Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1901)
- Date
- 1901-03-15
- Page
- Seite 128 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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128 ist, wird dieser Gedanke von keiner anderen Korporation propagirt. Wenn Jemanden aus unserer eigenen Mitte die Schuld an der traurigen Lage der Juden treffen kann, so ist es die Repräsentanz der Wiener Kultusgemeinde, der ja eigentlich die Führung der Juden in Oesterreich zusteht, welche aber ihre hehre Mission nicht richtig aufznfaffen scheint. Nicht genug, das; selbe noch nie die Initiative ergriff zur Schaffung von Präveutivmaßregeln gegen die Judeunoth, werden von ihr alle diesbezüglichen Anforderungen verworfen, und ihr manche erst nach schweren Kämpfen abgerungen. An; 29. Januar 1895, zu einer Zeit, da die antisemitische Fluth noch nicht den Höhepunkt erreicht hatte, da die Luegerpartei trotz ihres klerikalen Hintergrundes noch nicht regierungsfähig war, jeder einsichtsvolle Jnde das herannahende Gewitter voraussehen konnte, unterbreitete Schreiber dieser Zeilen den; Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde von Wien ein Proineinoria, in welchem die Ereignisse, wie sie auch später eingetroffen, vorhergesagt wurden, auf die argen Schäden der Zerklüftung hingewiesen und die erste Kultusgemeinde des Reiches ersucht wurde, die Führung zu übernehmen und eine Vereinigung aller Kultusgeuieinden Oesterreichs ins Leben zu rufen, und als erstes Postulat dieser Vereinigung respektive Gemeindebundes die Aufgabe gestellt: „In allen die Juden betreffenden Fragen, wo immer sie auch auftauchen mögen, sei es in Vertretungs- oder Verwaltungskörpern, für oder wider Stellung zu nehmen." Es unterliegt keinem Zweifel, das; die damalige Regierung, der das Demagogenthum der Luegerpartei ein Dorn in; Auge war, gegen die Creirung eines solchen Bundes zum Schutze der Juden sich nicht ablehnend Verhalten hätte, das; ihr im Gegentheil eine geordnete Organisation der Juden willkommen war. Aber bei aller Würdigung der in »>einem Promemoria ausgeführten Idee lehnte der Wiener Kultusvorstand die von mir geinachte Anregung ab, mit der Erklärung, daß es noch nicht an der Zeit sei, zu einer derartigen Reform zu schreiten, und es erst der Zukunft überlassen bleiben muß, diese Idee wieder aufzunehmen und zur Ausführung zu bringen. Es darf nicht übersehen werden, das; durch die Proinulgirnng des Gesetzes, vom 21. März 1899, R.-G--B. Nr. 57, die Kultusgemeinden in Oesterreich gesetzliche Basis erlangt haben, das; daher einem Ceulralorgan aller Kultusgemeiuden Oesterreichs eine große Autorität zusteheu würde, namentlich wenn in Erwägung gezogen wird, das; nach den Bestimmungen des K 2 des erwähnten Gesetzes, jeder Israelit, der in einer Kultusgemeinde ständigen Wohnsitz hat, Mitglied dieser Gemeinde wird. Durch den Beitritt einer Gemeinde zu diesem Bunde wären alle in dieser Gemeinde wohnenden Juden so ipso Mitglieder dieses Bundes, und die Repräsentanz desselben wäre berechtigt, in; Namen aller dieser Juden zu sprechen und deren Rechte zu reklanüreu. Erst nach einigen Jahren, nachdem die Antisemiten von Erfolg zu Erfolg geschritten und de»; einstigen Demagogen Lueger die Thore der Hofburg geöffnet wurden, raffte sich der Wiener Knltusvvrstand, von der Provinz aus erst hierzu gedrängt, zu einer That empor und schuf den sogenannten „Allgemeinen Oesterreichisch-israelitischen Bund"; also nicht einen Bund der Gemeinden, sondern einen ganz gewöhnlichen Privatverein, und erst nach schweren Kämpfen konnte es der Regierung abgerungeu werden, daß auch Kultusgemeinden diesen; Vereine beitreten können. Ter eigentliche Zweck des Bundes, der Judenschutz, wird aber in den Statuten desselben erst in letzter Reihe angeführt, und dazu noch so verklausulirt, daß von demselben schwerlich Gebrauch gemacht werden kann. Die einzige That des Bundes, die nach Außen drang, war die Konstituirung desselben durch Wahl von Funktionären, sonst wüßte in Oesterreich kein Mensch, daß dieser Bund überhaupt existirt. Wenn die Herren, die an der Spitze des Bundes stehen, wenigstens wüßten, selbst von den in den Statuten des Bundes beschränkten Rechten richtigen Gebrauch zu machen, wäre es noch an der Zeit den; weiteren Fortschreiten der Judennoth Halt zu gebieten, und dieses anzuregeu, ist der Zweck unserer heutigen Auseinandersetzung. Aas Judenthum in H. Stewart Chamberlains: „Nie Grundlagen des XIX. Jahrhunderts". Randbemerkungen von Heinz Frank. s ist nicht unsere Ansicht, daß inan jeden Schmähartikel der antisemitischen Tageslitteratur einer Erwiderung würdig erachten müßte: jene obscuren Seribenten, die, wenn's gegen Juden und Judenthum geht, auf sichern Erfolg rechnen können, werden gewissermaßen zu anständigen Menschen gestempelt, indem ordentliche Menschen sich mit Jenen abgeben. Ein gebildeter Mensch wird von dergleichen Gekläff sich rächt beirren lassen, nur der Pöbel, dem der Gaukler blos gefällt. — Ganz anders steht die Sache, wen;; mau es mit einen; wissenschaftlichen Gegner zu thuu hat, anders steht es, wenn inan es mit de»; Verfasser eines Werkes zu thun hat, das den stolzen Titel „Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts" führt, denn hier möchte das Schweigen als Zugeständnis; mißdeutet werden, nach de»; alten Satze des Lateiners: tzui tuest eoussntirv viästur. - Wenngleich der Verfasser auch nicht den Anspruch erhebt, ein Fachgelehrter zu sein, beansprucht er doch, methodisch gearbeitet zu haben, vor allen; aber erklärt er (Einleitung S. X): „er (d. Vers.) müßte sich sagen, das; es etwas giebt, höher und heiliger als das Wissen: das ist das Leben selbst." Ja freilich, grau ist alle Theorie und grün der Baun; des Lebens, nur ist „das Leben selbst" nicht identisch mit Chamberlains Gefühlsduseleien. — Allein hier ist und kann nicht der Ort sein, auf eine Kritik des Werkes als solches einzugehen; wir haben an dieser Stelle nur zu fragen: wie denkt Chainberlain über das Judenthum? Auf eine Polemik in Bezug auf die verschiedenste» Stellen einzugehen. Widersprechendes aufzuweiseu, ist nicht der Zweck dieser Zeilen, nur in einigen Randbemerkungen wollten wir uns über die verschiedenen Gedankenreiheu Chamberlains äußern: S. 384 und 385 heißt es folgendermaßen: „In seiner Religion ist der Senat selbstsüchtig und ausschließend. Jehova ist nur der Gott der Hebräer, die ihn allein anerkennen, alle anderen Götter sind absolut falsch und Habei; nicht den geringsten Antheil an der Wahrheit." S. 493: „In das Judenthum ist nachweislich die Idee des einen Weltgottes nur in der spätesten postexilischen Zeit langsam eingedrungeu und ohne allen Zweifel unter fremdem, namentlich persischem Einfluß. Wollten wir ganz wahr sprechen, wir würden sagen: diese Idee drang niemals ein, denn heute noch wie vor 3090 Jahren ist Jahwe nicht der Gott des