Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1901)
- Date
- 1901-03-15
- Page
- Seite 129 (sequence 11)
- Language
- German
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129. kosmischen Weltalls, sondern der Gott der Juden; er hat nur die übrigen Götter umgebracht, vertilgt, wie er auch die übrigen Völker noch vertilgen wird, mit Ausnahme derer, die den Juden als Sklaven dienen sollen. Das ist doch kein Monotheismus, sondern ungeschminkte Monolatrie!" Man sieht, man hat es hier wieder mit der alten Phrase von dem nationalen Gott der Juden zu thun. und doch beginnt die Schrift mit der Schöpfung der Welt (s. unten) aus der Hand Gottes, und derselbe Gott, der die Lehre Israel verkündete, ist es, der „Himmel und Erde geschaffen", derselbe Gott ist „Richter der ganzen Erde", derselbe Gott ist „Gott der Geister in allem Fleische". Ueberall in der Schrift wird dieses Verhältniß festgehalten: Gott ist Gott des Weltalls und Gott der Gesannntmenschheit. Die große alte Lüge, als ob das Judenthum einem Nationalgott gehuldigt, rührt in erster Linie davon her, daß die Gegner des Judenthums das besondere Verhältniß, in welchem Israel als Verkünder der Gotteslehre in seiner Opposition gegen die anderen Völker nach mosaischer Auffassung dasteht, welches aber niemals den Begriff Gottes als Weltgott und Gott der Gesannntmenschheit beseitigte, nur dazu benutzten, um die Lehre des Judenthums als inferior hinzustellen. Heißt aber nicht schon der Segen Abrahams (Genes. 12, 3): „Es sollen durch dich gesegnet werden alle Geschlechter der Erde", betet nicht der König Salomo bei der Einweihung des ersten Tempels für alle Heiden, verkündet nicht der Prophet Zefanja (3, 9): „Fürwahr, dann wandte ich den Völkern eine lautere Sprache, daß sie Alle anrufen den Namen des Ewigen und ihm dienen einmüthig", ruft nicht der zweite Jesajas aus: „Wahrlich, mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker" (5V, 7); sagt nicht der Talmud (Tosest. Sanh. Xtll): „Die Gerechten aller Völker haben Antheil an der künftigen Welt?" Und wie steht es mit den Psalmen, dem unmittelbarsten Produkt des israelitischen Volkes? Hier gerade, wo meist die die Nation verschwindet und der Mensch in den Vordergrund tritt, hier zeigt sich in unzähligen Stellen, wie die Religion Israels den universellen Gott lehrte: Man lese nur Psalm 7, Vers 7 ff: Du hast Gericht verheißen, So schaare der Völker Gemeinde sich u»> dich, Und über ihr kehre zur Höhe: Der Ewige richtet die Völker, Es schwinde die Bosheit der Frevler, Du aber richt' ans de» Gerechten, Der du die Herzen und Nieren prüsst, gerechter Gott. Kann man da von einem nationalen Gott noch reden? Ist „Gemeinde der Völker" nicht der höchste Begriff von der Gesammtmenschheit? Man lese ferner Psalm 9, V. 8 ff.: „Der Ewige thront aus ewig, hat znm Gericht seinen Thron gestellt, Un der richtet die Welt mit Gerechtigkeit, urtheilt die Völker in Gradheit." Psalm 33, V. 13 ff.: Vom Himmel blickt der Ewige, siehet alle Menschenkinder, Von seines Sitzes Stätte schaut er auf die Erdenbewohner alle Er, der ihr Herz zumal gebildet, ans alle ihre Werke merkt. An anderer Stelle (S. 494 ff.) sagt Chamberlain: „Weit entfernt, das Unendliche zu empfinden, das sich lins mir in der Nacht oder durch die Millionen Stimmen des wimmelnden Lebens offenbart, fühlte er sich einsam und doch gefährdet.dies Leben war ein Kampf, in dem nur der rücksichtslose Egoismus bestehen konnte.Wir können verstehen, wie in einer solchen Umgebung sich jener durchaus egoistische Monotheismus entwickeln konnte, >vo der eine Gott nicht der große, überweltliche Geist ist, sondern ein harter, grausamer Herr, der nur für mich ist. Das ist der Monotheismus der Wüste, nicht ans der Idee des Unendlichen entspringt er, sondern aus der Ideenlosigkeit eines armen, hungrigen, gierigen Menschen, dessen Gedankenkreis sich kaum über die Vorstellung erhebt, daß Besitz, Macht höchste Wonne wäre." Ich verweise wiederum auf die Psalmen, auf jene erhabenen Naturpsalmen, wo die Herrlichkeit Gottes in der Natur dargestellt wird. Z. B. Psalm 29, wo es heißt: Die Stimme des Ewigen schallt über den Wasser», Gott, der herrliche donnert über großen Wassern, Jahwe's Stimme erschallt mit Macht, der Donner Jahwes mit Majestät. Jahwe's Stimme zerschmettert Cedern, es zerschmettert Jahwe die Cedern des Libanon, Jahwe's Stimme erschüttert die Wüste, Jahwe erschüttert die Wüste, die Wüste Kades, Jahwe's Stimme macht Hindinnen kreißen und entblättert die Wälder, in seinem Tempel ruft Alles: „Herrlichkeit." Jahwe thront über der Wasserflnth und so thronet Jahwe als König in Ewigkeit. Wenn man sich in diese Psalmen vertieft hat, kann man da noch die Behauptung wagen: „Das ist der Monotheismus der Wüste, nicht aus der Idee des Unendlichen entspringt er"? Kann man hier noch von einer Armuth der Phantasie reden, über die Chamberlain Seite»! um Seiten schreibt? Allein, auch die Schulfabel von jenem starren Monotheismus, die in Chamberlains Gedankengäugen wieder aufgetischt wird, von jenem einsamen, in ferner Ueberweltlichkeit gedachten und thronenden Gott in seiner absoluten Schöpsergewalt ist abstrahirt von der entschiedenen Kampfesstellnng, welche der Monotheismus gegenüber dem heidnischen Polytheismus einninnnt, eine Stellung, die, wenn anders die Idee selber gehalten werden sollte, meines Erachtens eine solch scharfe Betonung der Ueberweltlichkeit Gottes nothwendig erheischte: die religiöse Phantasie, die den Geist zu überwältigen Pflegt, hätte anderseits auch bald wieder dualistisch eine Zweiheit und Vielheit der Götterwesen ausgesponnen. Ist das aber nicht der überweltliche Geist, nach dem das religiöse Causalitäksbedürfniß der Vernunft verlangt, wenn es im Psalter (192, 27) von allen Wesen und Werken im Gegensatz zu Gott heißt: „Sie vergehen, er bleibt, sie alle veralten wie ein Gewand, und wie ein Kleid wechselt er sie und sie verschwinden." Ja, Gott ist dem Mosaismus das olljell nselier elljoll: das absolute Sein, die Allmacht und Allkraft, Schöpfer des Alls aus Nichts, der aber nach talmudischer Auffassung die Welt in jedem Momente des Daseins neu erschafft, neu sich entwickeln läßt. Gott ist, höre es Israel, das einzig seiende Wesen, dein allein der ewig wechsellose Bestand des Seins zukommt, und er ist anderseits der alliebende Vater, ein IN rarimm rveclnnmm, ein gnaden-und erbarmungsreicher Gott: das ist der Theismus des Mosaismus, und wenn auch das Vernunftsaxiom dem Menschen sagt: ax niliilo llt nillil, so giebt es für das Judenthum „ein Nichts" gar nicht, denn wo wäre es vor ihm, melol» allol Iinnrar: kevvoävli, dessen „Herrlichkeit die ganze Welt erfüllt". Chamberlain sagt an anderer Stelle (S. 409 ff.): „Gott ist dem religiösen Glauben der Juden nach auf geschichtliche Daten und materielle Thatsachen gestützt. Gott ist hier durch geschichtlich bezeugte Theophanien bekannt, nicht aus innerer Erfahrung postulirt: hier ist alles noch einfacher als Herrn