habe eine Mutter, und eine Mutter, unserer Liebe würdig. Ich bin überglücklich, und mit Gottes Hilfe bin ich bald genesen. Ich habe das Versprechen, das ich mir gegeben, gehalten und habe das Ihrige verbürgt. Wenn Sie es zurückzögen, würden Sie mir damit das Leben nehmen. Von heute an ist es mir aufs Neue erlaubt, unsere Freundin Sommer zu besuchen. Wenn mir das Glück zu Theil wird. Ihre Gattin zu werden und mit Jhneu nach Algerien zurückzukehren, so muß die Familie Sommer uns begleiten, wenigstens bis nach Paris, wo sie Beide zu wohnen wünschen. Mein Herz jubelt vor Freude, meine Seele schwimmt in Wonne. Ich bin so glücklich, daß ich, um Gott zu danken, alle Herzen und alle Seelen mit uns glücklich machen möchte. Maseltow! Mein Guter, mein Süßer, mein Herr und Bräutigam! Maseltow! Kronele. * Es ist Brauch im Elsaß, daß die jüdische Braut ihre» Gespielinnen an dein ersten Festtage, der ans ihr Verlöbniß folgt, ein kleines Mahl mit Kuchen und Früchten zum besten giebt. Dies Mahl heißt Spinnholz. Es bedarf keiner Einladung. Die Braut hat kein Recht, ein Mädchen des Dorfes, und sei sie ihre Todfeindin, abznweisen, sobald sie in ihrem Hause erscheint. Der Bräutigam hingegen, ist er im Dorfe, führt die jungen Bursche ins Wirthshaus und bezahlt die Zeche für sie. Am ersten Pfingsttag hatte Frau Reich zwei Tafeln vorbereitet. Leon, obfchon nicht aus dem Dorfe gebürtig, hatte der Jugend einen Tanz und Wein versprochen. Frau Reich empfing die Dorfmädchen an der Thür und antwortete auf ihre Glückwünsche: „Sie wissen, daß nicht allein Heva, sondern auch Kronele Braut ist." Und um Allen zu beweisen, daß es ihr Ernst sei, hatte sie Kronele gebeten, sich als Braut zn schmücken und als ältere Tochter den Ehrenplatz, das heißt den Eckplatz, einzunehmen. Das Fieber hatte Kronele nicht ganz verlassen, doch gehorchte sie mit Freuden ihrer Mutter, zog ihr schönstes Kleid an, flocht Rosmarin in ihr Haar und nahm die Glückwünsche der Dorfjugend an. Mitten in diesem Jubel erscholl Plötzlich die Stimme der Feißlerin im Hofe. „Und auch ich wünsche Euch Maseltow," rief sie, „ich hab's vorausgesagt. Es wundert mich nur, daß Ihr so lange gezaudert habt." „Und warum?" fragte ärgerlich die Mutter. „Weil Kronele sehr gut wußte, was sie that. Elias ist kein schöner Mann, aber reich, sehr reich! Mein Mann, der diese Woche bei der Mutter des Elias war —" „Nun, was wißt Ihr?" fragten alle neugierig. „Seine Mutter sagte, daß ihr Sohn viel Geld verdient, er ist etwas wie erster Schreiber des Gouverneurs, die Zeitung hat von ihm gesprochen und es heißt sogar, er habe einen Orden erhalten. Seibel wird lachen, wenn er erfährt, daß die stolze Frau Reich ihm eine Gunst zu erweisen denkt, weil sie ihre Tochter ihm gnädigst gewähre. Ach, er wird nicht kommen, er hat jetzt andere Mädchen zur Brautwahl!" Der Pfeil traf das Herz der Mutter, die blaß und lautlos gegen ihre Gewohnheit keine Antwort fand, aber Kronele schloß sie heftig in ihre Arme und sagte laut: „Sei ohne Sorge, Mutter! Er kommt und wäre er Kaiser geworden!" * * -i- Obschon schmerzenskrank und fieberschwach, schöpfte Kronele neue Kraft und Gesundheit aus ihrer Kindespflicht, sobald es galt, die Mutter zu Pflegen. Denn Frau Reich erkrankte bald nach Pfingsten. Nicht allein schmerzte sie der Vorwurf, den sie sich machte, ihr Kind so lange gequält zu haben, sondern der Gedanke, daß Elias jetzt ihre Tochter verschmähen könne, brachte sie fast zur Verzweiflung. Während drei Wochen hütete sie das Bett im heftigsten Fieber, und oft schrie sie in der Hitze: „Er kommt nicht, Kronele, er kommt nicht!" Kronele verließ ihre Mutter nicht einen Augenblick. Immer über ihr Gesicht gebeugt, das sie mit Küssen und Thränen bedeckte, tröstete sie: „Mutter, er kommt, ich bin dessen sicher!" Nach drei Wochen konnte die Mutter das Bett ,wieder verlassen, dank der Pflege und den süßen Liebesbetheuerungen ihrer Tochter. Wer sie aber so blaß und mager, von dem Arm ihrer Tochter unterstützt, im Garten auf- und abgehen sah, während Kronele trotz der Nachtwachen immer an Frische und Gesundheit gewann, hätte glauben mögen, die Mutter sei ein Opser der Halsstarrigkeit ihrer Tochter. Endlich kam der so lange ersehnte Brief aus Afrika. Er war noch nicht erbrochen, als bereits zwanzig neugierige Dorfbewohner von Haus zu Haus wie Telegraphen sich aufstellten, um die gute oder die schlechte Antwort schnell bekannt zu machen, denn seit einem Monat begegnete man sich nicht im Dorfe, ohne sich gegenseitig zn fragen: Kommt er oder kommt er nicht? Frau Reich zitterte, als sie den Brief erbrach. Kaum aber hatte sie die erste Zeile gelesen, so siel sie Kronele um den Hals: „Er kommt, er ist schon da!" Die arme Frau vergoß Freudenthränen, als wäre er für sie gekommen. In der That kündigte Elias an, daß er mit seinem Briefe zugleich die Reise antrete, und daß nur ein Aufenthalt von zwei Tagen in Paris ihn verhindere, den Brief selbst zu überbringeu. (Forts, folgt.! Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion; Mar Bauchwitz in Berlin.

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