Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1901)
- Date
- 1901-03-15
- Page
- Seite 130 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Ernst Häckels Schöpfungsgeschichte. Das einzige, was Noth thut, ist blinder Glaube, auf diesen Glauben konzentrirt sich denn auch die ganze Kraft der groben leitenden Geister und der verantwortlichen Hüter des Volkes. .. dagegen lautet gleich das erste Gebot Moses: „ich bin der Herr, der ich dich aus Aegyptenland geführt hat. Der Glaube knüpft, wie inan sieht, sofort an geschichtliche Thatsachen an." Auf aü dies läßt sich nur antworten: Von blindem Glauben ist gerade beim Mosaisnius absolut keine Rede, wie auch die hebräische Sprache meines Wissens ein Wort für „Glaube" gar nicht in dem Sinne Chamberlains kennt; im Mosaisnius heißt es: nanseli vvemZt-Iimall: d. i. auf Grund des Nachforschens, aus Grund religiösen Empfindens und Nachdenkens sein Dasein aufbauen, Moralleben. Was freilich das Anknüpfen an den Auszug aus Aegypten anbelangt, so dient der Hinweis wie ail allen übrigen Stellen, dazu, das Volk daran zu mahnen, daß ein Gesetz, ein Recht für den Einheimischen wie für den Fremdling ist: vor Gott giebt es keine Knechte. Und was sonst das Anknüpfen an die Vergangenheit anlangt (ok. übrigens das charakteristische Kapitel 2 im Exodus!), so liegt darin nicht ein Materialismus der Auffassung, bei dem es jeder Spekulation ermangelt, sondern gerade weil der Jude der Gegenwart nicht lebte, das Räumliche-Nebeneinander (wie der Grieche in der Kunst!) nicht festhielt, vielmehr der Vergangenheit und Zukunft (wofür ein vortreffliches Spiegelbild die hebräische Sprache), »veil er das Zeitliche-Nacheinander erlebte, so konnte das religiöse Denken hier seinen Spielraum finden, und eS fand ihn im Psalter mit der ganzen Fluth der Sprache und tiefen Ergriffenheit, mit der der Mensch das Ich zum Schöpfer des Alls in Beziehung setzen kann. Gewiß hat hier nur die Lyrik, die Kunst des subjektiven Seelenlebens, die „Melodie, deren Text die Welt" ist, ihre Ausprägung erhalten, aber diese Lyrik ist so erhaben im Erguß der Gefühle und der Betrachtung der Welt, daß sie forthalleu wird durch alle Zeiten und Völker; ja „die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, und die Neste verkündigt das Werk seiner Hände." Erscheint jetzt nicht jene Behauptung Chamberlains banal: „Gott ist hier nicht aus innerer Erfahrung postulirt, nicht aus der Betrachtung der Natur errathen." Chamberlain sagt (S. 410): „Wenn man von der unvergleichlichen Kraft des semitischen Glaubens spricht, so darf man nicht übersehen, daß dieser Glaube sich auf einen äußerst dürftigen, beschränkten Stoff richtet" .. . Hierauf ist streng genommen nur zu erwidern, der Monotheismus des Jndenthums ist überhaupt die Religion des Verstandes (man denke einmal an das Buch Hiob!), er ist und wird Religion des Herzens, sobald iu ihr das Verhältnis; Gottes zur Welt und zum Ich aufgeht, und die unendliche Liebe des Vaters aller Menschen zum Bewußtsein kommt, dann ist die Gotteserkenntniß „der Baum des Lebens für Alle, die sie ergreifen, und selig sind, die sie halten. Ihre Wege sind daun liebliche Wege, und alle ihre Steige sind Friede." (Spr. 3, 18, 17.) Dies mag vorerst und für diesen Ort über Chamberlains Ansichten hinsichtlich des Judenthums genügen. Wir sehen auch ab von seinen pseudo-wissenschaftlichen antisemitischen Ansichten über die jüdische Ethik (S. 373), über die beabsichtigte Separation seitens der Juden von den übrigen Völkern (S. 326), die sich durch die klassischen Stellen Lev. Kap. 18 und 20, wo die Absonderung als Mittel zinn Zweck, nicht als Selbstzweck sich darstellt, widerlegen läßt, und haben nur das Wort übrig: Haben! Sun lata libelti, und wenn auch Chamberlains „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" schon manchen Bibliothekfchrank schmücken oder besser nicht schmücken, so gilt doch nur das Goethesche Wort von diesem Werke: „Man braucht nur etwas auszusprechen, was dem Eigendünkel und der Bequemlichkeit schmeichelt, um eines großen Anhangs iu der mittelmäßigen Menge gewiß zu sein" — mehr nicht. Die KLnigsbrant. Historische Erzählung von Carola Buchheim. XI. chnen Augenblick war der König wie geblendet an der Schwelle stehen geblieben, dann aber eilte er auf Recha zu, und in überströmender Leidenschaftlichkeit erfaßte er die Hände des Mädchens und führte sie an sein Hochklopsendes Herz und dann an seine Lippen, die er mit heißem Drucke daraus ruhen ließ. „Mein gnädiger König," stammelte in höchster Verwirrung das Mädchen, „nicht doch, gestattet, daß ich Euere Hand küsse. Mein Vater ist nicht zu Hause — in der Synagoge..." „O, daß er doch noch lange fern bliebe und nur das Glück Eueres holden Anblicks allein überließe!" rief der König, indem er sich an Rechas Seite niederließ. Sie hatte ihm ihre Hand entzogen, die er noch in der seinen gehalten und senkte den Blick schüchtern zur Erde. „Ihr seht mir nicht ins Antlitz," forschte der König, „ist Euch mein Anblick so zuwider?" „Mein Herr und König," flüsterte Recha, „wie könnt Ihr dies fragen. . .." „Ihr seht es also gern, wenn ich bleibe," fragte der König, indem er sich neigte, um in die zu Boden gewendeten Augen des Mädchens zu blicken, „sagt, Recha?" „O mein gnädiger König! Was kann Euch daran liegen? Bin ich doch nur ein niedriges Judenmädchen, und Ihr seid der große, mächtige König von Polen!" „Recha! Begreifst Du denn nicht, daß Deine Schönheit Dich erhebt über alle Frauen dieser Erde? Und daß Du für mich eine Göttin bist, ja, Recha, eine Göttin, deren Kultus ich mich geweiht habe fortan mit meinem ganzen Herzen! Er hatte es hervorgestoßen, rasch, leidenschaftlich, glühend vor innerer Erregung, und diese Erregung spiegelte sich in seinen Zügen, in seinem männlich schönen Gesichte. „Recha," setzte er leise hinzu, „kannst Dn es vergessen, daß der König zu Dir spricht? Recha, sieh mich au, gönne mir den holden Anblick Deiner Züge — Recha sieh in mir nicht den mächtigen König, nein! Höre auf die Stimme, die aus meinem Herzen zu Dir spricht, und die Dir laut und rückhaltlos zuruft: Ich liebe Dich!' Sie erhob den glänzenden Blick, und ihr dunkles Auge tief in das Antlitz des König senkend, sagte sie leise: „Ich wußte es!" „Wie! Recha, Du konntest ahnen? Und auch Dir ging bei unserem ersten Anblicke das Bewußtsein auf, daß unsere Herzen für einander schlagen, daß jeder Pulsschlag unseres Lebens nuferer Liebe gilt!"